G/GESCHICHTE August 2010

Die Ottonen – Das erste Reich der Deutschen

Liebe Leserinnen und Leser!

Wann beginnt die Geschichte der deutschen Nation? Wann wurde aus den Stämmen der Franken, Friesen, Bayern, Schwaben und Sachsen ein Volk? Für die Historiker des wilhelminischen Kaiserreichs war die Antwort eindeutig: Wie Bismarck 1870 die deutschen Staaten auf dem Schlachtfeld von Sedan einte, so hatte Otto I. 955 auf dem Lechfeld die Stämme seines Reiches zu einem Volk zusammengeschmiedet. Mächtige Reiche, davon waren diese nationalgesinnten Gelehrten fest überzeugt, können nur mit Blut und Eisen geschaffen werden.

Man darf mit den Ottonen das erste Kapitel der deutschen Nation beginnen lassen, doch diese Herrscher dachten in ganz anderen Dimensionen. Als würdiger Erbe Karls des Großen sah sich Otto I. als Schutzherr des ganzen christlichen Abendlandes und von Gott auserwählter Verteidiger der Kirche. Und sein Enkel Otto III. träumte davon, sein Reich in der Mitte Europas von Rom aus zu regieren. Er nannte sich selbstbewusst „Imperator Augustus der Römer“ und erklärte Rom zum Haupt der Welt.

In einer Mischung aus Bewunderung und Respekt betrachteten die Völker das neue kraftstrotzende Reich der Ottonen. In Frankreich, Dänemark und England erkannte man die Vormachtstellung der Herrscher an und selbst der direkte Erbe der antiken Kaisermacht, das stolze Byzanz, musste zähneknirschend die herausragende Stellung der neuen Imperatoren akzeptieren. In den Gebieten der Westslawen und Ungarn wurde das Reich zum Motor der Entwicklung. Die heidnischen Stammesgesellschaften wandelten sich unter dem Einfluss des mächtigen Nachbarn zu christlichen Königreichen, Keimzellen der heutigen Nationen Tschechien, Polen und Ungarn. Durch die Missionstätigkeit der Kirche entstanden zudem einheitliche Wertesysteme und kulturelle Gemeinsamkeiten. Mit den Ottonen nahm so nicht nur Deutschland Konturen an, sondern erhielt auch das gemeinsame europäische Haus seine ersten Fundamente.

Ihr, Euer

Dr. Klaus Hillingmeier
Chefredakteur G/GESCHICHTE

 

Schwerpunkt dieser Ausgabe

Herrscher des Mittelalters
Die Ottonen formieren Europas Mitte neu

Der Kriegerkönig
Heinrich I.

Das morsche Reich
Zerstörung des Erbes Karls des Großen

Der letzte Karolinger
Arnulf von Kärnten im Portrait

Otto der Große gestaltet Europa
Otto I. ist das „Haupt der Welt“

Viele Stämme, ein Volk?
Was ist drann am Mythos der ersten „Deutschen Nation“?

Heiden und Rebellen
Ein Blick nach Osten

Die Sorben
Tradition und Brauchtum trotz Fremdherrschaft

Klosterkunst und Kaisermacht
Hildesheim, Reichenau und Co.

Kühne Träume
Die Nachfolger Ottos I.

Von Aufsteigern und Absteigern
Die Stände im Mittelalter

Der letzte Ottone
Heinrich II.

 

Weitere Themen

Blickpunkt
Der elektrische Stuhl

Serie, Mythos und Wahrheit
Atlantis

Geschichte im Alltag
Der Rasenmäher

Porträt
Leo Trotzki

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