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Interview mit Kosakenreiter Anton Zühlke

Wenn Ponyreiten zu langweilig ist

G/GESCHICHTE-Autorin Katharina Behmer sprach mit Anton Zühlke, dem zweifachen Gruppen-Vizeweltmeister im Kosakenreiten über seinen Sport, die Gefahr vom Pferd zu fallen und die Band Dschingis Khan.

Anton Zühlke bei einem Auftritt als Kosakenreiter

Herr Zühlke, was ist eigentlich Kosakenreiten?

Anton Zühlke: Kosakenreiten nennt sich eigentlich Dzhigitovka und bezeichnet die Reit- und Kampfeskunst der Kosaken. Das gibt es jetzt wieder als modernen Reitsport. Dieser beinhaltet zum einen Waffenübungen mit Lanze, Pistole, Wurfmesser, Säbel sowie Bogenschießen und zum anderen Trickreiten, also akrobatische Übungen am galoppierenden Pferd. Beides wird auf Zeit gemacht. Bei den Waffenübungen gibt es eine Punktwertung für getroffene Ziele, bei den Trickreitübungen wird die Technik der Ausführungen bewertet. So ist das in Russland, wo das Kosakenreiten als Wettkampfsport bekannt ist – in Deutschland kennt man das vor allem als Show: Also dass Leute als Kosaken verkleidet Trickreiten zeigen.

In Deutschland ist das Voltigieren, also akrobatische Übungen auf dem Pferd, eine bekannte Sportart. Ist das vergleichbar?

Anton Zühlke: Beim Voltigieren reitet man im Kreis und das Pferd ist etwas langsamer unterwegs als bei der Dzhigitovka. Beim Kosakenreiten wird auf dem Reitplatz geradeaus galoppiert. Das Tempo ist also deutlich schneller als beim Voltigieren. Ein weiterer großer Unterschied ist, dass das Pferd nicht an der Longe sondern frei läuft. Da sich der Sport von den Kosaken und von der Kavallerie entwickelt hat, wird ein spezieller Kosakensattel verwendet.

„Partner, Lebensversicherung und guter Freund in einem“

Turnen im Galopp? Ist das nicht wahnsinnig gefährlich?

Anton Zühlke: Die Tricks sind grundsätzlich schon gefährlich. Allerdings sind schwere Verletzungen selten, Todesfälle sehr selten im Vergleich zum Reitsport im Allgemeinen. Ich selbst habe mir in 15 Jahren einmal den Arm gebrochen. Man braucht aber Vorbereitung: körperliche Fitness und das Pferd sind halt das A und O. Es ist Partner, Lebensversicherung und guter Freund in einem und das muss natürlich entsprechend vorbereitet sein. Ich hatte Glück, dass ich ein Pferd aus dem Zirkus bekommen habe, das schon alles kannte, quasi in Rente gegangen ist und dann bei mir auf der Wiese stand, auf dem ich aber trotzdem noch trainieren konnte. Das Training des Pferdes ist wichtig, damit es nicht scheut, nicht stolpert und keine Angst vor den Übungen hat. Nach der eigenen Vorbereitung und der des Pferdes ist der dritte Punkt dann die Ausrüstung, also der Sattel. Wenn man auf das alles achtet, ist man relativ gut abgesichert.
Hinzu kommt, dass die Russen einen relativ festen Katalog von etwa 35 Übungen haben, die bei den Wettkämpfen geturnt werden und in der Szene bekannt sind. Die bauen alle aufeinander auf. Man fängt ganz vorsichtig an, indem man sich zum Beispiel im Schritttempo in einen Steigbügel auf der Seite vom Pferd stellt. Wenn man die einfachen Übungen beherrscht, dann ist es kein so krasser Schritt zu den schwierigeren Übungen mehr.

Gibt es trotzdem noch Übungen, die so halsbrecherisch sind, dass sie Respekt davor haben?

Anton Zühlke: Ja! Auf jeden Fall. Zum Beispiel im Galopp unter dem Pferdebauch durch zu krabbeln. Es ist gar nicht mal technisch anspruchsvoll, sondern erfordert einfach viel Kraft und ein Pferd, das es zulässt und bei dem überhaupt genug Platz zwischen Bauch und Boden ist. Wichtig ist auch, dass das Pferd die Bewegung des Reiters gut ausbalancieren kann. Weil die ganzen Übungen, die bringen das Pferd ja ganz schön aus der Balance. Es ist also das A und O, dass das Pferd so kräftig und so ausbalanciert ist, dass es sicher geradeaus weiter galoppiert. Ich würde diese Übung mit meinem Pferd nicht machen, weil er ein bisschen sensibel ist.

Aber Sie konnten trotzdem schon ein paar Titel holen…

Anton Zühlke: Seit 2016 werden in Russland Weltmeisterschaften in Dzhigitovka, also dem Kosakenreiten, ausgetragen. Mein Bruder und ich waren zweimal mit einem anderen Reiter und dieses Jahr mit einer Reiterin als deutsche Mannschaft dabei. Und wir haben jetzt zum dritten Mal den zweiten Platz in der Mannschaftswertung belegt. Also den Ersten machen logischerweise die Russen, weil die das beruflich machen und jeden Tag trainieren. Aber wir waren ihnen relativ dicht auf den Fersen. Letztes Jahr hat mein Bruder zusätzlich den zweiten Platz in der Einzelwertung gemacht.

„Wir waren die einzigen Jungs auf dem Ponyhof und haben uns ein bisschen gelangweilt“

Wie sind Sie und ihr Bruder denn zur Sportart gekommen? 

Anton Zühlke: Ich habe mit 14 Jahren zusammen mit meinem Bruder im kleinen Dorf bei uns in Brandenburg mit dem Reiten angefangen. Wir waren die einzigen Jungs auf dem Ponyhof und haben uns ein bisschen gelangweilt. Das war ja immer nur im Kreis reiten. Dann haben wir ein bisschen Blödsinn auf dem Pferd gemacht. Irgendwann waren wir mal mit unseren Eltern in Neustadt beim Brandenburgischen Landgestüt bei den Hengstparaden und haben eine Vorführung im Kosakenreiten gesehen, von einem späteren Kollegen sozusagen. Wir fanden das total cool und haben dann zuhause probiert das nachzumachen. Das wurde zu einem Selbstläufer: Wir haben einfach immer rumgeguckt und zufällig im Zirkus Krone eine Gruppe getroffen, die Dzhigitovka gezeigt hat. Die haben wir dann angequatscht: Wir sind einfach ins Backstage gegangen und haben gefragt, ob sie uns mal was zeigen können, und dass wir das auch gerne machen würden. Die waren super nett und haben uns viel gezeigt. Wir haben sie fast jeden Tag besucht, als sie einen Monat in Berlin und einen Monat in Potsdam aufgetreten sind.
Später haben wir noch bei einer Messe in Leipzig eine Gruppe aus Kiew kennen gelernt, die Ukrainian Cossacks. Die haben wir auch einfach angequatscht: Ey, wir wollen das auch machen, also zeigt uns mal bitte was! Und das haben die dann auch getan. Dann haben wir uns irgendwann einen Sattel in Russland gekauft. Wir haben mit unserem eigenen Pferd auf der Wiese trainiert. Irgendwann haben wir bei einem Schaurittwettbewerb mitgemacht. Der Preis war, dass man bei der Hippologica, das ist eine Reitsportmesse in Berlin, auftreten darf und das haben wir geschafft. So waren wir plötzlich drin in der Szene. Unsere Eltern haben uns dann eine Website gebaut und bald kamen die ersten Showaufträge.

 Also haben Sie keinen kulturellen Bezug zum Kosakenreiten, sondern waren einfach von der Sportart fasziniert? 

Anton Zühlke: Wir haben selbst russische Wurzeln: Unsere Mutter ist Russin und unser Vater ist Deutscher. Ich bin noch in Moskau geboren und mein Bruder schon in Berlin. Wir sind also zweisprachig aufgewachsen und sprechen fließend Russisch. Das hat es uns natürlich sehr erleichtert, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Anfangs war es schon ein Aspekt, die Kultur kennenzulernen und dem so ein bisschen nachzueifern. Aber mittlerweile sehe ich persönlich das Kosakenreiten einfach als Sport, beziehungsweise als Kampfkunst. Weil alles schon so ein bisschen kämpferisch ausgerichtet ist, vor allem die Waffenübungen. Die Dzhigitovka hat ihren Ursprung ja im Prinzip im Kampf.
Aber ich fühle mich nicht kulturell irgendwo verpflichtet, denn das ist eine vielschichtige Sache. In Russland ist momentan politisch viel im Unklaren und Identitätsfindung angesagt: Das Kosakentum keimt wieder auf und viele Kosaken reklamieren Dzhigitovka ausschließlich für sich. Aber tatsächlich hat das ganze seinen Ursprung in Zentralasien und im Kaukasus, wo ethnisch gesehen kaum Russen leben. Es ist ein multikulturelles Ding. Das ist mir persönlich immer sehr wichtig, deshalb bin ich nicht kulturell in irgendeine Richtung festgefahren.

„Unser Fluß ist die Havel“

Dass sie den Namen Kosaken als „Havelkosaken“ für sich verwenden, sehen sie nicht politisch?

Anton Zühlke: Nee, überhaupt nicht. Eher folkloristisch. Von den Kostümen und der Musik her zeigen wir ja schon Kosakenfolklore. Die Darstellung sehen wir in der Kosakentradition. Und Havelkosaken haben wir einfach als Name gewählt, denn traditionell benennen sich die Kosaken immer nach Flüssen. Und unser Fluss ist halt die Havel. Das hat einfach gut gepasst.

Sie haben gerade die Kleidung angesprochen: Inwiefern ist die denn historisch?

Anton Zühlke: Unsere Kostüme sind Kosakentrachten. Die Kosaken waren eine Kaste innerhalb des Russischen Zarenreiches und trugen deshalb eine bestimmte Kleidung, die gleichzeitig Alltagsbekleidung und militärischer Uniform war. Die Übergänge waren  fließend – unsere Kostüme repräsentieren im Endeffekt beide Aspekte. Wir lassen allerdings die typische Uniformjacke weg, weil sie beim Trickreiten nicht so praktisch ist. Auch die Mützen sind historisch korrekt. Außerdem tragen wir ein rotes Hemd. Rot, weil das gut zu sehen ist. Außerdem gab es zu Sowjetzeiten eine sehr bekannte Filmreihe in Russland. In „Die nicht erfassbaren Rächer“ ging es um Jugendliche in der Revolution. Das war natürlich irgendwie alles prokommunistisch, aber es kamen auch Kosaken vor und die Jugendlichen trugen immer diese roten Hemden. Diesen Film kennt in Russland jeder! Das ist der Film über das Reiten in Russland schlechthin und sowohl wir als auch die russischen Gruppen sind von diesem Film inspiriert und haben uns den Stil dort ein bisschen abgeguckt. Die Kleidung haben wir auch in Russland gekauft. Es gibt in Moskau einen Laden, der Kosakenzubehör anbietet: angefangen bei ganz kitschigen Souvenirsachen bis hin zu Trachten und Uniformen und teilweise auch Waffen, wie die Säbel, die wir haben. Ansonsten tragen wir schwarze Reithosen. Besonders sind die Stiefel; da braucht man spezielle Trickreitstiefel, die wir aus einer Werkstatt in Moskau bekommen.

„Nach ein paar Bier einfach angefangen Kasatschok zu tanzen“

Ganz schön viel Aufwand! Aber sie reiten ja nicht nur – sie tanzen ja auch kosakisch?

Anton Zühlke: Ja, das Kasatschok-Tanzen gehört auch zur Kosakenkultur – oder eher zur Kosakenfolklore. Wir haben das irgendwann im Fernsehen gesehen und zuhause vor dem Fernseher einfach nachgemacht und so gelernt. Tatsächlich damit aufgetreten, sind wir erst als wir von Berlin aufs Dorf rausgezogen sind. Linthe ist ein kleines 600-Leute-Dorf in Brandenburg. Da haben wir bei irgendeinem Dorffest dann an einem Abend nach ein paar Bier einfach angefangen, Kasatschok zu tanzen, als sie das Moskau-Lied von Dschingis Khan gespielt haben. Das fanden dann alle total cool und dann wurden wir irgendwann mal gefragt, ob wir das hier in einem Gasthof zu Sylvester nicht als Abendprogrammpunkt aufführen könnten. Da haben wir uns eine kleine Choreografie überlegt und gemerkt, dass wir auch ohne Pferde so auftreten können.

Dschingis Khan? Sind diese Tänze denn dann auch historisch belegt oder ist das eher Kosakenkitsch? 

Anton Zühlke: Die Tänze sind tatsächlich historisch belegt. Sie haben sich bei den Kosaken entwickelt und wurden auch immer wieder so von ihnen getanzt. Den historischen Background dazu habe ich mir angelesen. Zum Beispiel in Michail Scholochows Buch Der stille Don, das ist ein riesen Wälzer, aber das ganze Kosakentum ist darin sehr gut beschrieben. Und ansonsten gibt es viele Tanzgruppen, die weltweit auftreten und da guck ich immer, was für Moves die so machen. Denn beim Kasatschok gibt es Gruppentänze und Solotanznummern, wo man ganz klassisch in die Hocke geht und die Beine hochschmeißt.

Anton Zühlke studiert Pferdewissenschaft und tritt im Sommer in Reitshows auf und trainiert Pferde. Von dem Geld, dass er dabei verdient, finanziert der 29-Jährige seine eigenen Tiere. Sein Traum ist es, irgendwann hauptberuflich mit Pferden zu arbeiten. Sein Bruder Boris ist 25 und macht neben dem Reiten gerade seinen Master in Bioinformatik.

Das Interview führte Katharina Behmer.

Zuletzt geändert: 04.09.2018