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Der Untergang der Ritter

Nur die Legende bleibt

Ein Mann, ein Pferd, eine Rüstung – lange ist der adlige Panzerreiter die erfolgreichste Waffe des Mittelalters. Das ändert sich, als einfache Fußtruppen das Schlachtfeld zurückerobern.

Schon bald arbeitslos: Ritter verlieren im späten Mittelalter immer mehr an Bedeutung. Im Hundertjährigen Krieg sind sie den Bogenschützen unterlegen. Doch ihre Legende lebt weiter, anonymer Maler des 15. Jahrhunderts. | © Rijksmuseum Amsterdam

 

Es ist nicht der Dauerregen, der vom Himmel fällt und Frankreichs Untergang besiegelt. Es ist der Pfeilhagel. Tausende englische Geschosse prasseln alle zehn Sekunden nieder – auf Tausende französische Ritter, die vom Pferd stürzen und leichte Beute werden. Verwundet und niedergedrückt vom Gewicht ihrer schweren Rüstung, enden viele erschlagen oder zertrampelt. Was hier geschieht, ist ein Wunder, notiert ein Beobachter: Frankreichs Streitmacht, zahlenmäßig weit überlegen, wird auf einem holprigen, weitläufigen Acker bei Azincourt am nasskalten 25. Oktober 1415 besiegt, maßgeblich von englischen Bauern mit Pfeil und Bogen. Einfaches Fußvolk im Lederwams triumphiert über gepanzerte Elitekämpfer – eine Zeitenwende naht.

Im Hundertjährigen Krieg siegen Bogenschützen über Ritter

Über das Kräfteverhältnis streiten Historiker bei unklarer Quellenlage. Möglich ist, dass nur 6000 Engländer 30 000 Franzosen schlugen. Nach dem Gemetzel in Frankreich fällt Englands König Heinrich V. auf die Knie und preist Gott. Mit seiner Truppe hat er im zähen Kampf um den französischen Thron (erst später entsteht die Bezeichnung „Hundertjähriger Krieg“) einen großen Sieg errungen. Frankreich verzeichnet 10 000 Tote – ein Desaster. Und schon wieder ein Triumph der englischen Fußtruppe.

Nicht zum ersten Mal haben Fußkämpfer mit Fernwaffen (Bogen oder Armbrust) eine spätmittelalterliche Schlacht entschieden. Schon länger deutet sich an, dass die Epoche der Ritter zu Ende geht. Mit ihnen werden  Ehre, Dünkel und kostspielige Schlachtrösser im Krieg allmählich weniger wichtig. Dagegen geraten durch zunächst überraschende Siege plötzlich Randfiguren, zu Fuß kämpfende Bauern, Handwerker oder Bürger, in den Fokus. Technik, Taktik und oft auch das Wetter machen sie zur echten Gefahr für die bis dato unschlagbar scheinenden Ritter der Fürsten – und zu Vorboten einer neuen Gesellschaft, nicht nur auf dem Schlachtfeld.

Feudale Strukturen lösen sich auf

Weil die neuen Fußkämpfer nicht wie Ritter per Lehnseid an den Kriegsherrn gebunden und immer öfter Freie (statt Hörige) sind, die angeworben und bezahlt werden, verliert der Krieg nach Jahrhunderten seine feudale Struktur. Ebenso die zivile Welt, denn die entfeudalisierte und kapitalisierte Neuzeit nähert sich. Der Krieg wird aber schon zum quasi-bürgerlichen Beruf und Geschäft, bevor die militärische Neuzeit mit Schießpulver (von den Arabern importiert), Artillerie und Söldnerheeren anbricht.

Der Herbst des Rittertums beginnt bereits im frühen 14. Jahrhundert – mit der  Wiedergeburt des Fußvolks als Rückgrat der Armeen. Seit der Antike war die Infanterie strategisch nahezu in der Versenkung verschwunden: Einige Historiker sprechen auch bei spätmittelalterlichen Fußkämpfern nicht von Infanterie, weil Taktik und exerzierte Disziplin noch nicht ausgereift sind. Hatten Griechen, Römer oder Franken noch primär auf Fußkämpfer in antiker Massenschlachtordnung gesetzt, wurden Kriege ab dem 8. Jahrhundert vor allem auf Pferden gewonnen. Die Erfindung des Steigbügels, die Europa von eurasischen Steppenvölkern übernahm, machte es Reitern im Kampf leichter als zuvor, Lanzen oder Schwerter in vollem Tempo einzusetzen, ohne den Halt zu verlieren – Gegner zu Fuß wurden chancenlos. Zwar dienten Fußtruppen auch im Hochmittelalter (hörige Bauern und Bürgermilizen der erblühenden Städte), aber die Herren der Schlacht standen hoch zu Ross. Auch sozial, denn durch Ritterschlag und Lehen waren sie adlige Vasallen und Grundherren. Sie waren also ein Teil der Elite, mit dem Geld für teure Ausrüstung, der Zeit für Trainingsturniere und dem ritterlichen Kodex, stets mit Tapferkeit und Tugend zu kämpfen – eine selbstbewusste und erfolgreiche Waffe.

In der „Goldenen-Sporen-Schlacht“ werden Handwerker zu Helden

Der unschlagbare Ruf der Lehnsmänner bröckelt erstmals 1302, als die Herren der Schlacht gleich massenweise vom hohen Ross fallen. Im Angriff auf die Unabhängigkeit Flanderns, Zentrum der europäischen Tuchindustrie, unterliegt ein 8000 Mann starkes Ritterheer des französischen Königs am 11. Juli bei Kortrijk entschlossenen flämischen Bürgern, die sich zu Fuß verteidigen. Die Schlacht macht die rund 7000 ungeschulten Handwerker unerwartet zu Helden, sie siegen vor allem wegen der Geografie und des Wetters. Denn dem sumpfigen Kampfgelände in Flussnähe haben Frankreichs Elitereiter bei Regen nicht viel entgegenzusetzen. Die Pferde sacken ein, die entsetzten Reiter werden tausendfach erschlagen. Weil die Flamen am Ende massenhaft kostbare Sporen der Besiegten erbeuten, geht ihr Sieg als „Goldene-Sporen-Schlacht“ in die Geschichte ein.

Das Modell, das Gelände und Witterung den Fußkampf begünstigen können, macht Schule: 1346 auch zum ersten Mal im langen Konflikt zwischen England und Frankreich. Auf der Insel gelten Fußsöldner mit bis zu 180 Zentimeter langen Bögen seit Edward I. (* 1239, † 1307) als wichtige Waffe, geschult im Kampf auch auf schwierigem Untergrund. Ihre Pfeile mit Stahlspitze überwinden bis zu 200 Meter und sorgen, massenhaft abgeschossen, für Unruhe bei Gegnern und Feuerschutz für das eigene Heer. Ihre taktische Premiere auf dem Kontinent feiern die englischen Bogenschützen auf einem Feld bei Crécy im Ponthieu am 26. August 1346 mit einem Paukenschlag. Überraschend gelingt es der Streitmacht Eduards III. (mit Rittern rund 12.000 Mann), die 30.000 Franzosen unter Philipp VI. zu schlagen. Maßgeblich dank der 6.000 Schützen zu Fuß, die im Dauerregen die Blüte des französischen Adels auslöschen.

Langbogenschützen machen Ritter arbeitslos

Rund 70 Jahre später wiederholt sich die Geschichte bei Azincourt, weil die Franzosen Englands „Longbowmen“ noch immer unterschätzen. Laut dem Chronisten Edmond de Dynter stehen 1415 zwar „zehn französische Edle gegen einen Englischen“, aber sie gehen unter im mörderischen Pfeilregen der Fußtruppe. Als sich die militärische Zeitenwende mit den Siegen der Engländer und Flamen (und parallel auch der Schweizer) ankündigt, ist das Ende der Ritter nicht mehr weit. Sie verarmen oder schulen um. Manche werden Räuber, andere Kaufleute. Und einige bleiben dem Krieg treu – fortan oft ohne Pferd und dafür mit Sold.

 

Frauke Scholl

 

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015