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18.12.2011, 16:24
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#1 (permalink)
| | Erfahrener Benutzer Rang: Majestät
Registriert seit: 16.05.2009 Ort: Westfalen
Beiträge: 6.448
| Darstellung vom Byzantinischen Reich in der älteren, westlichen Forschungsmeinung. Wieso wurde das Byzantinische Reich eigentlich in der älteren, westlichen Forschungsmeinungen als dekadente Despotie, also sehr negativ, dargestellt ??
__________________ Mitglied der Aktionsgruppe Rettet das Forum |
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18.12.2011, 18:20
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#2 (permalink)
| | Erfahrener Benutzer Rang: Durchlaucht
Registriert seit: 24.10.2009 Ort: Traun,Oberösterreich
Beiträge: 3.470
| Zitat:
Zitat von Fabian Wieso wurde das Byzantinische Reich eigentlich in der älteren, westlichen Forschungsmeinungen als dekadente Despotie, also sehr negativ, dargestellt ?? | Servus Fabian .
Das mußt Du WDPG fragen .
Der ist der Byzanzspezialist .
Luki.
__________________
Und übrigens, Morgen ist auch noch ein Tag.
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18.12.2011, 22:15
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#3 (permalink)
| | Erfahrener Benutzer Rang: Großkanzler
Registriert seit: 19.11.2010 Ort: Leipzig
Beiträge: 1.032
| Möglicherweise ist der schlechte Ruf des Byzantinischen Reiches auf den britischen Historiker und Aufklärer Edward Gibbon zurückzuführen. Edward Gibbon nahm an, dass die Ursachen für den Untergang des Weströmischen Reiches im Christentum und in der Dekadenz der Bevölkerung begründet war. Unter Dekadenz verstand er die Abkehr von griechischen und römischen Tugenden. Im Byzantinischen Reich (Gibbon prägte diesen Begriff für das Oströmische Reich) sah er die Fortsetzung dieser Dekadenz. Er interpretierte das Byzantinische Reich und dessen Geschichte als Betrug bzw. Verrat an die Ideale der griechischen und römischen Antike.
Der irische Historiker und Publizist W.E.H. Lecky bewertete das Byzantinische Reich in seiner "Sittengeschichte Europas" aus dem Jahr 1869 so: "Die Geschichte dieses Reiches ist eine eintönige Geschichte von Intrigen und Machtspielen von Kirchenmännern, Eunuchen und Frauen, von Vergiftungen, Verschwörungen, allseitiger Treulosigkeit und ständiger Brudermorde."
Das negative Byzanzbild in der Öffentlichkeit änderte sich erst nach dem 2. Weltkrieg. |
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19.12.2011, 00:02
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#5 (permalink)
| | Erfahrener Benutzer Rang: Majestät
Registriert seit: 02.10.2008
Beiträge: 6.625
| Zitat:
Zitat von Sansavoir Möglicherweise ist der schlechte Ruf des Byzantinischen Reiches auf den britischen Historiker und Aufklärer Edward Gibbon zurückzuführen. Edward Gibbon nahm an, dass die Ursachen für den Untergang des Weströmischen Reiches im Christentum und in der Dekadenz der Bevölkerung begründet war. Unter Dekadenz verstand er die Abkehr von griechischen und römischen Tugenden. Im Byzantinischen Reich (Gibbon prägte diesen Begriff für das Oströmische Reich) sah er die Fortsetzung dieser Dekadenz. Er interpretierte das Byzantinische Reich und dessen Geschichte als Betrug bzw. Verrat an die Ideale der griechischen und römischen Antike.
... | Ja, und kommt das den Usern, die hier schon länger dabeisind, irgendwie bekannt vor?
Das Bild aus der Romantik bzw. dem gelebten Imperialismus erst GBs, dann Ds, hat da ein puritanisches Manifest gefunden, dem selbst selbsterklärte Vorzeigekatholiken hier auf den Leim gegangen sind. Zitat:
Zitat von Sansavoir ...
Das negative Byzanzbild in der Öffentlichkeit änderte sich erst nach dem 2. Weltkrieg. | Das hat sogar noch länger gedauert;
und zwar auch u.a. deshalb, weil man ja ausgerechnet die Karolinger als angeblicher Vorarbeiter des europäischen Gedankens auserkoren hatte.
LG |
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19.12.2011, 00:35
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#6 (permalink)
| | Erfahrener Benutzer Rang: Majestät
Registriert seit: 07.03.2008
Beiträge: 7.189
| Zitat:
Zitat von Luki Servus Fabian . Das mußt Du WDPG fragen . Der ist der Byzanzspezialist . Luki. | Danke für das Lob, bin aber froh wenn sich andere hier auch äußern. Ich kann auch nur Vermutungen anstellen: -Religiöse Differenzen: Zwischen dem Westen und Byzanz gab es schon seit dem Mittelalter zu religiösen Konflikten (Kirchenspalltung). Es gab Zeiten wo diese Konflikte Eskalierten, etwa im 4. Kreuzzug und es gab Zeiten der Annäherung, etwa die Zeit von Manuel II Palaiologos. Insgesamt kann man hier eine Annäherung und nicht wirklich erreichen. Man fand nie zueinander. Obwohl meineswissens in der Zeit des Untergangs Gelehrte aus Byzanz in Westeuropa oft auch bewundert wurden, setzte sich langfristig dann doch eher ein von den Differenzen geprägtes Bild durch. -Berichterstattung der Kreuzritter: Zwischen Byzanz und den Teilnehmern der Kreuzzüge gab es schon vor 1204 immer wieder Konflikte. Die Berichte zeigen oft ein sehr negatives Charakterbild der Byzantiner. Nimmt man diese als Basis für die spätere Forschung, schlägt da wohl schnell ein negatives Bild durch. -Gibbon: Das Bild das Gibbon vertrat wurde schon von Sansavoir sehr ausführlich und gut beschrieben. Wohl sicher ein Grund. -1000-Jähriger Verfall: Sieht man gewisse Landkarten an, schaut es so aus als hätte Byzanz Zeit seiner Existenz einen andauernden Abstieg erlebt. Ein Reich das einen so langen dauernden Abstieg erlitt, wird wohl eher negativ gesehen, schließlich muss es da ja auch Gründe geben. Aber es ist umstritten ob man die Geschichte von Byzanz wirklich als eine des andauernden Verfalls sehen kann (etwas was ja auch im Forum schon zu interessanten Diskussionen geführt hat). Das sind zumindest meine Gedanken dazu, warum die Berichterstattung so oft negativ war. |
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19.12.2011, 00:51
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#7 (permalink)
| | Erfahrener Benutzer Rang: Majestät
Registriert seit: 07.03.2008
Beiträge: 7.189
| Zitat:
Zitat von Sansavoir Der irische Historiker und Publizist W.E.H. Lecky bewertete das Byzantinische Reich in seiner "Sittengeschichte Europas" aus dem Jahr 1869 so: "Die Geschichte dieses Reiches ist eine eintönige Geschichte von Intrigen und Machtspielen von Kirchenmännern, Eunuchen und Frauen, von Vergiftungen, Verschwörungen, allseitiger Treulosigkeit und ständiger Brudermorde.". | Kann das von dir zitierte Bild von Lecki nicht teilen. Die Geschichte von Byzanz ist alles andere als eintönig sondern höchst interessant. Kaum ein Reich hielt es so lange durch, so oft von mehreren Seiten in Bedrängnis zu geraten und sich hier immer wieder rauszuwinden. Blütezeiten, finanzielle Zusammenbrüche usw. sind nur ein paar Gründe warum die Geschichte von Byzanz alles andere als eintönig ist. Das sich Intrigen und Machtspiele so häufen wird den Römern heute noch nachgesagt, es lässt sich schwer überprüfen ob diese sooo viel öfter vorkommen, als in der Geschichte anderer Reiche. Denke nicht das andere Reiche hier so viel besser abschneiden als Byzanz. Obwohl es natürlich unabstreitbar Intrigen und Machtspiele gab. Was die genannten Beteiligten betrifft: -Frauen: Hatten in Byzanz wohl mehr Macht als im Westen, so zumindest mein Eindruck. Immer wieder kam es vor das eine Frau an der Staatsspitze stand, obwohl man auch erwähnen muss das es für diese meistens nicht ganz leicht war sich an der Macht zu halten. Früher wurde die bedeutende Rolle von Frauen in Byzanz vielleicht negativ gesehen, heute (im Zeitalter der Gleichberechtigung) kann das wohl nicht mehr unser Bild sein. -Eunuchen: Gab es in Byzanz wirklich relativ oft, gerade in der Oberschicht spielten sie immer wieder eine bedeutende Rolle, der Vorteil war das sie keine Dynastie gründen konnten und da sie Körperlich nicht unversehrt waren konnten sie auch keine Kaiser werden. Vielleicht befremdlich für westliche Historiker. Intrigen usw. sind dadurch auch nicht schädlicher als, wenn sie von jemand anders kommen. -Kirchenmänner: OK, es ist erstaunlich wie oft kirchliche Konflikte in Byzanz zu wahren Bürgerkriegen wurden. Aber Konflikte gab es da im Westen auch immer wieder. Das andere war wohl auch nicht so viel mehr als etwa in West- oder Mitteleuropa. Soo eine große Masse an Brüdermorden finde ich in der Geschichte von Byzanz auch wieder nicht. Das war z.B. bei den Osmanen weit schlimmer. Gerade wenn’s um Sitten geht, muss man erwähnen, das es zivilisatorisch im Mittelalter einige Bereiche gab wo Byzanz, Westeuropa wohl überlegen war. Etwa wenn man die Städte betrachtet (hier gibt es auch Berichte von Kreuzrittern, die über Konstantinopel extrem erstaunt waren – kein Wunder, so eine Stadt fand man im Westen im Mittelalter nicht wirklich). |
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19.12.2011, 01:17
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#9 (permalink)
| | Erfahrener Benutzer Rang: Majestät
Registriert seit: 07.03.2008
Beiträge: 7.189
| Zitat:
Zitat von Sansavoir Im Byzantinischen Reich (Gibbon prägte diesen Begriff für das Oströmische Reich) | Stimmt, der Begriff „Byzantinisches Reich“ existierte im Mittelalter nicht. Die Einwohner des Reichs selbst sahen sich als Römer. Im Westen wurde man des öfteren als Griechen bezeichnet, was man in Byzanz allerdings nicht gerne hörte. Geändert dürfte sich das gegen Ende des Reichs haben, da verwendeten Adelige manchmal auch diesen Begriff. Den Anspruch das Römische Reich zu sein gab man aber nie wirklich auf. |
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19.12.2011, 16:31
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#10 (permalink)
| | Erfahrener Benutzer Rang: Durchlaucht
Registriert seit: 05.03.2011 Ort: Maxdorf (ach was...)
Beiträge: 3.838
| Zitat:
Zitat von Obotrit | Eben.
Das war ein sehr wichtiger Grund - die eurozentrische Sichtweise, die noch bis lange in die Moderne hinein vorherrschte.
Die weiteren Gründe die mir noch eingefallen wären hat WDPG ja schon genauestens aufgeführt.
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