| Oh je! Da können wir schon in der Zeit vor Kaiser Konstantin dem Großen beginnen, denn die Reliquienverehrung im Mittelalter ist nur eine Fortsetzung und Ausweitung der frühchristlichen Reliquienverehrung, die mit dem Märtyrerkult im Zusammenhang steht.
Angefangen hat die Reliquienverehrung in Privatkreisen, als für diesen Kreisen besonders verehrungswürdige Verstorbene Mausoleen oder Grüfte errichtet wurden, kirchenhistorisch spricht man von der „Intimation“. Eine zweite Phase der Reliquienverehrung, kirchenhistorisch „Invention“ genannt, begann mit der Suche nach den sterblichen Überresten des in Apostelgeschichte 7 genannten Protomärtyrers Stephanus; bei der „Invention“ hatte jedoch schon die frühmittelalterliche Kirche ihre Finger im Spiel, indem nämlich Reliquien bereits in den Altären oder unter den Altären deponiert wurden. Das uferte allerdings aus, und es begann die dritte Phase, in der Kirchengeschichte „Multiplikation“ genannt, die schon fast marktwirtschaftlich anmutet: es entstand ein erster Markt für Reliquien, mit denen der Drang zum Besitz von „Frömmigkeitsutensilien“ befriedigt wurde. Dazu gehören insbesondere die Begehrlichkeiten nach Kreuzreliquien oder Fetzen vom Schleier Marias.
Irgendein schlauer Kopf kam dann in dieser Phase, wahrscheinlich im 7. Jahrhundert, auf den Gedanken, anbetrachts der starken Nachfrage nach Reliquien, die Reliquie „a contactu“ zu schaffen, indem mit einer – hoffentlich! – echten Reliquie ein anderer Gegenstand berührt wurde
Im frühen Mittelalter, was sich dann aber bis ins hohe Mittelalter fortsetzte, liebte man es, Kirchen gleich mehreren Heiligen zu widmen, von denen dann natürlich Reliquien benötigt wurden. Um diesen Drang zu befriedigen, griff man zu Teilen des Sarges, in dem der Heilige bestattet worden war – es entstanden so die Reliquien „ex capsa“ -, oder man zupfte dem noch vorhandenen Leichnam Kopf-, Bart und Körperhaare aus, die dann als Reliquien „ex pilis“ unter die Leute kamen. Das waren kleine Reliquien, und diese waren insofern praktisch, da es Könige und andere hochgestellte Herrschaften liebten, mit Reliquien auf Reisen zu gehen.
Bedeutsam wurden die Reliquien dann für das Ablaßwesen.
__________________ Die neue deutsche Rechtschreibung halte ich für Unfug. Und ich muß privatim nicht jeden Unfug mitmachen! |