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  1. #1
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    Deutscher Bund und Frankfurter Fürstentag

    Da ich es eben in einem 2. Weltkriegs-Thema schon erwähnt habe, hier ein eigener Thread zum Deutschen Bund, beziehungsweise im Speziellen der auf dem Frankfurter Fürstentag beschlossenen Bundesreform, die ausschließlich am Widerstand Preußens scheiterte.

    Im Grunde hätte diese Reform der EU ähnliche Institutionen im deutschen Rahmen geschaffen:
    -Der alte Bundestag sollte nach wie vor die Leitlinien der Politik festlegen, allerdings aus seiner Mitte ein Direktorium als "Staatsoberhaupt" bestellen. Österreich, Preußen und Bayern sollten diesem als ständige Mitglieder angehören, während zwei Mitglieder im turnusmäßigen Wechsel vom Bundestag gewählt werden sollten. Das Direktorium hat somit Ähnlichkeit mit dem UN-Sicherheitsrat.
    -Als Legislative sollten zwei Kammern geschaffen werden, eine Fürstenversammlung, die aus den Staatsoberhäuptern der Bundesglieder bestehen sollte, und ein Abgeordnetenhaus, in dem von den Landtagen der Mitgliedsstaaten gewählte Mitglieder sitzen sollten. Beide sollten gemeinsam gesamtdeutsche und erstmals direkt verbindliche Gesetze beschließen.
    -Ein Bundesgericht, eine Art Verfassungsgericht, sollte eingesetzt werden, das über die Zulässigkeit von Bundes- und evtl. auch Bundesstaatsgesetzen befinden sollte.
    -Außerdem sollte noch die militärische Organisation verbessert und die Befugnisse des Bundes im Kriegsfall erweitert werden.

    Allen Beteiligten am Frankfurter Fürstentag war die Notwendigkeit einer umfassenden Reform klar. Die Reformakte wurde denn auch von allen deutschen Staaten, bis auf Preußen, das gar nicht erst erschienen war, angenommen.
    Da sich jedoch das bismarcksche Preußen kategorisch verweigerte, scheiterte die Bundesreform schließlich.

    Nun zur Frage dazu: Meint ihr, die Reform hätte ohne Bismarck funktionieren können, und wenn ja, war sie ein Schritt in die richtige Richtung?

  2. #2
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    Ein Schritt in die richtige Richtung war sie auf jeden Fall, aber ob man damit jemals zu einem Staat gelangt wäre, bin ich skeptisch.

  3. #3
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    Das ist ein wenig zu einfach, in Bismarck allein den Schuldigen am Scheitern des österreichischen Reformplanes zu sehen, denn der österreichische Bundesreformplan ist nicht vom Aufstand der Polen im Jahre 1863 zu trennen. Außerdem hatte der sich als Speerspitze der Nationalbewegungen fühlende Napoléon III. seine Finger im Spiel, dem die vor den Russen nach Frankreich geflohene polnische Intelligentsia wegen eines Königreiches Polen in den Ohren lag. Kaiserin Eugénie zeigte denn auch prompt dem österreichischen Botschafter, wie das "neue Europa" aussehen sollte: Kongreßpolen mit dem österreichischen Galizien und dem preußischen Posen sollte ein Königreich Polen werden; Österreich sollte Schlesien zurückerhalten und Preußen mit Sachsen, Hannover und den Herzogtümern nötdlich des Mains entschädigt werden; das linke Rheinufer - man tut bekanntlich in der Politik nichts umsonst, und Napoléon III. schon gar nicht! - an Frankreich fallen.

    Mit Bismarck war natürlich eine solche Neuordnung nicht zu machen. Auch wenn die preußischen Liberalen vor Mitleid mit den Polen zerflossen wie Butter in der Sonne, sah er in einem eigenständigen Königreich Polen eine Stärkung des französischen Lagers - und weil im Königreich Preußen weit über eine Million Polen lebten, fürchtete er zudem, daß ein polnisches Königreich Preußen, gerade dieser preußischen Polen wegen, rund ein Viertel seines Territoriums streitig machen könnte. Bismarck sah in dieser Neuordnung auch das Winken Napoléons III. mit einer großen Koalition gegen Preußen.

    Es kam dann zur Alvenslebenschen Konvention vom 8.2.1863. Und gleichzeitig war ein österreichisch-russisches Zusammengehen unterbunden worden. In seinen "Gedanken und Erinnerungen" schreibt denn Bismarck über diesen Schachzug: "... repräsentierte einem im Kabinett des russischen Kaisers erfochtenen Sieg der preußischen Politik über die polnische."

    Das alles brachte Bismarck in Mißkredit bei den Liberalen, und da meinte man in Wien, Bismarck sei politisch so geschwächt, daß sich ein Handstreich, ein auf den persönlichen Beziehungen zwischen Kaiser Franz Joseph I. und König Wilhelm I. fußendes Überrumpelungsmanöver, lohne, die Position der Hofburg im Deutschen Bund zu stärken.

    Es gelang Bismarck, der übrigens gerade auch den Preußischen Landtag hatte schließen lassen, die Teilnahme seines Herrn am Frankfurter Fürstentreffen in der zweiten Augusthälfte zu verhindern. Franz Joseph I. kapitulierte aber nicht vor Bismarck und schickte den sächsischen König Johann nach Baden-Baden, wo Wilhem I. gerade kurte. König Johann hatte Wilhelm I. schon breitgeklopft, als Bismarck mit seinem Rücktritt drohte, falls Wilhelm I. doch reise. Dieser entschuldigte sich dann auch mit "Nervenzuckungen" und ärztlich verordneter Bettruhe.

    Als dann die Österreicher immer noch keine Ruhe gaben, wurde Bismarck massiv. Dem österreichischen Abgesandten, dem sächsischen Ministerpräsidenten Ferdinand von Beust, sagte er wörtlich: "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß, wenn morgen früh sechs Uhr der Extrazug mit dem König Johann nicht abgefahren ist, dann ist um acht Uhr ein Bataillon Preußens aus Rastatt in Baden, und ehe mein König aus dem Bett aufsteht, ist sein Haus durch Truppen besetzt, die keinen anderen Auftrag haben, als keinen Sachsen mehr hereinzulassen."

    Damit war der österreichische Bundesreformplan endgültig tot und der Frankfurter Fürstentag zu einem netten "Familientreffen" herabgesunken.

    Bismarck war jedoch noch so konziliant, unter bestimmten Bedingungen dem österreichischen Reformvorhaben zuzustimmen: Parität im Bundesvorsitz, Vetorecht bei Kriegserklärungen des Deutschen Bundes und ein aus direkten Wahlen hervorgegangenes Nationalparlament statt der Delegiertenversammlung.

    Das war dann das Begräbnis des österreichischen Bundesreformplanes.

  4. #4
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    Na ja, es wird wohl kaum dieser verhältnismäßig kleine Aufstand diese riesige Wirkung entfaltet haben, vor allem da von Anfang an sein Scheitern abzusehen war.

  5. #5
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    Schon mal das Sätzchen gehört: "Kleine Ursache, große Wirkung"?

  6. #6
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    Der wichtigste Grund für das Scheitern der Reformen lag bei Preußen.
    Die andereren Deutschen Staaten hätten die Reformen auch ohne Preußen umsetzen können u. sie den Bürgern Preußens in Aussicht stellen können. Demokratische Gesamtdeutsche Reformen hätten Preußen in Zugzwang gebracht.
    Ganz Deutschland hätte auf die demokratische Zivilgesellschaft setzen müssen.
    Der Preussisch-Österreichische Bürgerkrieg hätte vermieden werden können.
    Sicherlich wäre es auch im Interesse Deutschlands gewesen sich von mehrheitlich polnischen Gebieten in Posen zu trennen. Wenn man den berechtigten Anliegen Polens entgegen gekommen wäre, hätten vielleicht nur noch extreme Ultranationalisten noch auf eine Feindschaft gegen Deutschland gesetzt, um extreme Gebietsgewinne in mehrheitlich deutschen Gebieten anzustreben.

  7. #7
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    Preußen ließ sich zu gar nichts zwingen. Wieso bitte hätte es freiwillig auf seine polnischen Gebiete verzichten sollen? Außerdem hätte man aus denen keinen unabhängigen polnischen Staat bilden können, sondern sie nur an Kongresspolen, also Russland, anschließen. Das wäre ja vollkommen sinnlos gewesen.

  8. #8
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    Preußen als Monarchie - also die Herrscherfamilie, wollte am liebsten Vorherrschaft in Deutschland. Ein starker innenpolitischer/innerdeutscher Druck hätte diese Wunschvorstellungen vielleicht eindämmen können.
    Polen hätte man in Posen eine Autonomie entwickeln lassen können.
    Ich bin sehr davon überzeugt, das in Westpreußen incl. das historische Westpreußen im Regierungsbezirk Bromberg der Provinz Bromberg, Masuren u. Schlesien, der Wunsch zum Verbleiben bei Deutschland noch extremer gestiegen wäre, obwohl dieser Wunsch immer vorherrschte.

  9. #9
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    Zitat Zitat von Paul Beitrag anzeigen
    Preußen als Monarchie - also die Herrscherfamilie, wollte am liebsten Vorherrschaft in Deutschland. Ein starker innenpolitischer/innerdeutscher Druck hätte diese Wunschvorstellungen vielleicht eindämmen können.
    Polen hätte man in Posen eine Autonomie entwickeln lassen können.
    Ich bin sehr davon überzeugt, das in Westpreußen incl. das historische Westpreußen im Regierungsbezirk Bromberg der Provinz Bromberg, Masuren u. Schlesien, der Wunsch zum Verbleiben bei Deutschland noch extremer gestiegen wäre, obwohl dieser Wunsch immer vorherrschte.
    Nein! Denn wer hätte denn auf Preußen Druck ausüben wollen oder sollen? Etwa die Fürsten, mit deren Territorien Preußen nach der Vorstellung Napoléons III. hätte entschädigt werden sollen?

    Die hätten wohl Grund genug gehabt, auf Preußen Druck auszuüben - aber eben nicht die Mittel, um diesen Druck auszuüben. Denn um Druck auszuüben, hätten sie etwas gebraucht, was sie in nötigem Umfang nicht hatten: Soldaten. Es gab zwar schon jemand, der die Soldaten hatte - aber das waren, leider, die Preußen.

    Und dann nenne man mir einen einzigen vernünftigen Grund, warum sich Preußen hätte auf den dubiosen Tausch einlassen sollen, den der Plan Napoléons III. vorgesehen hat.

    Und man nenne mir ferner noch einen Grund, warum die Fürsten, die Napoléon III. quasi enteignen wollte zugunsten Preußens, dieser Enteignung hätten zustimmen sollen.

    Mit "Demokratie" zu argumentieren, heißt, die Situation "ex post" zu beurteilen. Das ist ja ganz und schön - aber damals waren die Verhältnisse halt nicht so. Es gab zwar Demokraten - aber gegen die halfen, so ein Spruch, Soldaten.

    Und ein weiteres Nein: Die "preußischen Polen" haben sich nie sonderlich hingezogen gefühlt zu Deutschland - und erst recht nicht zu Preußen, zu dem sie ja gekommen waren, ohne gefragt worden zu sein, ob sie denn überhaupt zu Preußen gehören wollten.

    Und ein letztes Nein: Der preußische König wollte König in Preußen sein und bleiben. Mit Deutschland hatte er zu dieser Zeit, ja sogar noch 1871, im Januar, herzlich wenig am Hut.

  10. #10
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    Die Polen in Posen wollten weg von Deutschland. Ein selbständiges polnisches Posen wäre aber sofort von Russland anektiert worden. Das wäre für die Posener Polen wahrscheinlich noch weniger attraktiv gewesen. Vielleicht wäre es aber für Preußen bzw. Deutschland besser gewesen?

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