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Ein Kaiser mit zwei Seiten

Karl der Große

Karl der Große steht am Anfang der Geschichte von Deutschen und Franzosen. Doch welches Bild sie sich vom Herrscher machten – darüber gab und gibt es zu beiden Seiten des Rheins durchaus Unterschiede.

Statue Karl der Große

Karl der Große wird oft als „Vater Europas“ bezeichnet. | © Istockphoto.com/marialba.italia

 

Karl stammt aus dem fränkischen Geschlecht der Pippiniden. Seit 768 war er König der Franken, 800 wurde er in Rom zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches des Abendlands gekrönt, gestorben und begraben ist er 814 in Aachen beziehungsweise Aix-la-Chapelle, wie die Franzosen die Stadt nahe der Sprachgrenze nennen. Mit seinem Zepter regierte er über die Menschen von den Pyrenäen bis zur Nordsee, von der Bretagne bis zum Böhmerwald. Auch wenn ihn nur wenige seiner Untertanen je persönlich zu Gesicht bekamen, so waren sie sich doch alle bewusst, Gefolgsleute des großen Kaisers Karls und Teil eines Reiches zu sein.

Für die Franken im Westen und in der Mitte des Reichs war Charles der Träger und Vollender „ihres“ Reichs, der Erbe von Dynastien und politischen Konzepten, die drei Jahrhunderte – für die Zeitgenossen war das seit undenklichen Zeiten – zurückreichten. Die Dynastie, das war das Herrschergeschlecht der Franken, zunächst verkörpert von den Merowingern. Als sich diese Familie in Uneinigkeit, Dekadenz und Intrigen aufgerieben hatte, schlüpften die Pippiniden, die man bald die Karolinger nannte, leicht und locker in deren zu groß gewordenen Stiefel – sie hatten das Reich ja lange genug als Hausmeier regiert. Dass sich der ungekrönte König dann tatsächlich die Krone aufsetzte, war nur logisch gewesen.

Durch die Kirche erreicht der König seine Untertanen

Das politische Konzept war das Bündnis von Thron und Altar, die Zusammenarbeit von weltlicher Macht und Kirche. Begründet hatte es um 500 der Frankenkönig Chlodwig mit seiner Taufe in die katholische Kirche – ein weitsichtiger Schachzug, denn nun beteten Herrscher und Untertanen zum selben Allmächtigen, besuchten dieselben Gotteshäuser und fühlten sich dadurch auch spirituell verbunden. Im Vergleich zu den höchst rudimentären staatlichen Strukturen, die sich letztlich auf die persönlichen Beziehungen zwischen dem König und den höchsten Adeligen beschränkten, war die Kirche umfassend und wirkungsvoll durchorganisiert. Das ganze Land war in Bistümer aufgeteilt, und über die Pfarreien erreichte ein Bischof jedes seiner Schäfchen – und von nun an auch der Herrscher jeden Untertan. Franke sein und Christ sein waren von nun an eines. Und als der Papst am Weihnachtstag des Jahres 800 König Karl die altehrwürdige Krone der römischen Imperatoren aufs Haupt setzte, war die Begründung einer Herrschaft „von Gottes Gnaden“ auch für den letzten Zuschauer sichtbar geworden.

Auch Napoleon bezieht sich auf Karl den Großen

Mit der Kaiserkrone war der Auftrag zur Vorherrschaft über die Christenheit verbunden und tatsächlich blieben die ersten Jahrzehnte des 9. Jahrhunderts die einzige Epoche, in der Anspruch und machtpolitische Realität zusammenfielen. Unter Karl und seinem Sohn Ludwig waren alle anderen Könige Europas vom Licht aus Rom und Aachen überstrahlt, und keiner konnte oder wollte den Karolingern die Vormacht streitig machen. Für die Franzosen blieb es zudem für tausend Jahre die einzige Epoche, in der einer der „ihren“ die höchste Krone des Abendlandes trug, deren Prestige trotz des machtpolitischen Niedergangs der Kaiserwürde erhalten blieb. Dass diese Würde in der Folge den Vettern auf der anderen Seite des Rheins zufiel, blieb lange ein Stachel in der französischen Karolinger-Seele. So wurden die Könige von Frankreich auch nicht müde, ihre Beziehungen zum großen Kaiser herauszustellen, und als sich Napoleon I. 1803 zum „Kaiser der Franzosen“ proklamierte, folgte er selbstverständlich den Spuren von Carolus Magnus, des großen Karls.

Bajuwaren und Sachsen schlossen sich nicht freiwillig an

Die Menschen entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse, die bereits die Thronbesteigung Karls als jene ihres neuen Königs gefeiert hatten, werden ähnliche Gefühle gegenüber ihrem Herrscher gehegt haben. Was aber mit jenen, die erst während seiner Regierungszeit unters Frankenzepter kamen? Dazu zählten in erster Linie die Bajuwaren und Sachsen, und ihr „Anschluss“ ans Frankenreich war nicht eben friedlich und schon gar nicht freiwillig erfolgt. Besonders die Sachsen, die weiterhin ihre alten Götter verehrten und andere „heidnische“ Bräuche pflegten, hatten wenig Lust, sich einem fremden, fernen Herrscher zu unterwerfen und den Priestern einer merkwürdigen neuen Religion zu gehorchen. Sie erschlugen daher die Missionare und ließen sich auch von der Streitmacht der Franken wenig beeindrucken. Deren überlegene Schlagkraft setzte sich zwar letztendlich durch, dennoch hielten die starrköpfigen Sachsen den Frankenkaiser, seine Berater und seine Militärs über 30 Jahre lang in Atem; erst am Ende seiner langen Regierung konnte Karl das Land im Norden als gesicherten Teil seines Reichs betrachten.

Unterworfene werden geschickt „integriert“

Darin richteten sich die unterworfenen – und inzwischen auch getauften – Sachsen allerdings rasch ein. Sie verstanden sich bald als einer der „staatsragenden Stämme“ des Frankenreichs und begriffen das Kaisertum und den großen Kaiser Karl als Teil des eigenen Erbes – ein Erbe, das sie höchst erfolgreich pflegten und weiterentwickelten. Aus dem ehemaligen „Sachsenschlächter“ wurde das Vorbild für jenen Herrscher, dem nur hundert Jahre später die Sachsenherzöge als Könige und Kaiser nacheiferten. Die Bayern im Südosten hingegen wären schon damals durchaus zufrieden gewesen, ihren eigenen Staat zu tragen, und Herzog Tassilo III. sah auch gar nicht ein, warum er einem Frankenkönig Gefolgschaft leisten sollte, selbst wenn dieser sein Vetter mütterlicherseits war. Doch als Grenzmark gegen die Awaren und Brücke nach Italien war das Land für den Karolinger viel zu wichtig, um es außer seiner Kontrolle zu belassen. Herzog Tassilo beschloss so seine Tage als Gefangener in einem Kloster, und die Rolle Bayerns als Teil einer größeren Gemeinschaft war besiegelt. Aber auch die Bayern fanden sich rasch mit dieser Einvernahme ab und schlossen ihrerseits den großen Karl in ihre eigenen Traditionen ein. Es war nicht zuletzt diese Integrationskraft, auch gegenüber Besiegten und Unterworfenen, mit der sich der Franke seinen großen Beinamen für die Nachwelt sicherte.

Karl als der Vater Europas

Als 1957 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit den Gründungsmitgliedern Frankreich, Bundesrepublik Deutschland, Italien, Belgien, Niederlande und Luxemburg entstand, stellte der historisch geschulte Betrachter verblüfft fest, dass die Grenzen des  neuen Bündnisses nahezu deckungsgleich mit jenen des Reichs Karls des Großen waren. So waren es nicht nur tagespolitische Sachzwänge, die gerade diese Länder zusammenführten. Das Bewusstsein einer gemeinsamen Vergangenheit, die Erinnerung an eine Zusammengehörigkeit ganz am Beginn der Staatswerdung war nicht verloren gegangen. Sie hat unbestreitbar mit dazu beigetragen, dass all die Grenzen und Gräben hintangestellt wurden, die sich seit Karls des Großen Zeiten im Abendland aufgetan hatten. So trägt auch die wichtigste Auszeichnung, die für Bemühungen um die Einheit Europas verliehen wird, den Namen des großen Kaisers, und verliehen wird sie von „seiner“ Kaiserstadt Aachen. Als „Vater Europas“ hatten Kaiser Karl schließlich schon zeitgenössische Chroniken erkannt und gefeiert.

Franz Metzger

 

Zuletzt geändert: 20.03.2019

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