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Zwischen Tradition und Fortschritt

Eindrücke aus Südkorea

Südkorea versucht die Gratwanderung zwischen dem Erhalt von Traditionen und modernen westlichen Fortschrittsvorstellungen. Eindrücke aus einem gespaltenen Land

Norkoreanischer Soldat in der Demilitarisierten Zone

Geballte Fäuste, unbewegte Miene: Ein nordkoreanischer Soldat lässt sich in der Demilitarisierten Zone von der Presse fotografieren. | © Wolfgang Mayer

 

Mit unbewegter Mine, aber geballten Fäusten lässt der nordkoreanische Soldat in der blauen Baracke die Fotos mit ihm zu. Das Gebäude ist von beiden Seiten abwechselnd zugänglich. Darin betritt man de facto nordkoreanischen Boden. Draußen im Freien stehen sich zeitweise Wachposten beider Seiten Auge in Auge gegenüber. Keine Mauer trennt sie; nur ein Betonstreifen am Boden zeigt an, wo die Grenze verläuft. 

Der Schauplatz: die Demilitarisierte Zone zwischen dem Süden und dem Norden Koreas bei Panmunjom. Die meisten Touristen empfinden den Trip als aufregend. Die Besucherzahl ist begrenzt und Begleiter vom US-Militär achten streng darauf, dass die Kameras nur in Richtung Norden ausgerichtet werden. Im Militärbus geht es in der „DMZ“ vorbei an der „Brücke ohne Wiederkehr“ und an der Einfahrt zum „Tae Sung Freiheitsdorf“, in dem gut 200 Menschen leben und Felder bestellen.

Kriegspropaganda aus dem Norden ist Alltag

An einem Rastplatz weiter im Landesinneren bietet ein Souvenirgeschäft nordkoreanischen Schnaps ebenso wie ein Stück Stacheldraht für umgerechnet 12,50 Euro feil. Hier kann man Südkoreaner befragen: Was denken sie über die Nuklearbedrohung aus dem Norden? „So what?“ (Na und?) ist von der 35-jährigen Reisebegleiterin zu hören. „Seit 60 Jahren kommt Kriegspropaganda aus dem Norden, daran sind wir gewöhnt“. 

Eigentlich präsentiert sich Südkorea den Reisenden lieber an anderen Orten. Zum Beispiel in der Millionenstadt Changwon an der Südküste. Schmiede lieferten in den guten, alten Zeiten von hier aus Schwerter aus gehärtetem Stahl nach China. „Heute sind wir das Silicon Valley Koreas“, sagt der Bürgermeister Park Wan-su. Monumental sind die Rohbauten der Riesen-Kreuzfahrtschiffe in den Werften am Ufer. „Wir wollen bis 2020 die Umwelt-Hauptstadt werden“, ist das nächste ehrgeizige Ziel. Parkanlagen entstehen. Kommunalpolitiker sprechen von „Zeitgeist“. Während des Interviews mit dem Bürgermeister entlockt die Musikerin dem Gayageum, dem zither-artigen Instrument, klassisch-koreanische Melodien.

Werbung für Medizintourismus

Südkoreas Gratwanderung zwischen Tradition und westlichem Fortschritt spiegelt sich im geteilten Kreis in der Nationalflagge wieder, die die Balance zwischen den kosmischen Gegenkräften von Yin und Yang symbolisiert. Die meisten Koreaner richten darauf ihre Lebensphilosophie aus. 

Auffallend ist: Vielerorts wird um Medizintourismus geworben. Die Stadt Daejeon mit 7800 Spezialisten in den verschiedensten Einrichtungen und 21.000 Hotelbetten ist ein Beispiel dafür. Das Geheimnis von Gesundheit sehen viele jedoch schon in Kimchi, eingelegtem Chinakohl, der in Korea praktisch zu jeder Mahlzeit gereicht wird und sehr vitaminreich ist. Die Tradition der Speise reicht bis zur Zeitenwende zurück.

Johann Strauß und Hard Rock

Unerwartet ist schon der erste Eindruck bei der Landung am Flughafen der Hauptstadt Seoul, dem Handels-, Industrie-, und Kulturzentrum Südkoreas mit rund elf Millionen Einwohnern: Aus dem Lautsprecher der Korean Air ertönt ein Johann-Strauß-Walzer. Später, nach Bezug des Zimmers im 27. Stockwerk des Hotel-Hochhauses, dringt Hard Rock-Musik vom Haupttor des Deoksugung-Palasts herüber. Um 1600 wurde auf dem Areal die königliche Residenz eingerichtet. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er das Zentrum des Reiches der Han-Dynastie, die als Begründer des „modernen Korea“ gilt. Störend ist an diesem Abend nur der kalte Wind, der von Norden her bläst – durchaus symbolträchtig.

Korea bietet viele Weltkulturerbestätten

Erst in den 1880er-Jahren öffnete Japan einige Häfen für Schiffe der Europäer. Vergangenheit ist an vielen Orten lebendig. Touristen aus dem In- und Ausland sind fasziniert von den zahlreichen Stätten, die die UNESCO auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt hat. „Korea kommuniziert durch seine Kultur und seine Wirtschaft mit der Welt“, sagt der Kulturminister Yoo Jinryong. 

Tatsächlich befindet sich das Land heute mit seinen technologischen Innovationen auf der Überholspur auf dem Weg in die Zukunft. Staatlich geförderte Technologiezentren knüpfen an Leistungen in alter Zeit an. Die Drucktechnik mit Metalltypen beispielsweise war in Korea bereits 200 Jahre lang in Gebrauch, bevor Gutenberg 1455 die erste europäische Druckmaschine erfand. Im 16. Jahrhundert erfanden koreanische Spezialisten aber auch die erste Granate der Welt mit Zeitzünder.

Die Erfolgsgeschichte von Samsung

Umgerechnet 20 Milliarden Euro hat der Staat bisher in das Forschungsgelände von Innopolis gesteckt. Fünf Universitäten und 1.100 mittelständische Hightech-Unternehmen sind hier angesiedelt. Wirtschafts- und Technikgeschichte schrieb der Konzern Samsung Electronics. Alles begann 1938 mit einem Krämerladen, in dem vor allem Reis zu bekommen war. 1954 kamen Textilien hinzu, 1969 das Geschäft mit Elektronik; 36 Beschäftigte waren dafür anfangs angestellt. Unter den Kennzahlen für das Jahr 2012 weist der Konzern 236.000 Beschäftigte und 210,9 Milliarden US-Dollar Umsatz aus. Die Vision für 2020 sieht 400 Milliarden Dollar Jahresumsatz vor. Vom heute 9. Platz unter den „weltbesten Marken“ will Samsung bis dahin auf Platz fünf vorstoßen. Erreicht werden soll dies durch den Einstieg in ganz neue Geschäftsfelder.

 

Wolfgang Mayer

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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