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Alfons Mitgutsch im Interview

Kindheit als Beruf

Alfons Mitgutsch ist für seine Wimmelbildbücher für Kinder bekannt. Katharina Behmer hat ihn für G/GESCHICHTE interviewt und mit ihm und seinem langjährigen Freund Ingmar Gregorzewski über das Thema Kindheit gesprochen.

 

G/GESCHICHTE: Herr Mitgutsch, fiel es Ihnen schwer, sich so weit in Ihre früheste KIndheit zurück zu erinnern, und gibt es eine Anekdote, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

ALFONS MITGUTSCH: Den Kontakt zu meiner Kindheit habe ich eigentlich nie wirklich verloren. Ich erinnere mich sehr gut an meine Träume, Ängste und Hoffnungen von damals. Ich empfinde sie heute noch nicht als „Kindereien“, sondern als etwas wichtiges, ernstzunehmendes. Diese tiefe Verbindung ist wohl auch der Grund, warum mir Kinder bis heute meine Bilderbucharbeit abnehmen. In der Erinnerung sind die Wallfahrten, die wir mit der Mutter gemacht haben, trotz aller Schrecken und Gräuel der Kriegs- und Nachkriegszeit am lebendigsten. Es waren wundersame Reisen voller Geschichten hin zu magischen Orten.

Sie haben in Ihrem frühen Leben sehr traumatisches erlebt: Sie wuchsen mit dem Krieg und seinen Folgen auf, wurden schikaniert, wären beinahe erfroren und waren häufig mit dem Tod konfrontiert. Wie konnten Sie all das verarbeiten?

Im Nachhinein musste ich erkennen, wie wichtig ein Zuhause ist, in dem Werte wirken und tiefer Respekt vor dem anderen herrscht, ohne aber dabei den Humor zu verlieren. Menschliche Wärme habe ich als Kind nur in der Familie erfahren. Aber das reichte offensichtlich bei mir aus, um nicht völlig mit meiner Kinderexistenz unterzugehen.

Hat Ihnen dieses Buch dabei geholfen?

Ja, das glaube ich schon. Selbst heute, nach so vielen Jahrzehnten, bewegen mich die Erlebnisse, aus denen dann das Buch mit den Kindheitserinnerungen entstanden ist. Aber alles hat jetzt seinen Platz, jedes Ereignis ergibt vielleicht sogar so etwas wie einen Sinn, der mich zu dem gemacht hat, was ich geworden bin.

Herr Gregorzewski, Sie haben als langjähriger Freund von Herrn Mitgutsch seine Erinnerungen zu Papier gebracht. Wie ist das Buch entstanden? Gibt es eine Geschichte, die Sie besonders beeindruckt hat?

INGMAR GREGORZEWSKI: Seit Jahren begleite ich Ali Mitgutsch immer wieder auf Veranstaltungen. Oft ergibt es sich, dass er über seine Kindheit spricht. Was ja nahe liegt, da er „Kindheit“ praktisch zum Beruf gemacht hat. Dabei fiel mir auf, wie sehr er die Zuhörer mit seinen Geschichten in den Bann ziehen konnte. Auch mich, obwohl ich jede Episode aus dieser Zeit schon öfters von ihm gehört hatte. Also schlug ich ihm vor, ein Buch daraus zu machen. Er war gleich voller Begeisterung mit dabei. Die große Herausforderung war für mich, beim Schreiben seine „Stimme“ nicht zu verlieren. Mein Lieblingskapitel ist das mit dem Titel „Herzanzünder“. Ali Mitgutsch muss darin seine Kindheit verlassen, ein ganz natürlicher Vorgang, wie bei jedem anderen Kind auch. Trotzdem ist es bei ihm deshalb so spannend, weil seine Kindheit über die reinen Anekdoten hinaus in ihm lebendig bleibt. Auch noch mit 80.

Herr Mitgutsch, Sie erzählen immer wieder von Ihrem geringen Selbstbewusstsein als Kind, wie konnten Sie dieses überwinden? Zieht sich das Bild des „Herzanzünders“ immer noch durch Ihr Leben?

ALFONS MITGUTSCH: Durch den enormen Erfolg meiner Wimmelbücher musste ich mich einfach zu einem besseren Selbstbewusstsein durchringen. Wenn Sie so wollen, hatte ich ja gar keine andere Chance. In Begegnungen mit Generationen von mittlerweile erwachsenen „Bilderbuchlesern“ erfahre ich eine große Dankbarkeit für die schönen Erinnerungen, die sie mit meinen Bildern verbinden. Und die kommt direkt aus dem Herzen. Darüber bin ich sehr glücklich.

Sie erzählen von einer Riesenradfahrt, die Ihre Wimmelbilder inspiriert hat. Wo sonst liegt Ihre Inspiration?

Ich lebe sehr gerne. Und ich spare nichts aus. Ich beobachte stetig, erfreue mich an Menschen, versuche bei Passanten, ihre Wege zu deuten, und sehe nicht weg, wenn Not herrscht. Auch politisch nicht.

Ihre Familie war ursprünglich nicht von Ihren künstlerischen Plänen begeistert. Wie glauben Sie, würden sie heute darüber denken?

Mein Vater, aber auch meine äußerst skeptische Mutter, sie alle wären wohl heute sehr stolz auf ihren Sohn. Das Erzählen spielte in meiner Familie immer eine große Rolle. Sie wären also auch stolz darauf, wie gut ich diese Familientradition mit dem Zeichenstift eingelöst habe.

Wenn Sie heute in München unterwegs sind, begleiten Sie noch die Bilder aus Ihrer KIndheit?

Viele bauliche Veränderungen der Stadt erdrücken mir meine eigenen Bilder von damals. Das erschwert mir das Erinnern. Aber einiges ist so geblieben, wie es immer war, und spendet mir schon ein Leben lang immer wieder Trost und Frieden, wie zum Beispiel der von mir so geliebte Englische Garten.

 

Interview: Katharina Behmer

 

 

Zuletzt geändert: 16.11.2015