- Sigmund Freud hat in Österreich die menschliche Seele studiert
Na und?
- alte autoritäre Strukturen, keine wirkliche 68er Auseinandersetzungen mit den Werten wie z.B. Gehorsam festzustellen
Ich gebe zu, in Österreich herrschte eine gewisse Autoritätshörigkeit, ähnlich wie auch in Deutschland. Während die in Deutschland eher militärisch-disziplinarisch geprägt war, war es in Österreich eher ein Untertanenverhältnis unter die Obrigkeit. 1968 gab es bei uns aber genügend Auseinandersetzungen, insbesondere an den Universitäten, und einen Toten hatten wir auch. Lediglich RAF-Terror hatten wir anschließend nicht.
Im übrigen wüsste ich nicht, was an Gehorsam prinzipiell schlecht sein soll.
- Wenig Dokumentationen über Entscheidungen der Beamten, die oft persönlich gefällt und mündlich mitgeteilt werden
Komisch, in einem anderen Forum diskutiere ich gerade darüber, ob es zu viel Bürokratie gibt ...
Ich weiß nicht, wie der Autor auf so etwas kommt, aber:
Bescheide müssen immer schriftlich erlassen werden. (Ausnahme: Bescheide in einer Verhandlung, aber auch dann muss eine Niederschrift angefertigt werden.) In einem Bescheid muss drinstehen, dass es ein Bescheid ist. Bescheide müssen immer begründet werden. Bescheide müssen immer eine Rechtsmittelbelehrung enthalten.
- die Gesellschaft basiert auf Vertrauen, das leicht ausgenutzt werden kann.
Dieser "Makel" ist stark im Zurückgehen.
- Fragen, Kritik und Konflikte sind unfreundlich und werden nicht ausgetragen, stillschweigende Konvention, eine Orientierung des Einzelnen nach "innen"
Ist das wirklich so schlimm, wenn nicht ständig gestritten wird?
- Ausbrüche und Unordnung sind verpönt, heile Welt im Schaufenster, doch hinter den Kulissen?
Man muss halt nicht jeden Konflikt im Fernsehen austragen.
- hohe Suizid Rate und Alkohol Abusus, trotz heiler Welt Darstellung
Das mit der hohen Selbstmordrate stimmt, jedoch ist sie im vielgepriesenen "Vorzeigeland" Finnland noch höher, aber z. B. auch in Ungarn. Für ein katholisches Land ist unsere Suizidneigung eigentlich seltsam.
Inwieweit es bei uns besonders viele Alkoholiker geben soll, weiß ich nicht. Getrunken wird ja auch in Deutschland gerne. Normalerweise heißt es doch immer, dass das Problem vor allem in Osteuropa verbreitet ist. Dass bei uns leichtfertig mit Alkohol umgegangen wird, stimmt, aber das ist doch bei Euch genauso.
- die österreichische Seele zieht sich aus der Gesellschaft zurück (Anmerkungen bereits in der Vergangenheit von Beobachtern wie: Sigmund Freud, sprach vom Keller der Seele, Bernard van Beuden Komponist, schreibt vom Hinterzimmer der Österreicher und Erwin Ringel Psychiater und Selbstmord Forscher berichtete schon 1984 von der Verdrängungsgesellschaft)
Auch das halte ich für ein pauschales Vorurteil.
- Defizite im Verarbeiten der Vergangenheit wie z.B. bei der aktuellen Anschluss Diskussion, oder vor acht Jahren bei der EU Kritik an der Regierungsbeteiligung einer rechtsradikalen Partei. Die öffentlichen ausgetragenen Auseinandersetzungen damit führen häufig zu einem großen Unverständnis in der Bevölkerung. Der Fall Waldheim fällt mir noch ein.
So toll war die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in Deutschland auch nicht gerade. Aber ich gebe zu, bei uns gab es auch Defizite. Ebenso wie Ihr hatten wir nach 1945 das Problem: Was tun mit den Nazis? Ebenso wie Ihr haben wir uns dafür entschieden, die Minderbelasteten in die Gesellschaft wieder zu integrieren; eine dauerhafte Ausgrenzung wäre ja auch kaum möglich gewesen. Der Unterschied zu Euch war, dass bei uns ein Opfermythos aufgebaut wurde, wonach wir Euer erstes Opfer waren. Unsere Beteiligung an Verbrechen rückte dadurch in den Hintergrund, dennoch gab es auch genug Prozesse und auch Todesurteile. Bei der Restitution und Entschädigung waren wir genauso schäbig wie Ihr. Aber zumindest wurde bei uns nie ein Exnazi Bundeskanzler.
Der Opfermythos bröckelte erst mit der Affäre Waldheim, wobei aber zweierlei betont werden muss: Erstens wurde diese Affäre von der SPÖ (die selbst jahrzehnelang kein Problem selbst mit SSlern in ihren Reihen hatte) inszeniert, um die Chancen ihres eigenen Bundespräsidentschaftskandidaten zu verbessern. Zweitens wurden ihm nie irgendwelche Verbrechen nachgewiesen, es wurde immer nur so getan, als hätte er als kleiner Offizier den halben Holocaust verhindern können, wenn er nur gewollt hätte.
Was die EU betrifft: War es wirklichso verwunderlich, dass wir den Kopf darüber schüttelten, dass wir von Euch wie der letzte Dreck behandelt wurden, während Ihr Fidel Castro und die Alleanza Nazionale hofiert?