| Titelthema: Vom Fürstentum zum Zarenreich – Moskaus Aufstieg
Aus dem Inhalt: Die Leiden des heiligen Russland: Tatarenjoch und Fürstenwillkür – Im Reich der Rus: Der Kampf um das Erbe von Kiew – Geldsack und Sieger: Die ersten Großfürsten im Kreml – Ausgriff und Angriff: Die Unterwerfung Nowgorods – Drittes Rom und erster Zar: Moskau unter Iwan III. – Mit westlichen Augen: Die "Moskowitischen Angelegenheiten" des Freiherrn von Herberstein – Der Schreckliche: Psychogramm eines Zaren – Iwans Eroberungen – Wilder Osten: Der Griff nach Sibirien – Zar Boris – Zeit der Wirren – Chronique scandaleuse: Totentanz der Fürsten: Intrigen am Tatarenhof
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Das aktuelle Thema: Tolkiens Welt: Der Forscher und der Mythenschöpfer Porträt: Walt Disney - Der Magier mit der Maus: Vom Werbezeichner zum Millionär Geschichte im Alltag: Königliches Konfekt - Das Marzipan Editorial
hat die Geschichtsschreibung denn nicht genug mit den Historien realer Staaten und Kulturen zu tun, dass wir uns im aktuellen Thema dieses Heftes mit der fiktiven Welt von "Mittelerde" und ihrem Schöpfer J. J. R. Tolkien beschäftigen müssen? Und dazu hat auch der Gegenstand unseres Porträts in diesem Monat seinen Namen mit der Kreation und Vermarktung märchenhafter Filmgeschichten gemacht. Nun, es wäre ebenso phantasielos wie kurzsichtig von den Historikern, keinen Blick auf die erträumten und erfundenen Welten in den Köpfen der Menschen zu verschwenden, denn diese Traumbilder können recht handfeste Auswirkungen auf den Lauf der realen Welt haben. Die Erfinder von Staaten der Gattung "Utopia", mögen sie nun in der Vergangenheit oder in einer Zukunft angesiedelt sein, haben immer wieder und häufig viel stärker in den Gang der Geschichte eingegriffen als so mancher Politiker oder Militär .
Ein gutes Beispiel für die "normative Kraft des Phantastischen" bietet das Hauptthema dieser Ausgabe: Der Aufstieg des Fürstentümchens Moskau zur Weltmacht und Beherrscherin des größten Kontinentalreichs der neueren Geschichte beruhte zu einem nicht unerheblichen Teil auf der Kraft politischer Visionen. Als sich Großfürst Iwan III. zum "Zaren" – also zum Caesar, zum Kaiser – ausrief und gleichzeitig seine Residenz zum "Dritten Rom", da werden die wenigen politischen Beobachter im Westen Europas, die das überhaupt zur Kenntnis nahmen, herzlich gelacht haben. Die Nachrichten über die (Un-)Taten seines Enkels werden diese abschätzige Meinung dann nur noch bestärkt haben. Doch bereits dieser schreckliche Iwan konnte mit den ideologischen Pfunden wuchern, die der Großvater mit dem Zarentitel in die Moskauer Fürstentruhe gelegt hatte: Iwans IV. Drohung, die Krone niederzulegen, womit er sich freie Hand für die brutale Vernichtung der Bojarenmacht erpresste, konnte nur funktionieren, weil das Zarentum bereits eine Bedeutung gewonnen hatte, die über die Niederungen der Tagespolitik hinaus reichte. Dieses überhöhte Image rettete das Zarenreich dann auch durch die schlimme "Zeit der Wirren", die letztlich Iwan selbst durch den Totschlag am eigenen Sohn zu verantworten hatte. Unter der neuen Dynastie der Romanows wandelte sich dann die Vision vom "Dritten Rom"endgültig vom Rettungsanker zum konkreten politischen Programm, das Russland auf den Weg zur Weltmacht brachte.
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