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Jeder einzelne kann etwas tun

Jane Goodall im Interview

Jane Goodall zog los, um in Afrika Schimpansen zu erforschen – mehr als 50 Jahre  ist das her. Heute will sie vor allem eines: die Menschen zum Naturschutz aufrütteln. Das verriet sie in einem sehr persönlichen Interview.

Die Primatenforscherin Jane Goodall bei einer Parade in Pasadena, California, 2012. | © Library of Congress

 

Frau Goodall, viele Menschen sorgen sich um ihre Umwelt. Können Sie einen Rat geben, wie jeder einzelne helfen kann?
JANE GOODALL: Natürlich kann ich Rat geben. Das kann ich immer (lächelt). Man sollte  jeden Tag ein paar Minuten darüber nachdenken, welche Konsequenzen die Wahl hat, die man trifft. Zum Beispiel was wir kaufen: Wo kommt es her, wie weit ist es gereist, könnten wir das auch hier bekommen und weniger CO2-Verseuchung verursachen? Wir sollten uns fragen,  was wir essen: Kommt es aus intensiver Landwirtschaft? Mussten Tiere dafür leiden, hat es der Umwelt geschadet? Oder denken Sie an unsere Kleidung: Entstand sie durch Kinderarbeit? Wenn wir uns bewusst werden, wie wir mit unserem Planeten umgehen, machen wir die Welt zu einem besseren Ort.

Wir, in den reichen Ländern haben diese Wahl. Aber wie ist es mit dem viel größeren Teil der Menschen – die in einem armen Land leben?
Oh doch, die haben sie sehr wohl. Wenn dir ein Hund begegnet, kannst du nach ihm treten oder du kannst ihn streicheln und gut behandeln. Du kannst eine herausgerissene Pflanze mit Wurzeln sehen und entscheiden, sie wieder einzupflanzen. Du kannst Müll herum liegen sehen und ihn aufheben. Man hat immer die Wahl. Man kann sich zum Beispiel entscheiden, kein Fleisch mehr zu essen.

So wie Sie; Sie sind überzeugte Vegetarierin.
Ja. Seit ich 1975 das Buch „Befreiung der Tiere“ über Massentierhaltung las, esse ich kein Fleisch mehr. Als mir bewusst wurde, was vor sich ging – die armen Tiere an diesen schrecklichen Orten – und das Schnitzel nach dem nächsten Einkauf auf meinem Teller sah, dachte ich: Dieses Stück Fleisch symbolisiert Schmerz, Angst und Tod. Das möchte ich nicht essen.

Für viele sind Sie ein Vorbild. Wie leben Sie damit?
Nun, es beeindruckt mich nicht. Aber wenn Leute sich an mir orientieren, treffen sie vielleicht eine gute Wahl. Das wäre doch ein Vorteil, zum Beispiel wenn ich an unserer „Roots & Shoots“ denke.

„Roots & Shoots“ – Ihr Jugendprogramm.
Ja, mein Herzensprojekt: ein Programm für Kinder und Jugendliche in der ganzen Welt, die sich für Menschen, Tiere und Umwelt engagieren wollen. Die Kinder können sich an das Jane Goodall Institut wenden, wenn sie zum Beispiel Geld sammeln wollen für eine bedrohte Tierart, wenn sie Bäume pflanzen wollen oder andere Ideen haben. Das ist doch viel besser, als wenn die Kinder vor ihren Fernsehgeräten oder Videospielen festkleben.

Interessieren Sie sich  für moderne Technik?
Aber sicher! Ich skype von überall auf der Welt und schreibe viel am Computer. Nur von Facebook lasse ich die Finger.

Sie sind ohnehin schon eine öffentliche Person.
Ja, aber es ist bei mir nicht so wie zum Beispiel bei der Königin von England (lächelt). Im Vergleich zu ihr habe ich viel mehr Freiheiten.

Und auch mehr Möglichkeiten, etwas zu ändern?
Ich denke schon (lächelt). Ich komme ganz nah an die Menschen heran und sie wollen das auch. Es ist schön, wenn man sieht, dass man etwas bewegt, ein Umdenken in Gang setzt.

Sie sind so weit gereist: Gibt es Orte, die Ihnen besonders am Herzen liegen?
Oh ja: Gombe natürlich. Und der Hippo-Pool in Tansania.  Und das Goualougo-Dreieck  (Anm. der Red.: im Nationalpark im Kongo, nahe Brazzaville). Das ist einfach ein wunderschöner Dschungel. Alle Wälder sind schön für mich.

1986 haben Sie sich entschlossen, ihr Forschungsobjekt im Dschungel zu verlassen, um der Welt zu erzählen, dass die Natur zerstört wird. Haben Sie sich je in den Dschungel zurückgesehnt?
Nein, niemals. Das hat zwei Gründe. Sehen Sie, ich hatte viele Jahre dieses wundervolle Leben in Gombe. Aber zu etwas zurückzugehen, funktioniert nie. Gombe hat sich verändert. Ich wusste, dass ich dort niemals wieder glücklich werden würde. Zudem hat man mir bestimmte Gaben mitgegeben. Eine davon ist die Fähigkeit zur Kommunikation. Egal, ob durch Schreiben, Vorträge halten oder in der Arbeit mit Kindern. Ich wusste, ich würde diese Gabe zurückhalten, wenn ich mich einfach im Wald zurückgelehnt hätte. Das hätte ich nicht genießen können.

Das hört sich beinahe so an, als wäre das Leben im Dschungel die reinste Erholung.
Nun, das Leben dort verläuft in einer anderen Geschwindigkeit. Du stehst auf, gehst in den Wald,  folgst der Spur der Schimpansen, beobachtest ihr Verhalten, schreibst es auf.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten: Was soll einmal von Ihnen bleiben?
Das eine ist auf jeden Fall mein Jugendprojekt „Roots & Shoots“. Und das wird überleben, denn es ist schon in 130 Ländern angekommen. Das andere ist die Haltung gegenüber Tieren. Dass man das Bewusstsein schafft: Tiere sind Individuen mit Persönlichkeit, denen man mit Respekt begegnen und um die man sich kümmern muss.

Sie wirken sehr ruhig, gelassen und ausgeglichen. Werden Sie auch mal wütend?
Oh ja!

Schreien Sie dann?
Nein, ich schreie nie, wenn ich wütend werde. Ich reflektiere darüber und sage mir: Wenn dieser Mensch nicht versteht, was ich sage, dann ist es meine Schuld, nicht seine. Also muss ich einen anderen Weg finden, um ihm zu helfen, mich zu verstehen. Das ist meine Verantwortung.

Das klingt sehr weise.
Meine Mutter hat mir das beigebracht: Wenn du mit jemandem nicht einer Meinung bist, musst du ihm zuhören. Damit du verstehst, warum er deine Meinung nicht teilt. Und dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man merkt: Oh, der andere hat durchaus einen Punkt, den man beachten sollte. Oder man stellt fest: Nun erkenne ich, warum er so argumentiert. Sein Standpunkt ist trotzdem falsch. Was kann ich tun, um ihm meine Sichtweise auf andere Art näher zu bringen, damit er mich versteht und die Sache differenzierter sieht?

Hat Ihnen diese ruhige, bedachte Art auch damals geholfen, als sie als junge Forscherin angefeindet wurden? Sie hatten kein Studium, nur die fixe Idee, in den Dschungel zu gehen, um Schimpansen besser zu verstehen.
Was andere über mich denken, war mir schon immer egal (lächelt). Ich wusste, dass ich etwas Bahnbrechendes entdeckt hatte, wollte weiterforschen und  natürlich Louis Leakey Ehre machen. Der berühmte Verhaltensforscher und Anthropologe setzte damals durch, dass ich auch ohne Studium promovieren durfte, denn – so seine Worte: „Jane, wenn du weiter in Afrika forschen willst, brauchst du den Doktortitel, damit du Gelder bekommst.“

Sie betonen, dass alle Tiere eine Persönlichkeit haben. Können Sie die immer herausfinden?
Nicht immer. Bei Katzen zum Beispiel kann ich es überhaupt nicht sagen. Die sind oft sehr eigenwillig. Bei Hunden ist das wesentlich leichter. Man kann auf den ersten Blick sehen, ob sie freundlich sind. Mein erster Hund „Rusty“ hat mich das schon in der Kindheit gelehrt, zu Hause in Bournemouth.

Das immer noch Ihr Zuhause ist in England.
Ja. Meine Schwester lebt heute in unserem Elternhaus. Und ich habe dort ein Zimmer voller Bücher und Souvenirs. Das ist ein Ort, an dem ich zur Ruhe kommen kann. Immer, wenn ich dort bin nutze ich die Zeit, um ein Buch zu schreiben und mit meiner Familie zusammen zu sein, etwa wenn meine drei Enkel aus Tansania zu Besuch kommen.

Viele Menschen denken, dass Sie wie eine Heilige leben. Womit kann man Sie verwöhnen?
Ich liebe ein schönes Glas Rotwein, ich mag Whisky. Meine Schwester hat immer einen schönen Whisky da, wenn ich nach Hause komme. Ich mag Schokolade und – Käsekuchen. Ein Ernährungswissenschaftler hat mir mal gesagt, dass Käsekuchen genau das Richtige ist für einen müden Körper. Denn er enthält die ideale Mischung: genug Proteine und Inhaltsstoffe, die der Körper gut verdauen und verarbeiten kann.

Was sagen Sie Leuten, die Sie für eine unverbesserliche Romantikerin halten?
Wenn sie das denken wollen, dann sollen sie einfach so weitermachen wie bisher. Ich werde mich nicht mit ihnen streiten. Und wenn sie mir sagen: „Schau dich doch um, überall nur Schrecken und schlimme Dinge“,  antworte ich: Du musst einfach tiefer graben, dann siehst du unter der Oberfläche das Gute, Schöne, Wertvolle.

Wie viel Zeit bleibt uns noch, um unser Leben zu ändern?
Nun, ich denke, 20, 30 Jahre. Die Dinge geschehen schneller und immer schneller. Das Klima verändert sich so rasant. Wenn nichts geschieht, stehen wir alle unter Wasser.

Interview: Elke Kressin. Dieses Interview ist erstmals im „plus Magazin“ (Ausgabe Dezember 2012) erschienen.

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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