test
« zurück
Beleidigungskultur

Antike Hatespeech: Fluchen wie im alten Rom

Schöner Beleidigen mit Cicero und Co. – der Althistoriker Martin Jehne erklärt die Streitkultur im alten Rom und zieht Parallelen zur Gegenwart

Cicero ist in Rage. Er hält Reden, voll Wut, Trotz, Pathos und… Beleidigungen:

  • „Halunke!“
  • „Abschaum!“
  • „Pestbeule!“
  • „Schmierenkomödiant!“
    und „abscheulicher Schurke“.

So nennt der Politiker schon mal seine politischen Feinde. Darunter Clodius. Dem wirft Cicero sogar vor dem Senat eine Affäre mit dessen eigener Schwester, der „Hure“ Clodia, vor:

Clodius sei „jemand, dem nie etwas heilig war, weder bei Untaten, noch bei Ausschweifungen, jemand, der mit seiner leiblichen Schwester Unzucht trieb, jemand, der kein Gesetz, kein bürgerliches Recht, keine Eigentumsschranken kannte.“

Keine besonders netten Worte – aber, laut Althistoriker Martin Jehne, waren derartige Ausbrüche nicht untypisch für den politischen Umgangston im alten Rom.

Scharfe Rhetorik als politisches Mittel

Der Professor für Alte Geschichte an der Technischen Universität Dresden erklärt in einer Pressemitteilung:

„Die Angriffe, auch Invektiven genannt, gehören für die Senatoren der römischen Republik fest zum öffentlichen Leben.“

Diese Tiraden seien aber, obwohl sich die Politiker untereinander rücksichtslos beschimpfen durften, keineswegs ohne Regeln und Sinn gewesen.

Zweck der Schmähungen

Laut Althistoriker Jehne mussten sich die Staatsmänner während der Volksversammlung auch vom Volk beleidigen lassen – ohne dieses im Gegenzug schmähen zu dürfen.

Die öffentlich erlaubte Häme gegenüber die Oberen diente als „ein Ventil, das in einer tiefen Spaltung in arm und reich die Allmachtsphantasien der Elite begrenzte“, so Jehne.

Wirklich wütend sei dementsprechend kaum einer über die derben Angriffe gewesen – die Stadtrömer waren sogar stolz auf ihren bissigen Witz. Denn ernst gemeint, war weniges:

„Sie hielten das für einen wichtigen Teil von urbanitas, den Kommunikationsformen der Hauptstädter, im Gegensatz zur rusticitas (Einfalt) der Landeier“, erklärt Jehne.

Die üble Nachrede war also Teil der politischen Kultur und stabilisierte diese sogar. Morde aus gekränkter Ehre gab es nur in Ausnahmesituationen. Etwa dem Bürgerkrieg.

Vorbild für Umgang mit Pegida, AfD und Co.:

Der Althistoriker Martin Jehne sieht, auch wenn der Vergleich zu heute teils hinke, in seinem Forschungsfeld auch einen aktuellen Bezug – etwa die Parallele zu Hatespeech im Internet, aber auch zu aktuellen politischen Phänomenen:

„Eine gewisse römische Robustheit im Umgang mit Schmähgemeinschaften wie AfD oder Pegida könnte helfen, den Aufregungspegel zu senken und sachlicher zu werden.“

Seine Forschung habe ihn dazu gebracht, seinen Aufregungspegel gegenüber Beschimpfungen in der Gegenwart erheblich zurückzufahren, denn „die Schmähungen waren es jedenfalls nicht, die den Untergang der römischen Republik herbeiführten.“

Schmähungen auf dem Historikertag

Der 52. Deutschen Historikertag in Münster widmet am 27. September der Schmähung in der Geschichte eine eigene Sektion.

Unter der Leitung von Althistoriker Jehne wird unter dem Titel „Invektive Spaltungen? Exkludierende und inkludierende Dynamiken von Schmähungen von der Antike bis zur Zeitgeschichte“ nicht nur Schmähungen der römischen Republik erörtert, sondern auch Beschimpfungen zwischen Geistlichen und Laien im christlichen Mittelalter, Schmähungen unter aufgeklärten Philosophen, die Situation in den USA der 1960er Jahre und im kolonialen Afrika.

Katharina Behmer

Zuletzt geändert: 28.08.2018