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Eine Hommage an die alten Polarforscher

Arved Fuchs im Interview

Die Zeit der großen Entdecker ist längst vorbei. Welche Herausforderungen bleiben da noch modernen Menschen? Polarforscher Arved Fuchs im Interview mit G/GESCHICHTE.

Pioniere der Polarforschung: die Antarktisexpedition von Ernest Shackleton | © Library of Congress

 

G/GESCHICHTE: Herr Fuchs, wo findet man in Zeiten von GPS noch echte Abenteuer?
ARVED FUCHS: Das hängt davon ab, wie man Abenteuer definiert. Das Abenteuer ist für mich immer ein Element gewesen, das im Kopf stattfindet ― also etwas Kreatives. Das Abenteuer ist der geistige Aufbruch, etwas zu machen, von dem andere vielleicht sagen: geht nicht, kann man nicht, unmöglich. Und dann das scheinbar Unmögliche möglich zu machen, das ist für mich die Zielführung. Sich Ziele setzen, die einen interessieren, darum geht es doch. Auch wenn der Nordpol vielleicht schon von Robert Peary 1909 entdeckt worden ist, für mich ist es ja eine persönliche Neuentdeckung. Für mich ist es der weiße Fleck auf der Landkarte. Es geht dabei ja nicht mehr um territoriale Eroberungen, sondern es geht darum, sich mit der Aufgabe zu identifizieren, die Naturlandschaften, die Dinge, die einem auf dem Weg dorthin interessieren, aufzunehmen ― das ist für mich eine klassische Form des Expeditionsreisens.

Erster zu sein, spielt also keine Rolle? Sie haben ja zum Beispiel als erster Mensch binnen eines Jahres zu Fuß den Nord- und Südpol erreicht.
Ich sehe das relativ gelassen, ich weiß, dass ich ein Fundament geschaffen habe, von dem aus man wunderbare Sachen machen kann: inhaltlich attraktiv und trotzdem körperlich fordernd. So wie wir letztes Jahr eine 800 Kilometer lange Hundeschlittenexpedition im Norden Grönlands gemacht haben. Das zu ermöglichen, das ist toll, aber es muss jetzt nicht der Beweis angetreten werden, dass man etwas macht, das noch kein anderer gemacht hat. Was soll man denn da noch machen? Mit verbundenen Augen zum Nordpol oder so? Das wird dann ja auch absurd.

Hat das Reisen für Sie einen Selbstzweck oder haben Ihre Expeditionen so etwas wie einen gesellschaftlichen Mehrwert?
Das ist heute ganz sicher der Fall. Ich habe schon in den 80er-Jahren polarhistorische Dokumentationen angefertigt. Mich haben also immer die geschichtlichen Aspekte und Zusammenhänge interessiert. Und seit der Jahrtausendwende, in einem ganz erheblichen Maße, die umweltpolitischen Themen. Ich kann heute nicht mehr einfach nur zum Selbstzweck, als Egotrip, durch die Arktis rennen, zurückkommen und spannende Geschichten erzählen. Wenn man so lange wie ich in der Arktis unterwegs ist, spürt man die gravierenden Auswirkungen des Klimawandels. Ich glaube, man steht dann auch in der Pflicht, auf Dinge hinzuweisen, die weniger schön sind.

Profitieren Sie bei Ihrer Arbeit von den Fehlern, die andere vor 100 Jahren gemacht haben?
Na, ich habe ja viele historische Expeditionen nachvollzogen. Unter anderem die Shackleton-Expedition in der Antarktis. Wenn man so etwas nachvollziehen will, forstet man die Logistik des Vorgängers durch. Das sind entfernte Kollegen, die in einer anderen Epoche gelebt haben, mit anderen Möglichkeiten, mit anderen Mitteln und auch mit einer anderen Erwartungshaltung. Trotzdem wird man mit den gleichen Begebenheiten konfrontiert. 40 Grad Kälte fühlen sich heute noch so an wie vor 100 Jahren. Und wenn man wie Shackleton mit einem sieben Meter langen Bötchen um die Antarktis nach Südgeorgien segelt, dann sind die klimatischen Gegebenheiten, die Stürme genauso wie zu seiner Zeit. Auch wenn man heute vielleicht ein GPS in der Tasche hat. Technik kann eine trügerische Sicherheit sein. Wenn ich Schiffbruch vor Südgeorgien erlebe, habe ich heute vielleicht die Möglichkeit, der Außenwelt mitzuteilen, dass es so ist, aber helfen kann mir keiner. Wenn man solche Expeditionen nachvollzieht, begibt man sich auf Augenhöhe mit den Protagonisten. Man versteht auf einmal, warum sie wie in welcher Situation entschieden haben und nicht anders. Es geht mir nicht darum zu zeigen, ich kann das genauso gut oder besser als ein Shackelton. Sondern mir geht es wirklich darum, Antworten auf Fragestellungen zu finden und zugegebenermaßen um eine Hommage an diese alten Polarfahrer.

Haben Sie deren Geschichten schon als Jugendlicher gelesen und als Inspiration empfunden? Man wird ja nicht einfach so Abenteurer.
Das war immer in mir. Ich bin in einer Familie groß geworden, wo es keinen Fernseher gab. Aber dafür gab es jede Menge Bücher. Meine beiden Schwestern und ich sind mit Büchern groß geworden und in dieser sehr umfangreichen Bibliothek gab es eben auch sehr viele Bücher über die alten Seefahrer. Ob Fernando Magelan, James Cook oder die alten Polarfahrer wie Friedjof Nansen, Roald Amundsen oder wie sie alle geheißen haben. Ich bin mit diesen Büchern groß geworden, die ja teilweise nicht für Kinder oder Jugendliche geschrieben worden sind, sondern für Erwachsene, aber ich fand es faszinierend. Und wie man als Kind so ein bisschen unbedarft seine Wünsche formuliert, habe ich gesagt: Wenn du groß bist, machste das auch. Und irgendwann habe ich das halt nicht ad acta gelegt, sondern habe gesagt: Ja, warum denn eigentlich nicht, diesen Lebenstraum erfüllen? Wenn du das machen willst, dann musst du das als junger Mensch machen und nicht erst, wenn du pensioniert bist. Dann ist es einfach zu spät. Und diesen Werdegang bin ich gegangen mit vielen Widrigkeiten und mit vielen Leuten, die gesagt haben: Der spinnt. Aber das war mir egal. Das war mein Lebensziel und diese Entscheidung habe ich auch nie bereut.

Was fasziniert sie so an der Arktis? Warum nicht Südamerika?
Das habe ich ja auch alles gemacht. Nach der Schule musste ich ja einen Beruf erlernen und bin zur See gefahren und bin viel in arabischen Ländern und sonst wo unterwegs gewesen, habe auch Expeditionen in den tropischen Regenwald nach Kalimantan, Borneo und sonst wo hingemacht. Aber ich bin dann 1979 das erste Mal in Grönland gewesen und das war, als wenn da einer einen Schalter umgelegt hat. Diese Landschaft hat mich gefangen genommen, fasziniert und das tut sie in ihren unterschiedlichen Facetten und mit verschiedenen Gewichtungen bis zum heutigen Tag. Für mich steht nicht die Kälte im Vordergrund. Damit muss man lernen umzugehen und sich damit arrangieren. Die Kälte gehört in die Landschaft wie die Hitze in die Sahara. Wenn man das einmal verinnerlicht hat und die Kälte nicht mehr so dominant im Bewusstsein ist, dann ist das so, ob jemand eine Flügeltür aufstößt und man in eine ganz andere Welt hineintritt. Ich lebe dort ja mittlerweile genauso selbstverständlich, wie ich das hier tue, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Ich fahre dort nicht der Entbehrungen, der Kälte und der Gefahren halber hin, sondern ich mag diese Landschaften und alles, was ich damit verbinde.

Wie suchen Sie die Menschen aus, mit denen sie auf Expedition gehen, was müssen die mitbringen?
Sie müssen verschiedene Komponenten mitbringen. Je nachdem, was man vorhat, muss natürlich auch eine gewisse Qualifikation dabei sein. Also wenn wir mit dem Segelschiff unterwegs sind, dann muss ja auch einer, um mal ein Beispiel zu nennen, der Koch sein. Aber wir brauchen nur einen Koch und nicht fünf Köche. Der Koch muss aber auch bei Windstärke 10 immer noch kochen können. Eine fachliche Qualifikation ist also wichtig. Genauso ist aber eine soziale Komponente ganz wichtig, dass man sich einfindet in ein solches Team.

Ist es einfach, solche Leute zu finden?
Nein, das ist nicht einfach. Ich bekomme sehr viele Bewerbungen von Leuten, die gerne mitfahren möchten und zwar aus allen Alters- und Berufsschichten. Die sagen: Mensch, das möchte ich gerne mal machen. Die blenden alle Widrigkeiten aus. Bisweilen ist da so ein ein bisschen romantisch verbrämtes Bild in den Köpfen. Aber wenn man dann vier Wochen auf engstem Raum lebt ohne die Möglichkeit, sich mal richtig zu waschen, vielleicht mal frisches Obst zu sich zu nehmen, sondern alles nur aus der Tüte und aus der Dose kommt, dann relativiert sich das sehr schnell. Das heißt, man braucht schon Menschen, die ein bisschen Abgeklärtheit mitbringen und die natürlich auch bereit sind, diese Distanz –  zur Familie, zur Freundin, zum Mann – zu akzeptieren.

Sie gelten als einer der bekanntesten Abenteurer Deutschlands. Ist das eine Berufsbezeichnung, die sich selbst geben würden?
Ich bezeichne mich von Berufs wegen ja gar nicht als Abenteurer, obwohl ich kein Problem damit habe. Ich habe ja eingangs geschildert, wie ich Abenteuer definiere. Für mich hat meine Arbeit viel mit Projekten zu tun. Ich lebe hier genauso gerne und mit beiden Beinen im Leben, wie ich das draußen im Eis oder auf dem Schiff tue. Mich interessiert diese Wechselseitigkeit. Das macht das auch für mich so interessant, dass man hier lebt und arbeitet, dass man Dokumentationen erstellt, dass man diese Thematik Menschen in Vorträgen, in Filmen oder in Schriften irgendwie nahe bringt. Menschen mitzunehmen, virtuell auf eine solche Reise. Ich glaube, wer nicht bereit ist, etwas preiszugeben von sich, der hat auch nichts zu sagen. Das macht mir Spaß und die Rangfolge ist mir eigentlich ziemlich egal.

Interview: Christine Richter

 

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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