Mit einem Kreuz aus Licht Der Berliner Fernsehturm, das höchste öffentlich zugängliche Gebäude in Europa, nahm am 3. Oktober 1969 den Sendebetrieb auf. Nur ein Detail brachte Walter Ulbricht einst in Rage.
Vor 40 Jahren wollte die DDR hoch hinaus. Deshalb wurde der Fernsehturm errichtet, ein Prestigeobjekt des noch jungen Staates. 26 000 Tonnen wiegt der Koloss, so viel wie 216 Lokomotiven, bei einer Höhe von 368 Metern. Über die 118 Meter lange rot-weiße Antenne laufen heute mehr als 30 Fernsehprogramme, dazu Radiosender und Signale für den Mobilfunk. Eröffnet wurde der heute denkmalgeschützte Turm am 20. Geburtstag der DDR.
Besucher gelangen auf die runde Aussichtsplattform in 203,75 Metern Höhe mit einem Lift. Es gibt auch eine Treppe mit 986 Stufen, aber die ist für den Ernstfall gedacht, etwa eine Evakuierung nach einem Brandausbruch. Im Restaurant, das sich in 30 Minuten um seine Achse dreht, so dass die Tischgäste immer Panoramablicke auf die Stadt haben, denkt niemand an den Notfall. An sonnigen Tagen soll man bis zu 40 Kilometer weit sehen können. Selbst bei starkem Sturm beträgt der Ausschlag höchstens 15 Zentimeter, der breite Turmfuß gewährt höchste Stabilität. Der Turmschaft ist eine riesige Röhre aus Beton, mit Wänden von einem halben Meter Dicke. Das ist Meisterarbeit.
Einst stand SED-Chef Walter Ulbricht mit Stadtplanern vor dem Modell von Berlin. Der „Fernseh- und UKW-Turm der Deutschen Post“ sollte ursprünglich am Müggelsee, dann am Volkspark Friedrichshain entstehen. Plötzlich zeigte Ulbricht auf den weiten Alexanderplatz und erklärte: „Nu also, Genossen, da sieht man’s ganz genau: Da gehört er hin!“ Er hatte den Turm zur Stadtkrone auserkoren, weithin sollte er zu sehen sein, vor allem im Westteil der Stadt. Zur Eröffnung sangen junge Pioniere das eigens komponiertes Lied „Unser Fernsehturm“: „Bei Kälte, Regen, Schnee und Sturm sendet der brave Fernsehturm. Schickt seine Wellen in die Rund’, sendet schwarz-weiß und biba-bunt“.
Was der weise Parteiboss übersah: Das Kultobjekt des religionsfeindlichen Staates zeigt bei Sonnenschein auf seiner silbernen, 4800 Tonnen schweren Kugel ein weithin sichtbares leuchtendes Kreuz. Ulbricht soll getobt haben, als selbst nach der Behandlung der Kugel mit Lacken und Chemikalien das Kreuz aus Licht immer noch zu sehen war. Viele Redner bezogen sich auf das christliche Symbol, etwa US-Präsident Ronald Reagan 1987, als er in seiner berühmten Rede am Brandenburger Tor den sowjetischen Präsidenten Gorbatschow aufforderte, die Mauer zu öffnen. Der Volksmund hatte sofort Spitznamen wie „Die Rache des Papstes“ oder „Sankt Walter“ (Ulbricht) für den Turm parat.
Über eine Million Menschen fahren pro Jahr zur Aussichtsplattform hinauf, sie stammen aus 86 Ländern. Dass ein Wahrzeichen der DDR auch zum Wessi-Tower und zum Ganz-Berliner geworden ist, könnte man fast als Beleg dafür nehmen, dass die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten doch gelungen ist. Zufällig ist der 3. Oktober auch der Tag der Deutschen Einheit.
Roland Mischke
Datum: 10.09.2009 Den Inhalt beschreibende Stichwörter:
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