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Glauben im Untergrund

Die Katakomben Roms

Vor den Toren Roms erstreckt sich eine unterirdische Stadt der Toten. Die gewaltigen Grabanlagen der Katakomben bewahren die wichtigsten Zeugnisse der frühen Christen.

 

Katakomben in Rom

Die römischen Katakomben sind eine Fundgrube für frühchristliche Kultur. | © istockphoto.com/Todd Keith

 

Die römischen Katakomben verbreiten mit ihren dunklen, engen Gängen ein so unheimliche wie faszinierende Atmosphäre. Auch berühmte Kirchenväter wie der heilige Hieronymus konnten sich ihr nicht entziehen. Im 4. Jahrhundert besuchte er zusammen mit seinen Freunden sonntags die Gräber der Apostel und Märtyrer: „Wir traten in die Gänge ein, die tief in das Innere der Erde gehauen, mit Gräbern übersät und so dunkel waren, dass sich darin das prophetische Wort zu bewahrheiten schien: Lebend sollen sie hinabfahren ins Totenreich. Das spärliche Licht, das von oben zu uns drang, vermochte die Dunkelheit etwas zu mildern; die Helligkeit war aber so schwach, dass man meinte, sie stamme eher aus einer Ritze als aus einem Lichtschacht.“ Noch heute sind die Katakomben dunkel und feucht. Besucher müssen auf jeden ihrer Schritte achten.

Das Grab wird zum Ort der zukünftigen Auferstehung

Dieses besondere Erlebnis ist mit einer Fahrt vor die Tore des antiken Roms verbunden. Denn das Zwölftafelgesetz von 450 v. Chr. bestimmte, dass Bestattungen nur außerhalb der Stadt erfolgen durften. Die Entwicklung der Katakomben in Rom hängt mit dem Wandel der Begräbnisarten zusammen. Bis zum 2. Jahrhundert war die Urnenbestattung vorherrschend. Dann setzte sich sowohl bei der heidnischen Bevölkerung als auch bei den Christen die Körperbestattung zusehends durch. Diese bekam eine religiöse Bedeutung, weil die Christen das Grab als die Stätte ihrer künftigen Auferstehung ansahen. Die Beisetzung benötigte viel Platz, kostete also mehr Geld. Schon zur Zeit der Urnenbestattung hatte es Begräbnisvereine gegeben, die mithilfe der gezahlten Beiträge für die Beerdigungen ihrer Mitglieder aufkamen.

Als die Belegung der Gräberfelder immer dichter wurde, ging man in die Tiefe. Hierfür war der weiche vulkanische Tuffboden in Roms Umland ideal. Das Ausmaß der unterirdischen Begräbnisstätten durfte laut Gesetz nicht die Grenzen des oberirdischen Areals überschreiten. Man baute deshalb bis zu vier Stockwerke in die Tiefe. Die Ausstattung der einzelnen Grabstellen war vom Vermögen der jeweiligen Familie abhängig. Bei den Christen waren Begräbnisstätten in der Nähe von Märtyrergräbern begehrt und deswegen teuer. Von der Nähe der Märtyrer erhoffte man sich Beistand beim Übergang ins himmlische Reich. Deshalb wurden an ihren Gräbern auch Gedenkgottesdienste abgehalten. Es war zunächst diese Nähe zu den Heiligen, die eine Kirche „im Untergrund“ entstehen ließ, und nicht die Angst vor Verfolgung.

Man wollte die Gräber wiederfinden

Die eigene Grabstelle erwarb der Römer schon zu Lebzeiten. Für die Bestattung der Ärmsten kam meistens die Gemeinschaft auf. Gekauft wurden die Grabstellen bei den „fossores“, die die Katakomben mit ihren Gängen und Lichtschächten bauten, die Gräber einrichteten und bei der Bestattung mitwirkten. Man erwarb dabei verschiedene Arten von Gräbern: „Formagräber“ waren einfache Senkgräber in den Böden der Grabkammern, „Arkosolgräber“ dagegen befanden sich überwiegend in den großen Grabkammern und waren am reichsten ausgestattet.

Das eigentliche Grab wurde von einem Bogen überwölbt, der häufig mit Wandmalereien verziert war. Die Grabkammern selbst hießen „cubiculum“ – wie das Schlafzimmer des römischen Hauses. Die gebräuchlichsten Gräber waren die „loculi“. Diese „kleinen Flecken“ lagen in langen Reihen neben- und untereinander angeordnet und boten bis zu drei Bestattungen Platz. Sie wurden mit teilweise verputzten Ziegelplatten verschlossen, auf denen mit roter Farbe Namen oder andere Beischriften aufgetragen wurden – man wollte ein Grab schließlich wiederfinden. Dafür drückten die Angehörigen auch kleine Erkennungszeichen in den Mörtelüberzug: Buchstaben, Ziffern, Münzen, Ringe, Ketten, Glasböden, Puppen; alles Dinge, die zum Leben der Verstorbenen gehört hatten.

Ruhestätte für Heiden, Juden und Christen

Waren die Gräber gekennzeichnet, dann wurden Name, Lebenszeit in Jahren, Monaten und Tagen sowie das Datum der Grablegung genannt, das meist mit dem Todestag übereinstimmte. Dieses Datum war besonders wichtig, denn für die Christen war der Todestag gleichzeitig die Geburt zum neuen Leben. An diesem Tag gedachten die Angehörigen jedes Jahr der Toten mit einem symbolischen Mahl.

Auch bei den Juden Roms setzten sich mit Beginn des 3. Jahrhunderts unterirdische Begräbnisstätten durch. In den bislang fünf bekannten jüdischen Katakomben gibt es nicht viele Grabmalereien, die meisten Kammern wurden nur weiß verputzt. Eine Ausnahme findet sich in der Katakombe unter der Villa Torlonia: Jeweils links und rechts von einem geöffneten Thoraschrein befindet sich ein siebenarmiger Leuchter, links sind außerdem eine Flasche und ein Widderhorn (Schofar), rechts eine Zitrusfrucht, ein Messer, ein Palmzweig und ein Granatapfel zu sehen – alles Gegenstände, die zum Synagogengottesdienst gehören.

Frühe christliche Symbole

Rein christliche Symbole tauchen in den Katakomben erstmals schon ab etwa 180 n. Chr. auf. Diese christlichen Grabstellen erkennt man heute an der Formel „in pace“ (in Frieden) und an Symbolen wie Anker und Fisch. Sie stehen auch für die Hoffnung auf eine Erlösung durch Jesus Christus. Der Fisch hat eine vielfältige Bedeutung. Besonders wichtig war er in seiner Bedeutung als christologisches Symbol: Das griechische Wort für das Symbol Fisch lautet „Ichthys“. Es ist ein Akrostichon, das sich auflösen lässt in Iesous CHristos THeou hYios Soter (Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser). Weitere frühchristliche Symbole sind die Taube, die für den Frieden und die Apostel steht, der Pfau für ewiges Leben, der Phönix für die Auferstehung und das Lamm als Symbol für Christus.

Die Wandmalerei der Katakomben ist zunächst geprägt von alttestamentarischen Motiven. Beliebt waren Jonas’ Errettung aus dem großen Fisch, Noah und die Arche, Moses, Daniel in der Löwengrube, Abrahams Opferung seines Sohnes Isaak sowie Bilder aus der Hiob-Geschichte. Zu den häufigsten Figuren gehörten aber einfach Betende („Oranten“) und der Gute Hirte. Beide griffen heidnische Vorstellungen von Frömmigkeit und Menschenliebe auf. Sie bekamen jetzt aber eine neue christliche Bedeutung als Sinnbild für die Versöhnung des Sünders mit Gott, dem Hirten, der das verlorene Schaf sucht und findet.

Wenig Darstellungen der Verfolgung

Es gibt in den Katakomben nur wenige Darstellungen, die sich tatsächlich den Verfolgungen zuordnen lassen. Zu ihnen gehören die hebräischen Jünglinge im Feuerofen, die die Anbetung des babylonischen Königs verweigert hatten. Diese Szene kommt verstärkt im 3. Jahrhundert vor und weist auf das Martyrium der Christen hin. Eine einzigartige Malerei befindet sich in der Thekla-Katakombe: Eine Orante wird von einem Verfolger weggezerrt.

Mit der Anerkennung des Christentums gab es dann Wunderdarstellungen von Jesus in Hülle und Fülle: die Heilung des Lahmen von Kapernaum oder seine Brot- und Weinwunder. Auch vielfältig gestaltete Taufszenen wurden beliebt, ebenso wie die Anbetung des Jesuskindes durch die drei Könige. Auch Mahlszenen wurden häufig, sowohl in ihrer Bedeutung als Totenmahl wie auch als Sakrament der Eucharistiefeier, als Abendmahl. In der Lucinagruft der Calixtus-Katakombe sind zwei große Fische dargestellt, die jeweils einen Brotkorb und ein Glas Wein tragen.

Älteste Mariendarstellung

Die Calixuts-Katakombe war die offizielle Begräbnisstätte der frühen Kirche. Benannt ist sie nach dem Diakon Callistus, der Ende des 2. Jahrhunderts vom römischen Bischof Zephyrinus die Aufsicht erhielt. Mitte des 3. Jahrhunderts  entstand hier die berühmte Papstgruft, in der die römischen Bischöfe bestattet wurden. Ein besonderes Bild befindet sich in der Priscilla-Katakombe an der Via Salaria: Die Wandmalerei zeigt eine Frau mit einem Kind im Arm. Links von ihr steht ein erwachsener Mann, vermutlich der Prophet Bileam – die bislang älteste bekannte Darstellung von Maria mit dem Kinde.

Früh kamen Gläubige in die Katakomben, um ihrer Angehörigen zu gedenken, um Gottesdienste abzuhalten und die Märtyrergräber zu sehen. Zuweilen wird sich auch der eine oder andere kurzzeitig im Untergrund versteckt haben. Aber niemals boten die Katakomben dauerhaft Zuflucht vor den Schrecken der Verfolgung. Ein dauerhaftes Leben im Dunkeln war wegen des Verwesungsprozesses der vielen Toten auch nicht möglich.

Im Lauf der Zeit ging das Wissen um die Katakomben verloren. Erst 1578 wurden sie wiederentdeckt und seitdem erforscht. Heute sind viele für Besucher freigegeben und ermöglichen einzigartige Einblicke in die Welt des frühen Christentums.

 

Martina Müller

 

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015