| Titelthema:Von Austerlitz nach Moskau: Napoleon I.
Aus dem Inhalt: Vive l'Empereur! – Eine Krone für den Korsen – Verwandler der Zeit – Der Glanz des Empire – Zurück zu Recht und Ordnung – Duell im Atlantik – Die Sonne von Austerlitz – Geburt eines neuen Deutschlands – Preußen am Abgrund – „Weltseele zu Pferde“ – Herr Europas – Andreas Hofer: Aufstand in den Alpen – Spanien: Der Schrecken des Krieges – Moskau in Flammen
| Blickpunkt: Wallfahrt nach Rom – Via Francigena Porträt: Michail Gorbatschow Geschichte im Alltag: Der Versandhandel Schiffe und Schicksale: Die „München“
Editorial Wiederholt sich Geschichte? Drei Männer sind an den unbesiegbaren Weiten Russlands gescheitert: Karl XII. von Schweden, Napoleon Bonaparte und Adolf Hitler. Der Verlauf ihrer Feldzüge weist erstaunliche Parallelen auf: schneller Vormarsch, leichte Siege, plötzliche Rückschläge und Niederlagen – dann Rückzug und zum Schluss nur noch eine bittere Agonie in Eis und Schnee. »Ein Mann wie ich schert sich einen Dreck um das Leben von einer Million Menschen«, soll Napoleon angeblich einmal dem österreichischen Kanzler Fürst von Metternich in einem Wutanfall entgegengebrüllt haben; ein Satz, der durchaus auch im Führerhauptquartier hätte fallen können.
Doch sollte man sich davor hüten, den äußerst beliebten Vergleich von Napoleon und Hitler überzustrapazieren. Die Truppen der Grande Armée öffneten die Ghettos im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, statt welche zu errichten. Der »Code Napoléon« kannte keine Unterschiede zwischen Religionen und Rassen, er war den hohen Idealen der Französischen Revolution von Gleichheit und Freiheit verpflichtet. Niemand kann sagen, wie lange ohne Napoleons Einfluss das alte, morsche Reich noch vor sich hingefault hätte. Ein bunter Flickenteppich aus Fürstentümern, Kleinstaaten, Bistümern und Freien Städten – zweifelsohne äußerst dekorativ auf der Landkarte, aber als politischer Akteur im Konzert der europäischen Großmächte ein trauriger Witz. In nur wenigen Jahren vollzog sich unter Napoleon jene große deutsche Flurbereinigung, deren Konturen man noch heute am Grenzverlauf vieler Bundesländer erkennt.
Aber Napoleons Bedeutung für die deutsche Geschichte geht weit darüber hinaus: Erst nach den schmerzlichen Niederlagen und tiefen Demütigungen haben die Deutschen ernsthaft begonnen, über sich selbst nachzudenken und sich die Frage zu stellen, welchen Weg sie als Volk in Zukunft beschreiten wollen. Napoleon war der Katalysator, der den nationalen Einigungsprozess erst in Gang gesetzt hat. Wir haben dem korsischen »Ungeheuer« sehr viel zu verdanken.
Dr. Klaus Hillingmeier Chefredakteur G/GESCHCHTE
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