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Aufbruch ins Unbekannte

Das Geheimnis des Nils

Wo hat der göttliche Nil seinen Ursprung? Jeder Versuch, seine Quelle zu finden, scheiterte über viele Jahrzehnte. Im Sommer 1857 brachen die Briten Burton und Speke in Sansibar auf, um dem Strom sein Geheimnis zu entreißen.

von Klaus Hillingmeier

Dieser Artikel stammt aus unserem Heft „Die großen Expeditionen – Aufbruch ins Unbekannte“ (Für mehr Infos aufs Bild klicken).

Betten, Stühle, Tische, Zelte, Moskitonetze, Tee, Kaffee, Zucker, Salz, Brandy, Sextanten, Kompasse, Chronometer, Thermometer, Gewehre und Munition für zwei Jahre. Hinzu kommen noch Tauschwaren wie Kupferdraht, Stoff oder Glasperlen. 130 Träger stöhnen unter ihrer Last. Eine kleine Armee, wie der Expeditionsleiter Richard F. Burton kommentiert: „Afrikanische Expeditionen sind Feldzüge im kleinen Maßstab, bei denen der Reisende sämtliche Schwierigkeiten, Nöte und Gefahren der primitiven Kriegsführung überwinden muss. Er muss seine Männer ernähren, drillen und im Gebrauch von Schusswaffen unterweisen.“

Richard Burton hat die Gefahren Afrikas bereits am eigenen Leib erfahren

Richard Burton in Afrika. | © Wikimedia/Thomas Wright

Burton ist ein Wandler zwischen den Welten. Der Brite beherrscht 30 Sprachen und ist sowohl ein Eingeweihter der islamischen Mystik als auch ein Kenner der antiken Liebespraktiken Indiens. Und der Mann ist bereits jetzt eine Legende: Als Moslem verkleidet war es ihm 1853 gelungen, Mekka zu erreichen und lebend zurückzukehren. Schon einmal hatte der Offizier der East- India-Company es gewagt, ins afrikanische Landesinnere vorzudringen, und den Versuch fast mit dem Leben bezahlt. Damals durchschlug der Speer seine Wangen. Tiefe Narben blieben als Mahnung vor den Gefahren Afrikas.

Gegenüber einer schillernden Figur wie Richard Burton muss sein Juniorpartner John Hanning Speke zwangsläufig verblassen. Der Engländer ist ruhig und introvertiert. Leidenschaft zeigt er meistens nur beim Jagen. Nach seinen Motiven für die gefährliche Expedition gefragt, soll er einmal geantwortet haben: „Ich war lebensmüde und kam nach Afrika, um getötet zu werden.“ Trotz ihrer unterschiedlichen Temperamente schätzen sich die Männer.

Der Aufstieg auf die Uluguruberge ist reine Folter

Der Weg ins Innere des Kontinents ist ausgetreten. Schon lange vor Burton und Speke waren arabische Sklavenhändler tief ins Hinterland vorgedrungen, angetrieben durch die Gier nach „Schwarzem Elfenbein“. Anfang September 1857 erreichen Burton und Speke die Uluguruberge. Bereits zu diesem Zeitpunkt sind beide Männer gesundheitlich angeschlagen. Der Aufstieg wird zur Folter. Burton notiert: „Mein Gefährte war so schwach, dass ihn zwei, drei Helfer unterstützen mussten, ich war weitaus weniger angegriffen und benötigte lediglich einen.“

Uluguruberge: Umgeben von einem tropischen Regenwald. | © istockphoto.com/derejeb

Der Weg führt durch einen tropischen Regenwald, der aus einer Zeit zu stammen scheint, bevor der erste Mensch auf der Erde schritt. Schließlich erreichen sie den Gipfel. Der Anblick ist überwältigend: Savannen und lichte Wälder. Grüne Bänder markieren die fruchtbaren Ränder von Bächen und Flüssen.

Das Paradies entzaubert sich

Aus der Ferne betrachtet mögen die Savannen Afrikas paradiesisch erscheinen, doch in Wahrheit sind sie der Vorhof der Hölle. Gnadenlos brennt schon am Morgen Königin Sonne über ihrem Milliardenheer bösartiger Untertanen: Käfer, die sich ins Fleisch fressen, Divisionen von gefräßigen Termiten, Schwärme von Moskitos und die teuflischen Tsetsefliegen, die selbst durch Kleidung beißen. Kein Gewehr kann vor diesen Bedrohungen schützen.

Beide Männer leiden unter schwerem Fieber; Burtons Füße schwellen zu Klumpen an, sodass er nicht mehr laufen kann. In seinem Reisejournal notiert John Hanning Speke: „Nichts könnte stumpfsinniger sein als diese Gebiete, Dschungel, Steppe, alles ist gleich, die Menschen sind überall die gleichen, wahrlich das ganze Land ist eine riesige Landkarte des ewig Gleichen.“

Die Routen der beiden Abenteurer. | © Agentur2

134 Tage nachdem sie aus Sansibar aufgebrochen sind, erreicht die Expedition – durch Tod und Desertion zusammengeschrumpft – den arabischen Handelsplatz Kazeh (heute Tabora). Snay bin Amir, reich geworden durch Sklaven und Elfenbein, empfängt die Forscher. Seine Gastfreundschaft ist überwältigend. Der Mekkapilger Burton mutiert wieder zum Araber. Während er die Vergnügungen des Orts genießt, wird sein Kamerad Speke – steif, verklemmt, englisch – zum Außenseiter. Fünf Wochen bleiben die Männer in Kazeh, sammeln Kräfte und Informationen: Im Westen soll ein Binnenmeer liegen – vielleicht der Ursprung des Nils?

Die Angst vor Kannibalen bremst die Forscher aus

Als sie aufbrechen, kann Burton immer noch nicht richtig laufen, er muss in seiner Hängematte getragen werden. Und Speke ist durch eine Entzündung der Augen nahezu blind. Der Lahme führt den Blinden. „Hoffnung ist eine Frau, Verzweiflung ein Mann“, zitiert Burton ein arabisches Sprichwort.

Der 13. Februar 1858: Die Männer haben gerade einen steilen Hügel erklommen, als Burton in der Ferne etwas glitzern sieht: „Was ist das für ein Glänzen?“, fragt er den Führer der Träger. Die Antwort: „Ich glaube, dies ist DAS Wasser.“

DAS Wasser ist der Tanganjikasee. In Ujiji mieten sie zwei Einbäume und heuern Ruderer an. Von arabischen Händlern haben die Briten erfahren, dass im Norden ein mächtiger Fluss dem See entspringen soll. Am 12. April brechen die Boote auf. Der Union Jack weht über dem Einbaum. Die Männer an den Paddeln finden ihren Rhythmus. Es geht die Küste entlang, immer Richtung Norden. Burton ist glücklich. Schließlich erreicht die Expedition das Örtchen Uvira. Das nördliche Ende des Sees ist jetzt nur noch zwei Tage entfernt. Doch Burton wird seinen Fluss niemals erreichen: Die Bootsmannschaften weigern sich, weiter zu fahren. Sie haben panische Angst vor den Wavira, von denen es heißt, sie äßen am liebsten rohes Menschenfleisch.

Ist die Quelle des Nils gefunden?

Speke findet einen See und nennt ihn zu Ehren seiner Königin Victoriasee. | © istockphoto.com/MattiaATH

Nach 33 Tagen sind Burton und Speke wieder in Ujiji. Ihre Vorräte gehen zur Neige und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als nach Kazeh zurückzukehren. Wieder genießt Burton die arabische Gastfreundschaft, wieder wird Speke zum Außenseiter. Die Männer, die so viele Gefahren geteilt haben, entfernen sich immer mehr voneinander. Während Burton immer noch nicht richtig laufen kann, ist Speke inzwischen voll genesen. So entschließt er sich, auf eigene Faust nach Norden aufzubrechen, wo ein See namens Ukerewe liegen soll. Jeden Tag wird die Landschaft lieblicher; die Steppe verwandelt sich in einen Palmengarten. Nach 16 Tagen erreicht er ein Meer aus Süßwasser. Zu Ehren seiner Königin nennt er den See „Lake Victoria“. Der Engländer ist sich sicher: er hat den Ursprung des Nils gefunden! (Später wird sich herausstellen, dass der Nil aus dem Victoriasee gespeist wird, der See aber nicht seine Quelle ist.) Überglücklich kehrt Speke nach Kazeh zurück. Burton: „Wir hatten kaum gefrühstückt, als er mir die aufregende Tatsache eröffnete, dass er die Quelle des Nils entdeckt habe.“

Anders als vereinbart, präsentiert Speke ohne Burton in der Heimat „seinen“ Victoriasee als Nilquelle. | © Wikimedia/Hollyer

Eine zerstörte Freundschaft

Halsstarrigkeit, Neid, Missgunst? Burton verweigert Speke die Anerkennung, hält an seiner Tanganjika-Theorie fest. Was an Freundschaft zwischen den beiden Männern übrig ist, wird nun von ätzender Rivalität zersetzt. Auf dem Rückmarsch nach Sansibar wahren die Männer noch eine gewisse Contenance. Dann folgt Verrat: Während Burton aufgrund seiner Malaria in Aden bleiben muss, segelt Speke mit der „Furious“ weiter nach England. Nur gemeinsam, so hatte er Burton versprochen, würde man die Ergebnisse ihrer Expedition der Öffentlichkeit darlegen.

Doch kaum in London, präsentiert Speke „seinen“ Victoriasee vor der Royal Geographical Society als Nilquelle. Bevor Burton England erreicht, hat der Rivale bereits das „Ticket“ für die nächste Afrika-Expedion in der Hand. Und diesmal müsste er nicht mehr im Schatten eines Burtons stehen. Diesmal würde er der Expeditionsleiter sein!

 

 

 

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