G/GESCHICHTE April 2012

Die 50er und 60er –
Sehnsuchtsjahre der Deutschen

Liebe Leserinnen und Leser!

Für viele sind die jungen Jahre der Bundesrepublik die gute alte Zeit. Nach Zeiten des Kriegs und der Entbehrung hatte man es sich im Klubsessel gemütlich gemacht, aß den legendären „Toast Hawaii“ und trank dazu an Feiertagen „Kalte Ente“, die beliebte Bowle aus Sekt und Moselwein. Samstags waren Kinoabende mit Heimatschnulzen oder seichten Musikkomödien angesagt. Und bei der Musik von Rudi Schuricke träumten die Deutschen von Capri – es konnte einen zuweilen vor Gemütlichkeit schütteln.

Was die Welt an diesem Deutschland erstaunte, war die ungeheure Dynamik der Industrie. Der Verlierer des Zweiten Weltkriegs schien der große Gewinner der Nachkriegszeit zu sein und „Made in Germany“ war gefragter denn je. Die explosive Ausfuhr war nur möglich, dank eines Heeres von „Gastarbeitern“. Nur langsam wurde den Deutschen klar, dass die Menschen aus Andalusien und Anatolien mehr waren, als nur „Malocher“, sondern unsere Gesellschaft bereicherten. Für mich persönlich kam diese Bereicherung durch eine spanische Familie in der Nachbarschaft, die ich als Bub stets gerne besuchte. Dort herrschten keine altdeutschen Erziehungsideale — man konnte einfach Kind sein. Samstags schaute ich dann mit Begeisterung „Aqui Espana“: Fiestas, Stierkämpfe, Prozessionen, Kirchen und Burgen.
Während ich meine kleinen Fluchten unternahm, fand in den Hörsälen und auf den Straßen die großen Rebellion statt. Bislang hatte man versucht den Zweiten Weltkrieg mit 
seinen Verbrechen zu verdrängen oder ihn durch literarische Werke wie den »Arzt von Stalingrad« zu trivialisieren. Doch jetzt rechneten die zornigen jungen Männer und Frauen mit ihrer Elterngeneration ab. Alt-Nazis wurden gnadenlos demaskiert und radikale Gegenentwürfe provozierten: Kommunen und Kommunismus, Sex und Drogen. Die Welt der braven Bürger war aus den Fugen.

Aber die Intellektuellen von 68 hatten nicht das Monopol auf Wahrheit. Auf ihren linken Augen waren sie oft blind, übersahen gerne die Menschenverachtung Maos und die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings.
1969 änderte sich die politische Bühne, als mit Willy Brandt der erste sozialdemokratische Bundeskanzler gewählt wurde. Ein neuer, aufregender Abschnitt der Nachkriegsgeschichte hatte begonnen.

 

Ihr, Euer
Dr. Klaus Hillingmeier
Chefredakteur

Schwerpunkt dieser Ausgabe

Das Wunder von Deutschland
Ein deutscher Mythos entsteht

Alles beim Alten?
Alte Nazis, neue Macht

Aus Mädchen werden Bräute
Das Bild von der idealen Frau

Soraya, Sissi & Co.
Fluchten in den Kitsch

Rock ’n‘ Roll
Die Halbstarken betreten die Bühne

Must-haves der 50er und 60er
Nierentische, Fernsehschränke und lässige Sonnenbrillen

La dolce vita
Die Reisewelle rollt

„Gastarbeiter“
 Von Neapel nach Duisburg:

Die 68er
Aufstand gegen den „Muff von 1000 Jahren“

Rudi Dutschke
Auf den Spuren einer Ikone

Angst vor der Bombe
Deutschland und der Kalte Krieg

Eine verhängnisvolle Affäre
Franz Josef Strauß gegen den Spiegel

Adenauer und Brandt
Zwei Köpfe, zwei Karrieren, zwei Konzepte von Politik

Pille, Kolle und Kommune
Die sexuelle Revolution erreicht die deutschen Schlafzimmer

 

Weitere Themen

Blickpunkt
Wer bin ich? So funktioniert Ahnenforschung

Serie Monster und Fabelwesen
Vampire – Eine düstere Erfolgsgeschichte

Geschichte im Alltag
Der Rucksack

Porträt
Sulla – Gnadenloser Diktator

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