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Lessing, Rückert, Goethe

Deutschland und der Orient

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts herrschte im Abendland eine durchweg negative Meinung über den Islam. Erst dann kam allmählich die Wende, begonnen von deutschen Dichtern und Autoren.

Marius Bauer, Orientalische Hochzeit (1911)

Orientalische Themen begeistern viele Künstler, seit dem 18. Jahrhundert bis heute. | © Rijksmuseum Amsterdam

 

Als Erster zeichnete Gotthold Ephraim Lessing für seine Leser ein neues Bild vom Orient. Er distanzierte sich bewusst gegen die bis dato weitverbreitete „Verachtungsgeschichte gegenüber dem Islam“, schreibt der Forscher Karl-Josef Kuschel. Dazu wandte Lessing ein neues Verfahren an, die sogenannte kalkulierte oder strategische Aufwertung. Kuschel beschreibt diese Aufwertung wie folgt: „Es werden – im Kontrastbild – die positiven Seiten von Personen, Religionen und Kulturen herausgestellt, ohne damit zu leugnen, dass es jeweils überall auch Negatives und Verabscheuungswürdiges gibt.“ Im 18. Jahrhundert bildete sich die Orientalistik als eigenständige Wissenschaft in Europa aus. Friedrich Rückert, einer der Begründer der deutschen Orientalistik, machte sich durch die Nachdichtung von persischer Poesie einen Namen. Dabei bemühte er sich, die poetische Form der persischen Gedichte zu erhalten und ins Deutsche zu überführen. Vor allem die kunstvolle Reimform des Ghasel wurde durch ihn Bestandteil der deutschen Poetik und in der Folge von vielen Dichtern aufgegriffen. Besonders beliebt wurde Rückerts Nachdichtung der „Makamen des Hariri“. Die Erzählungen des Hariri, eines persischen Gelehrten, haben seit vielen Jahrhunderten größte Bedeutung für die islamische Literatur. Weitere erfolgreiche Übersetzungen Rückerts waren das „Königsbuch“ („Schanahme“) und die Gedichte des Hafiz.

Eine neue Übersetzung des Korans

Der Gelehrte aus Franken versuchte sich auch an einer Übersetzung des Koran, dessen frühere Übertragungen ins Deutsche in erster Linie in polemischer Absicht erfolgt waren, um die „Irrlehren“ des Propheten nachzuweisen. An eine vollständige Übersetzung des heiligen Buches dachte Rückert nie, sondern immer nur an eine Auswahl, wobei er sich  die Freiheit nahm, ihm „überflüssig“ erscheinende oder problematische Verse wegzulassen. Er selbst beschrieb seine Vorgehensweise so: „Auslassung des den Zusammenhang störenden oder Unnützen. Wegen des nicht ansprechenden Inhalts Ehegesetze, Erbrecht etc. Dagegen alles Mythische und Historische beigebracht …“ Rückert fand allerdings keinen Verleger, der das Projekt finanzieren wollte, das die bekannte Orientalistin Annemarie Schimmel als die einzige Übersetzung lobte, „aus der man die poetische Stärke und den sprachlichen Glanz des Originals
erkennen kann.“

Nicht zuletzt von Rückert beeinflusst, entwickelte Johann Wolfgang von Goethe eine sehr vielschichtige, von Gegensätzen geprägte Beziehung zum Islam, was zu „den erstaunlichsten Phänomenen“ (Katharina Mommsen) seines Lebens gehört. Am deutlichsten wird Goethes gespaltene Verhältnis zum Orient in seiner Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“. Laut Momsen fühlte er sich zugleich angezogen und abgestoßen. Dass er sich mit solcher Intensität dem Islam widmete, hat zum einen mit dem Toleranzgedanken der Aufklärung zu tun, durch den auch andere nicht-christliche Religionen den Christen näher gebracht werden sollten. Zum anderen konnte sich Goethe mit einigen der islamischen Hauptlehren durchaus identifizieren. Er sah das Wirken des Propheten in seiner Zeit und seinen Kulturkreis eingebunden und als Teil einer größeren Botschaft: „Denn es ist wahr, was Gott im Koran sagt: Wir haben keinem Volk einen Propheten geschickt, als in seiner Sprache!“

Gothe trägt zum „Postkarten-Bild“ des Orients im Abendland bei

Der spielerische Umgang des von der Aufklärung geprägten Dichters mit den Glaubenslehren entfernte sich freilich weit von jeder strengen oder gar fundamentalistischen Auslegung, etwa wenn Goethe seinen (pseudo-)muslimischen Sänger im „Divan“ verkünden lässt:

„Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag‘ ich nicht ! …
Dass er das Buch der Bücher sei
Glaub‘ ich aus Mosleminen-Pflicht.
Dass aber der Wein von Ewigkeit sei,
Daran zweifl‘ ich nicht;
Oder dass er vor den Engeln geschaffen sei,
Ist vielleicht auch kein Gedicht.
Der Trinkende, wie es auch immer sei,
Blickt Gott frischer ins Angesicht.“

Goethe trug so auch zum „Postkarten-Bild“ des Orients im Abendland bei – mehr dazu in G/GESCHICHTE 12/2008. Lessing, Rückert und Goethe wollten mit der jahrhundertelang verbreiteten Meinung über den Orient brechen und ein anderes Bild zeichnen. Sie zeigten sich offen und unvoreingenommen gegenüber der fremden Kultur. Mit ihren Werken wollten sie ihre Leser positiv beeinflussen. Bei einigen mag das auch funktioniert haben, allerdings handelte es sich zu diesem Zeitpunkt in der deutschen (Literatur-) Geschichte nur um Einzelpersonen, die eine andere Meinung vertraten. Die Allgemeinheit stand dem Islam weiterhin skeptisch bis desinteressiert gegenüber.

 

Julia Rienäcker

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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