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Auf den Spuren der Antike

Anfänge der Archäologie in Rom

Im Schatten des Kolosseums nimmt die Wissenschaft der Archäologie Gestalt an. Alles beginnt mit der Entdeckung der Laokoon-Gruppe. Später macht der Deutsche Johann Joachim Winckelmann in Rom Karriere. Er begegnet Raubgräbern und einem Papst, der antike Statuen an gewissen Stellen mit Feigenblättern verhüllt.

Laokoon-Gruppe

Die Laokoon-Gruppe kann heute in den Vatikanischen Museen bestaunt werden. | © Istockphoto.com/Pavila

Rom in der Renaissance war eine hungrige Bestie, die ihre eigene Vergangenheit fraß. Die Ruinen des Römischen Reiches dienten als Steinbruch für Kirchen und Kardinalspaläste, und kostbarer Marmor fand den Weg in die Kalköfen. Doch zumindest waren die Tage vorbei, als man die antiken Statuen als heidnische Blendwerke zerschlug. Ganz im Gegenteil, spätestens seitdem Donatello die Ästhetik der Antike in seinen Kunstwerken wiederbelebt hatte, war man in Italien von der Kunst der Vorväter fasziniert. Und so war es eine Sensation, als am 14. Januar 1506 der Winzer Felice de Fredis in seinen Weinbergen auf eine unterirdische Kammer stieß, die ein seltsames Marmorbildnis barg: Einen Mann und zwei Knaben im tödlichen Kampf mit zwei Riesenschlangen. Als sich der sonderbare Fund herumsprach, schickte Papst Julius II. Michelangelo und seinen Architekten Giuliano da Sangallo zur Fundstelle.

Michelangelo erkennt die Einmaligkeit der Laokoon-Gruppe

Michelangelo war begeistert und Sangallo erkannte die Einmaligkeit des Fundes: „Dies ist Laokoon, von welchem Plinius redet!“ De Fredis wurde mit 600 Golddukaten, Zolleinnahmen und dem Versprechen eines Ehrenbegräbnisses königlich belohnt, und die Laokoongruppe avancierte zu einem der Kronjuwelen der päpstlichen Kunstsammlung.

Natürlich feuerte der Sensationsfund die Gier der Schatzgräber an, die in Roms Unterwelt nach antiken Relikten suchten. Ihr Treiben zu kontrollieren, war die Aufgabe des Leiters der vatikanischen Verwaltung der Altertümer, der seit 1573 den bezeichnenden Titel „Kommissar für die Schätze, die übrigen Antiken und die Bergwerke“ trug. Der Kommissar sollte privaten Raubbau verhindern − die Ausschlachtung der Antiken Gebäude war schließlich päpstliches Privileg!

Aber es gab auch Männer wie den Gelehrten Antonio Agostino, der nicht aus materiellen Gründen an der römischen Antike interessiert war. Für ihn boten die Funde einen unverfälschten Zugang zur verlorenen Welt der Antike: „Ich habe mehr Vertrauen zu den Münzen und den Inschriften als zu dem, was die Schriftsteller schreiben.“ Mit diesem kühnen Satz beginnt die Idee der Archäologie als Wissenschaft Gestalt anzunehmen.

Roma Sotterranea: Expedition in die Katakomben

Ein echter Abenteurer unter Schliemanns Ahnen war der Malteser Antonio Bosio, der Ende des 16. Jahrhunderts in die Ewige Stadt gekommen war, um seinem Onkel zur Seite zu stehen, der Gesandter der Malteser-Ritter an der Kurie war. Doch in Rom packte ihn die „dunkle“ Leidenschaft für die Welt der Katakomben. Um Zugang in die Katakomben zu finden, befragte Bosio die Texte der Kirchenväter und sprach mit den Bauern und Hirten vor den Stadtmauern. Immer wieder unternahm er Expeditionen in die labyrinthischen Gänge, kartografierte sie und fertigte Zeichnungen der unterirdischen Fresken in den Grabkammern an. Drei Jahre nach seinem Tod 1629 erschien sein Vermächtnis mit dem Titel „Roma Sotterranea“ – das unterirdische Rom. Der Kolumbus der Katakomben hatte den Weg in ein unterirdisches Universum entdeckt.

Winckelmann und der Apollo von Belvedere

Aber es war kein Römer, noch nicht einmal ein Italiener, der die Archäologie zu einer anerkannten Wissenschaft erheben sollte, sondern der Sohn eines Flickschusters aus Stendal. Dank seiner Bildung, seines Esprits und seiner Bereitschaft, zum Katholizismus zu konvertieren, gelang Johann Joachim Winckelmann der Aufstieg zum Bibliothekar des Kardinals Albani. ­Endlich konnte der glühende Bewunderer griechischer Kunst die Meisterwerke der vatikanischen Sammlung sehen. Voller Begeisterung schwärmt er über den Apollo von Belvedere: „Ich vergesse alles andere über den Anblick dieses Wunderwerkes der Kunst, und nehme selbst einen erhabenen Stand an, um mit Würdigkeit anzuschauen.“

Neben dem Apollo von Belvedere stand damals in den päpstlichen Sammlungen die Statue der Aphrodite von Knidos, von der einst Plinius schwärmte: „Die Venus des Praxiteles übertrifft alle Kunstwerke der ganzen Welt.“ Doch für die gefeierte Liebesgöttin mit ihren sinnlichen Rundungen hatte der Feingeist keine Augen. Seine Leidenschaft galt dem männlichen Körper − und dies nicht nur in der Kunst.

1758 reiste Winckelmann zum ersten Mal an den Golf von Neapel. In den Vesuvstätten Pompeji und Herculaneum wurde damals schon eifrig gegraben, doch von Archäologie konnte hier nicht die Rede sein: Es war gierige Schatzgräberei. Weder wurde katalogisiert noch konserviert. Was als Kunst galt, Wandgemälde, Mosaiken, Vasen und Statuen, wanderte in die königlichen Sammlungen von Neapel, der Rest wurde der Plünderung und dem Verfall preisgegeben. Winckelmann war empört. In seinem „Sendschreiben von den herculanischen Entdeckungen“ machte er sich Luft und nannte die Missstände beim Namen: Die erste Reaktion auf seine harsche Kritik war die Verbannung aus dem Königreich Neapel – doch auf ­lange Sticht konnte seine Stimme die Menschen am Vesuv zur Umkehr bewegen.

Feigenblatt für antike Statuen

Oberhaupt des Kirchenstaates war zu diesem Zeitpunkt Papst Clemens XIII., den Winckelmann als „Seine Sittsamkeit“ verspottete, denn der Papst war kein Freund antiker Nacktheit. Auf seine Anordnung wurden, zum Leidwesen Winckelmanns, die „vitalen“ Teile der antiken Statuen durch das sprichwörtlich gewordene Feigenblatt bedeckt. Doch es war ausgerechnet dieser sittsame Papst, der den Deutschen 1763 zum päpstlichen Antiquar und damit zum Herrn über alle antiken Kunstwerke im Kirchenstaat machte.

1764 erschien Winckelmanns Werk „Die Geschichte der Kunst des Altertums“, der erste Versuch, die Kunstgeschichte der alten Kulturen in einem System zu ordnen. Doch für Winckelmann war die Kunst der Ägypter, Perser oder Phönizier ohne großen Wert. Es war für ihn eine Kunst der Stag­nation, sie stand im Dienste eines düsteren Totenkultes und war zudem Ausdruck einer unfreien Gesellschaft. Sein Credo: „Endlich, da die Zeiten der völligen Erleuchtung und Zufriedenheit in Griechenland erschienen, wurde auch die Kunst freier und erhabener.“ Einzig die griechische Kunst sei zukunftsweisend und vermittle allgemeine Wertmaßstäbe für Kritiker und Künstler. Höchste Ausdrucksform sei dabei die Darstellung des nackten Körpers als menschliches Ideal.

Seine Schrift avancierte zur Bibel der Archäologie und inspirierte Generationen von Künstlern, dem großem Vorbild der Griechen nachzueifern. Der Komet Winckelmann verglühte 1768 unter tragischen Umständen. In Triest wurde der Vater der Archäologie mit mehreren Messerstichen ermordet. Bis heute gibt der Mordfall Rätsel auf – möglicherweise war Winckelmanns Vorliebe für schöne Männer ihm zum Verhängnis
geworden.

Klaus Hillingmeier

Der Artikel erschien erstmals in G/GESCHICHTE 12/2010 „Heiliges Rom. Sündiges Rom“

Zuletzt geändert: 22.11.2018