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Vorurteile im Check

Die Eigenheiten der Iren

Regen, rote Haare, katholisch: Irland und seinen Einwohnern wird die eine oder andere Eigenheit nachgesagt – doch was ist dran am Klischee?

 

Landestypisches Essen in Irland

Sodabrot, Butter, Chowder und Guinness: ein typisch irisches Essen? | © Katharina Behmer

 

Irland hat gerade einmal 65 Einwohner pro Quadratkilometer. Wenn man zusätzlich bedenkt, wie wenig Fläche die Insel hat, sind die Iren ein vergleichsweise kleines Volk. Spätestens aber am 17. März, dem St. Patricks Day gibt es auf der ganzen Welt Feste zu Ehren des irischen Nationalpatron. Und auch die USA sind stolz, dass bislang jeder ihrer Präsidenten irische Wurzeln hatte – so weit entfernt sie auch liegen mögen. Auch wenn sich der ein oder andere Ire über diese „falschen Iren“, deren Hausmeister vielleicht mal einen Schwager aus Irland hatte, ärgern, fühlt es sich doch bestimmt auch gut an, mindestens einmal im Jahr von aller Welt geliebt und gefeiert zu werden.
Ein kleiner Einblick, was die Insel und ihre Einwohner so besonders macht.

Wer an Irland denkt – denkt an die idyllische Pseudowelt aus der Butterwerbung: Eine  grüne Insel in mitten von aufgewühlter See, nur bevölkert von gefühlt 10 000 Schafen und einem schrulligen Bauern, der seinem breit grinsenden rothaarigen Enkel eine dicke Stulle schmiert. Soweit das Klischee. Doch wie nah ist dieses Bild an der Realität?

Willkommen auf der grünen Insel

Beim Blick nach Norden: Grün. Beim Blick nach Osten: mehr Grün. Beim Blick  nach Süden: immer noch Grün. Und auch im Westen nichts Neues… Willkommen in Irland – der grünen Insel. Doch ist die Farbe hier wirklich satter als anderswo? Mal abgesehen davon, dass es auf der Insel sehr viele Wiesen gibt, auf denen kein Ackerbau betrieben wird, sondern nur Vieh weidet, gibt es einen anderen Grund für die Leuchtkraft des Grases. Das milde irische Klima ist stark vom Golfstrom beeinflusst und kommt ohne richtigen Jahreszeitenwechsel aus: Die Wiesen blühen zwölf Monate im Jahr. Grün eben.

Regnet es immer?

Ein irisches Sprichwort besagt: „Déanfaidh sé báisteach throm má thagann leipreachán an chlaíisteach sa chistin.“ Das bedeutet so viel wie „Wenn der Kobold des Grabens in die Küche kommt, durchweicht Regen das Land.“ Der „Kobold des Grabens“ ist dabei eine wunderbare Umschreibung für: Frosch. Wie viele Frösche so durchschnittlich in einer irischen Küche sitzen, ist allerdings nicht überliefert. Gefühlt müssen es schon einige sein – denn selbst der Sommermonat August kommt auf 24 Regentage. Allerdings schüttet es nicht ununterbrochen: Zwischen den Schauern scheint oft stundenlang die Sonne von einem schon fast ironisch strahlend blauem Himmel. Manchmal kann sich das Wetter auch gar nicht für ein Extrem entscheiden und es entstehen die berühmten irischen Regenbögen. Und an deren Ende verstecken die Kobolde ja wiederum bekanntlich ihren Goldtopf.

Das katholische Irland

Im südenglischen Küstenort Bournemouth ist zwischen dem Altar und der Orgel einer alten Kirche ein ganzer Nachtclub einquartiert. In Irland wäre so ein Frevel undenkbar! Immerhin gilt die Insel, im Gegensatz zu ihren Nachbarn, als letzte westeuropäische Instanz des katholischen Glaubens – mal abgesehen vom Vatikan selbst vielleicht. Oder etwa nicht? Die beiden Autoren von „Stuff Irish people love“ Colin Murphy und Donald O´Dea müssen dieses Bild korrigieren: Zwar finde man, vor allem in Haushalten von älteren Menschen, Abbildungen des „gesegneten Herzens“ oder Marienstatuen, die in ihrer Größe zwischen 15 Zentimetern und 1,8 Meter variieren. Allerdings ist Irland in den letzten Jahren „zu einem weniger katholischen Land, als einem nicht-praktizierenden katholischen Land, einem agnostischen Land, einem atheistischen Land oder einem Ich-weiß-nicht-und-gebe-auch-einen-Sch***-darauf-Land, geworden.“ Eine nicht ganz so neue Entwicklung, die sich spätestens bei dem positiven Votum gegenüber der Homo-Ehe im Mai 2015 gezeigt hat.

Ein rothaariges Volk?

Leidet unter der langsam schwindenden Gottesfurcht auch der berühmte Kinderreichtum der Iren? Während eine deutsche Frau im Durchschnitt etwa 1,38 Kinder bekommt, gebärt eine Irin 2,01 Kinder. Was die Geburtenrate anbelangt, ist das Platz zwei in Europa. Allerdings kommt diese Zahl längst nicht mehr an den Durchschnitt von bis zu 12 Kindern aus der Vergangenheit Irlands hin.

Von diesen 2,01 Kindern haben obendrein die wenigsten rotes Haar. Bei einem Blick auf die Verteilungstabelle der Haarfarben fällt eines sofort auf: Nicht die Iren, sondern ihre Nachbarn aus Schottland haben mit etwa 14 Prozent der Bevölkerung die meisten „Gingers“. In Irland dagegen trägt gerade einmal jeder Zehnte eine natürlich rote Pracht auf dem Kopf. Das ist zwar deutlich mehr als die zwei Prozent der Deutschen mit dieser Haarfarbe, das Bild einer ganzen Insel voller Rotschöpfe entspringt aber eher der Werbung als der Realität.

Irische Essgewohnheiten

In einem Glas Cola versenkte Vanilleeiscreme, hartgekochte Eier in Butter, oder Toastbrot, dass nur mit purem Zucker oder zerbröselten Chips belegt wird – so manche irische Kreation ist etwas ungewöhnlich für den Gaumen eines Festlandeuropäers.
Das typische „Sodabread“ unterscheidet sich stark von deutschem Vollkornbrot. Es ist trocken und bröselig in der Konsistenz. Das ist vielleicht ein Grund für die Berühmtheit der irischen Butter: Bei diesem Brot braucht man sie. Auf der anderen Seite hat die Insel klassische Gerichte wie Irish Stew, Fish and Chips und Chowder (eine dicke Fisch-Gemüsesuppe) zu bieten. Irische Gerichte sind eben nur ein bisschen anders.

Besonders stolz ist man in Irland auf den traditionellen Alkohol – ob es der legale Whiskey, der illegal gebrannte Pushin oder das Stout ist. Gerade wenn es um das Guinness geht, hört man immer wieder von Iren, dass es im Ausland einfach nicht so gut schmecke wie in der Heimat. Immerhin sei es ja nicht aus dem guten irischen Wasser gebraut. Allerdings folgt die Brauerei Guinness, laut eigener Angabe, international denselben Qualitätsstandards. Wahrscheinlich liegt der signifikante Unterschied viel eher darin, dass es nicht nach zu Hause schmeckt, da man gerade nicht zu Hause ist – oder weil der Wirt einfach nicht weiß, wie man ein Stout richtig ausschenkt.

Der irische Humor

Irische Witze lassen sich durchaus als etwas anzüglich beschreiben. Das kombiniert mit eher unfeinen Ausdrücken ergibt eine sehr irische Marotte: das Umbenennen von Sehenswürdigkeiten. Besonders in der Hauptstadt Dublin seien viele öffentliche Statuen von diesem Brauch betroffen, schreiben die Autoren von „Stuff Irish people love“. So werde die berühmte Statue der Molly Malone auch wahlweise als „the dolly with the trolley“ (das Püppchen mit dem Wägelchen)  „the tart with the cart“ „(die Schl**** mit dem Karren) bezeichnet. Auch modernere Figuren werden nicht von diesen beleidigenden Bezeichnungen ausgelassen: Zwei ältere metallene Damen, die für die Ewigkeit auf einer Bank platzgenommen haben, um sich von einem Shoppingtrip zu erholen, sind auch bekannt als „The hags with the bags“ (die alten Hexen mit den Tüten).

 

 

Katharina Behmer

 

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015