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Der einsame Krieg


Vilnius ist 2009 Europas Kulturhauptstadt: Neben Feierlichkeiten wurde auch an den langen, erbitterten Partisanenkampf der Litauer gegen die Sowjets erinnert, mit dem die Unabhängigkeit erreicht werden sollte. Dazu kam es erst 1991.

Durch die Vergabe des Kulturhauptstadt-Titels an die litauische Hauptstadt rückt das kleine Land an der Ostsee in den Fokus der europäischen Öffentlichkeit. Seine Geschichte ist geprägt durch brutale Unterdrückung und erbitterten Widerstand. Die Erinnerung an diese schwere Zeit des Freiheitskampfes gegen Stalins Sowjetunion hält in Vilnius ein Museum wach.

Der Name „Museum der Genozidopfer beim Zentrum für Erforschung von Genozid und Widerstand der litauischen Bevölkerung“ ist den Bewohnern von Litauens Hauptstadt zu sperrig. Sie nennen die Gedenkstätte hinter der protzigen Gründerzeitfassade schlicht das „KGB-Museum“. Recht haben sie, denn es ist einer der zentralen Orte, an denen litauische Geheimpolizisten im Sold der Moskauer Regierung und unter Führung des sowjetischen Geheimdienstes KGB dem Widerstand in diesem Land nach dem Zweiten Weltkrieg brutal ein Ende setzen wollten. „Hier haben sie unsere besten Leute erst gequält und dann ermordet“, sagt der Direktor des Museums, Engenijus Peikstenis, ein agiler Mann von Ende Vierzig. Er führt durch die Dauerausstellung, zeigt Waffen und Ausrüstung der Rebellen, deutet auf ihre Fotos, Ausweise, Briefe und andere Dokumente und erklärt ihre Strategien.

1995 wurde das KGB-Museum unter großer Anteilnahme der Bevölkerung am Gedomino Prospekt, der Hauptgeschäftsstraße von Vilnius, eröffnet. Drei Jahre später entdeckten Bauarbeiter im Kellerbereich hinter einer Mauer einen weiteren langen Zellentrakt. Hinter dem massiv vermauerten Zugang fanden die herbeigerufenen Mitarbeiter des Forschungszentrums Säcke voller geschredderter Häftlingsakten, offenbar hatte man hier 1991, in den letzten Wochen der sowjetischen Herrschaft, versucht, Dokumente zu vernichten und den verwinkelten Zellentrakt zu verbergen. In den Bergen von Papierschnipseln sind Tausende Schicksale dokumentiert, in der Dauerausstellung sind sie nun – von Historikern rekonstruiert – zu begutachten. Zeitweise waren in den 58 Zwei-Mann-Zellen bis zu 15 Häftlinge eingesperrt. Sie schliefen abwechselnd auf den Pritschen und dem Boden.

Die oberen Geschosse des Gebäudes im neohistorischen Stil dienen heute wieder als hauptstädtisches Gericht von Litauen, wie schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dutzende Gedenktafeln an der Fassadenfront erinnern an die Opfer der Unrechtszeit. Insgesamt wurden in den rund 400 Räumen zwischen der sowjetischen Eroberung Litauens 1944, die die Besatzung durch die deutsche Wehrmacht beendete, und dem Sieg der neuen Besatzer über die litauischen Partisanen neun Jahre später 1037 Menschen ermordet. In dem Krieg um die Hoheitsrechte des baltischen Staates fielen zehntausende litauische Partisanen und eine unbekannte Zahl von Sympathisanten, vor allem unter der ländlichen Bevölkerung.

Ihre oft übel misshandelten Leichen wurden auf Müllhalden oder in Brunnen geworfen, in Sümpfen versteckt oder einfach im Wald liegen gelassen, wo Tiere sich an ihnen zu schaffen machten. Manche Körper von getöteten Partisanen konnten von Kameraden geborgen oder von Angehörigen aus den Höfen provisorischer Gefängnisse gestohlen und anschließend begraben werden. An diese Opfer erinnert die Steinpyramide vor dem KGB-Museum. Ständig frische Blumen liegen vor dem Mahnmal, Passanten haben Kerzen angezündet, Schulklassen erhalten dort von ihren Geschichtslehrern eine Lektion in Zeitgeschichte erteilt. Auch ältere Litauer erfahren an diesem Ort erstmals von den Zuständen nach dem Zweiten Weltkrieg. Unter den Sowjets war die Erinnerung daran verboten und wurde systematisch bestraft.

Litauen, das nach dem Ersten Weltkrieg 1918 zum ersten Mal in seiner Geschichte unabhängig geworden war, wurde mit Beginn des nächsten Krieges erneut zwischen zwei Großmächten aufgerieben. Der Hitler-Stalin-Pakt schlug das kleine Land zunächst der deutschen Einflusszone zu. Aber bereits am 28. September 1939 wurde Litauen mit der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrags Teil des sowjetischen Einflussbereichs. 1940 annektierte die Sowjetunion das Land und verleibte es sich als sozialistische Sowjetrepublik ein. Für die litauische Bevölkerung begann damit eine lange Leidenszeit, die sich mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 und der Rückeroberung Litauens durch die Rote Armee 1944 fortsetzte.

Die Litauer, unter den Sowjets, den Deutschen und dann wieder unter den Sowjets ohne Unterbrechung unterdrückt und drangsaliert, kämpften nun wie nie zuvor für ihre Unabhängigkeit. Das Nationalbewusstsein im Land war stark ausgeprägt. Geführt von ehemaligen Offizieren der zerschlagenen litauischen Armee verschanzten sich aufgebrachte und todesmutige Arbeiter und Bauern in den dichten Wäldern und anderen Verstecken. Bereits im ersten Jahr des Freiheitskampfes (1944/45) starben bei Gefechten mit der sowjetischen Armee etwa 10 000 Litauer. Nur dürftig bewaffnet griffen wagemutige Kommandos von um die 200 Mann aus dem Hinterhalt Stützpunkte der Roten Armee und sowjetische Verwaltungsbehörden an. Zur Strafe wurden etwa 140 000 Litauer gefangen genommen, sowie 118 000 in die Verbannung nach Sibirien und in andere fernöstliche Gebiete geschickt. Die Betroffenen erlitten dasselbe Gulag-Schicksal wie Millionen von Ukrainern und Angehörigen anderer Nationalitäten im zwangsvereinten Riesenstaat Sowjetunion. Von den Verbannten kehrten nur ganz wenige zurück.

„Litauen kämpfte seinen Krieg alleine“, sagt Dalia Kiodyte, Generaldirektorin des Zentrums in Vilnius. Immer wieder richteten Partisanen Appelle ans westliche Ausland, aber die dortigen Regierungen befanden sich mit dem Diktator Stalin in Verhandlungen und wollten diese nicht gefährden. So verschlossen sie die Augen vor dem Leiden der Litauer. Einzig die westlichen Medien berichteten gelegentlich über die Ereignisse des litauischen Unabhängigkeitskrieges.

Die Sowjets reagierten auf den Widerstand auch mit drastischen Repressionen gegen die Zivilbevölkerung. Im Zuge von verschärften Strafoperationen wurden ganze Siedlungen samt Bewohnern eingekesselt und verbrannt. Die grausigen Verhörmethoden der Sowjets und die massenhafte Zwangsrekrutierung junger Litauer für die Rote Armee verstärkte aber erst recht den Zulauf zu den Partisanen. Historiker vermuten, dass sich Zehntausende – teilweise die jungen Leute ganzer Dörfer – dem sowjetischen Wehrdienstzwang verweigerten und in die Wälder schlugen. Am Ende war die Übermacht der Sowjets aber zu groß. 1953 waren nur noch etwa 2000 Partisanen in den Wäldern verschanzt, es kam kaum noch zu Angriffen auf die sowjetischen Okkupanten. Der Widerstand musste aufgegeben werden, der Kampf um die Unabhängigkeit des Landes war verloren.

Nicht alle Partisanen waren hehre Helden mit Idealen und sauberer Kampfmoral. Manche nutzten die Vorstöße und Attacken in Feindesgebiet, um wehrlose Landsleute in Dörfern und kleineren Städten zu erpressen, zu berauben, zu vergewaltigen oder sogar zu ermorden. Unter den Widerständlern sammelte sich auch ein Bodensatz von Kriminellen. Erstaunlich viele Litauer hatten sich während der Besetzung durch die Deutschen bereits als Kollaborateure gegen die eigenen Landsleute in die Pflicht nehmen lassen, hauptsächlich gegen die litauischen Juden. Vilnius besaß bis zum Überfall von Nazideutschland eine der größten jüdischen Gemeinden in Europa, es war bekannt als Stadt der Rabbiner und der klugen Thora-Gelehrten. Das jüdische Viertel wurde zum Getto umfunktioniert, Erschießungen fanden auf offener Straße statt, es kam zu unvorstellbaren Grausamkeiten. Manche Litauer nutzten die Gelegenheit, um alte Rechnungen mit jüdischen Nachbarn auf brutale Art zu begleichen. Aus den Gedichten und Aufzeichnungen des überlebenden jüdischen Schriftstellers Abraham Sutzkever wissen wir von den Traumata des jüdischen Bevölkerungsteils. Sutzkever und seiner Frau gelang 1943 die Flucht aus dem Getto zu den Partisanen. Dabei traf er in den Wäldern auch auf litauische Häscher, Schläger und Mörder, die im Getto gewütet hatten und sich nun als Freiheitskämpfer ausgaben.

„Die Zeit der Unabhängigkeit des Landes ist noch sehr kurz, sehr viele Familien in Vilnius und im Land sind nach wie vor Betroffene“, sagt die Journalistin Judith Lewonig. Die gebürtige Österreicherin lebt seit 1998 in Litauen und berichtet aus Vilnius für österreichische Medien. „Für sie ist es enorm wichtig, dass viele der Besucher Litauens von dem Unrecht Kenntnis nehmen. Die Qualen, Leiden und die vielen Toten im Kampf um die Unabhängigkeit Litauens sollen nicht umsonst gewesen sein. Und es muss noch so viel aufgearbeitet werden”.
Roland Mischke

Datum: 02.10.2009
Den Inhalt beschreibende Stichwörter:

Vilnius, europäische Kulturhauptstadt, Partisanen, Museum, Litauen, Stalin, KGB

 
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