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Die Geisterwelt und das Christentum

Hexenverfolgung

Der Mythos von zauberkundigen Frauen und Männern zieht sich durch alle Kulturkreise und Zeiten. Doch im Mittelalter begann der Hexenwahn die Herzen der Menschen zu vergiften.

Frauen wurden noch in der Neuzeit als Hexen verfolgt. Bildnachweis: Library of Congress

Als alte Überlieferungen von Zauberkundigen auf das Christentum treffen, kommt es zu einem Konflikt, der in den Hexenprozessen gipfelt. | © Library of Congress

 

Die Vorstellung, von einem Wesen, das nachts umherfliegt, Tiergestalt annimmt oder auf einem Zaunstecken reitet, ist in altgermanischen Überlieferungen zu finden. Das Wort Hexe stammt aus dem Althochdeutschen „Hagazussa“ und bedeutet so viel wie „Zaunreiterin“. Der Zaun symbolisiert dabei die Grenze. Die Hexe reitet und balanciert also zwischen den Welten, der realen, greifbaren Welt, und dem Jenseits, um in Trance ins Geisterreich zu gelangen und zwischen den beiden Welten zu vermitteln. Dabei konnte sie mit ihrer Zauberkraft zugleich seherisch als auch schädigend wirken. Im keltisch beeinflussten Kulturkreis ist häufig von Feen die Rede, die entweder gut oder böse sein konnten. Ursprünglich waren sie eher gütige Wesen, die mit ihrer Heilkunst zum Wohl der Menschheit beitrugen. Später brachten sie hingegen Unheil. Ihre Bezeichnung wurde aber nicht mit realen Menschen gleichgesetzt und somit auch nicht Gegenstand von Hexenverfolgung. Sie behielten ihren Charakter als mythische Wesen.
Auch mit dem Einzug der Christianisierung blieben heidnische Bräuche und Vorstellungen von Zauberwesen allgegenwärtig. Ebenso verbreitet war die Vorstellung von Dämonen und Nymphen. Heidnische Ansichten vermischten sich mit mittelalterlicher Theologie; Opfer an die guten Geister, an die Holden, Perchten und Alfen wurden weiterhin dargebracht. Die Anwendung von Zaubersprüchen wie der Heil-, Binde- und Lösezauber der Merseburger Zaubersprüche blieb beliebt, bis der spätgermanische Gott Wodan durch Christus ersetzt wurde und christliche Heilige die Funktion der Helfer übernahmen. Gleichzeitig sprach man einen Bann über die heidnischen Götter und Dämonen aus.

Frauen galten als anfälliger für den Teufel

Sehr ausführlich setzte sich Kirchenvater Augustinus mit Magie und Zauberei auseinander. Für ihn ist die Welt mit Dämonen bevölkert. Wie der Sündenfall bereits demonstrierte, handelte es sich dabei um gefallene Engel, die die Menschen − vor allem Frauen – zu verführen versuchten. Schließlich sei die sündige Eva nur aus der Rippe Adams entstanden und damit ein Geschöpf „aus zweiter Hand“. Dies erkläre die größere Anfälligkeit des weiblichen Geschlechts für die Anfechtungen des Teufels. Da nach Augustinus Zauberei physikalisch nicht möglich war, beruhte für den Kirchenvater jede Form der Magie auf einem ausdrücklichen oder stillschweigenden Pakt mit dem Dämon. Im „Canon episcopi“, einer kirchlichen Vorschrift aus dem Jahre 903, werden Frauen beschrieben, die des Nachts ausfahren und während ihres ekstatischen Flugs weite Strecken in der Luft zurücklegen. Noch sah man in ihnen Frauen, die einem Wahn verfallen sind und einem Glaubensirrtum unterliegen, der mit Buße belegt werden muss. Schlimmstenfalls drohte ihnen der Ausschluss aus der Gemeinde.
Der Glaube an übernatürliche Kräfte und Mächte blieb in der Bevölkerung lebendig, sodass die Kirche sich immer entschiedener gegen jede Form von Zauberei aussprach. Nicht zuletzt auf Grundlage der Lehre des Thomas von Aquin, des bedeutendsten Kirchentheoretikers des Mittelalters, wurden nun alle abergläubischen Handlungen Teufelswerk. Theologen vertraten nun die Auffassung, dass Hexerei mit Hilfe des Teufels tatsächlich ausgeübt werden könne, während man früher Aberglauben als Humbug und Hokuspokus abgetan hatte. Das 12. und 13. Jahrhundert hatte ein für die etablierten Gewalten erschreckedes Aufblühen des Sektenwesens gesehen. Vor allem die „Gegenkirche“ der Katharer fanden großen Zulauf und stellte die Machtposition der Kirche ernsthaft in Frage. Sie nannten sich „die Reinen“, lehnten die Sakramente ab und beschworen ein enthaltsames und einfaches Leben in Armut. Mit ihrer Forderung nach Umkehr stellten sich offen gegen die offizielle Lehrmeinung der Kirche. Dabei gründeten sie ihre eigenen Organisationen und bildeten eine verschworene Gemeinschaft, die immer mehr Anhänger fand. Daraufhin beschloss die Kirche den Machtkampf aufzunehmen und gegen die „Apostel des Satans“ entschlossen vorzugehen. Die päpstliche Inquisition kam erstmals zum Einsatz, um zur „Verteidigung des Glaubens“ die Häretiker aufzuspüren und auf den Scheiterhaufen zu bringen, jeglicher Widerstand wurde im Keim erstickt.

Mit Folter ließ sich jedes Geständnis erpressen

Mit dem Inquisitionsprozess besaß die spätmittelalterliche Welt ein Instrumentarium, das ein paar Jahrhunderte später in ganz anders gearteten Krisenzeiten auch auf angebliche Zauberer und Hexen anwendbar war. Als Diener des Teufels, auf dessen Eingebung sie handelten, wurden Hexen mit Ketzern gleichgesetzt und auch gegen sie ging man letztendlich mit schonungsloser Härte vor. So brachte man die Magie mit Ketzern in Verbindung, die angeblich den Teufel anbeteten. Immer häufiger wurden nun Hexen der Buhlschaft des Teufels und des sexuellen Umgangs mit ihm bezichtigt. Und mit den angewandten grausigen Foltermethoden ließ sich fast jedes Geständnis erpressen. Nun wurden bis weit in die Neuzeit hinein die Hexen von den weltlichen Mächten als Bedrohung der Gesellschaft verfolgt, die dabei auf die Unterstützung kirchlicher „Hexenexperten“ zurückgreifen konnten. Auch wenn einzelne Theologen dem tödlichen Unfug engegenzutreten versuchten – das Kesseltreiben hatte begonnen.
Dass die Einheit und die Autorität der alten Kirche in der Reformation zerbrach, änderte nichts, im Gegenteil: Die allgemeine Verunsicherung bereitetet erst recht den Boden für die Jagd auf Sündenböcke. Und auch eine so fortschrittliche Erfindung wie der Buchdruck trug zunächst einmal zur rasche Verbreitung von Hexenglauben und Hexenfurcht bei. Angst durchdrang die Gesellschaft – die Angst vor den Hexen, aber auch die Furcht vor Verfolgung.

Evi Kästner

 

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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