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Der Erste Weltkrieg in Fernost

Kriegsgefangene in Japan

Als der deutsche Soldat Kurt Krüger und seine Kameraden von den Japanern gefangen genommen wurden, wussten sie nicht, was sie erwartet. Aber so hatten sie es sich wahrscheinlich nicht vorgestellt.

Eine plötzliche Stille trat ein. Nach wochenlangem Gefechtslärm war nun nichts mehr zu hören. Die deutsche Garnison in Tsingtau kapitulierte vor den Japanern. Während sich der Krieg in Europa noch bis 1918 hinzog, wurde das deutsche Territorium Kiautschou auf chinesischem Boden bereits nach wenigen Wochen eingenommen und die Soldaten sahen einer ungewissen Zukunft entgegen. Doch eins war sicher: Nun folgte die Kriegsgefangenschaft. Der Hafen von Tsingtau wurde seit August 1914 von japanischen und britischen Schiffen blockiert. Doch mit einer Truppenstärke von nur etwa 4700 Mann hatten die deutschen Verteidiger den angelandeten Alliierten nicht viel entgegenzusetzen. Am 7. November hissten sie die weiße Flagge. Schon zuvor wurde die Munition knapp, an Nachschub war nicht zu denken. Die Wege in die Heimat waren weit und außerdem wurden sie durch die Kriegsgegner des Deutschen Reichs kontrolliert.

Japanische Kriegsgefangenschaft als Sonderfall

„Als wir nach Einstellung des Kampfes aus unseren Kasematten herauskamen, war nirgends mehr ein Schuß zu hören. Nach rund 10 Tagen ununterbrochenen Kanonendonners war diese plötzliche Stille fast beängstigend;[…] Wir sahen uns um. Unser ganzes Batteriegelände wimmelte von japanischen Soldaten, die uns neugierig betrachteten, miteinander Scherze machten – sicher über uns – und lachten […] Ich habe keinerlei unfreundliche Handlung der japanischen Soldaten gegen uns feststellen können. Unsere Verwundeten waren schon verbunden; […].“ Dieser Auszug aus den Erinnerungen des deutschen Soldaten Karl Krüger gibt bereits einen Vorgeschmack auf die Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen in Japan. Denn dass japanische Kriegsgefangenschaft einen Sonderfall darstellt, darin waren und sind sich Betroffene und Historiker einig.

Karl Krüger und der Rest der deutschen Schutztruppen Kiatschous wurden von Tsingtau aus mit Schiffen nach Japan gebracht. Genau 17 Jahre nach Errichtung der Kolonie erfolgte der Abtransport der letzten Truppen. Als man in Japan ankam, war einiges allerdings noch sehr behelfsmäßig. Die Gefangenen wurden in Tempeln und anderen öffentlichen Gebäuden untergebracht – mit wenigen Annehmlichkeiten. Die japanische Regierung hielt sich zwar an die Haager Landkriegsordnung von 1899, die unter anderem auch die Behandlung von Kriegsgefangenen regelt. Allerdings heißt es darin nur, dass Verpflegung und Unterkunft denen der eigenen Armee zu entsprechen haben. Der durchschnittliche Japaner war jedoch etwa einen Kopf kleiner als ein deutscher Soldat. Dieser Unterschied machte sich sowohl bei den Essensrationen als auch bei der Länge der Betten bemerkbar.

Siemens zur Hilfsorganisation umfunktioniert

Sehr schnell bildeten sich Hilfsausschüsse, die versuchten, den Gefangenen mehr Lebensqualität zu verschaffen. Eine große Rolle bei der Versorgung der Inhaftierten mit Dingen des täglichen Gebrauchs spielte die Firma Siemens. Sie besaß schon seit 1887 eine Niederlassung in Japan. Während des Kriegs kam der Handel allerdings fast völlig zum Erliegen, so dass der Standortleiter und die Beschäftigten ihr Büro in eine Hilfsorganisation umwandelten. Der Geldüberweisungsverkehr aus der Heimat an die Lagerinsassen lief fast komplett über Siemens. Die Hilfsorganisationen versorgten die Gefangenen zudem mit zusätzlichen Lebensmitteln und lieferten verschiedene Saatgüter. Denn in allen Lagern erlaubte die japanische Regierung mit der Zeit, den doch etwas kargen Speiseplan mit eigener Tierhaltung und Gemüseanbau aufzustocken. Die Tomate kam angeblich nur dadurch nach Japan.

Wie gut oder schlecht die Situation der Gefangenen war, hing auch stark vom jeweiligen Lagerkommandanten ab. Das größte Lager Bando kann in dieser Hinsicht als Musterlager gelten. Der dortige Kommandant hatte seine militärische Ausbildung in Deutschland genossen und führte sein Lager sehr liberal. Es hatte keine Vorbehalte gegen Deutsche und ließ den Gefangenen große Freiheiten in ihrer Freizeitgestaltung. Denn in allen Lagern trat ein Phänomen sehr schnell auf: Langeweile. Die Lagerinsassen hatten einfach nichts zu tun. Die meisten waren Soldaten und ein geregeltes Leben gewöhnt. Eine Beschäftigung musste her. Zunächst bot sich natürlich sportliche Betätigung an, allerdings fehlte in einigen Lagern der Platz dafür.

Beethoven erobert Japan

Als weitere Beschäftigungsmöglichkeiten gründeten sich sehr schnell Theater-, Musik- und Lerngruppen, sogar ganze Orchester. Beethovens 9. Symphonie, die heute noch sehr gerne an Neujahr in Japan gespielt wird, kam durch die deutschen Kriegsgefangenen nach Japan. Das Lagerorchester von Bando führte das Stück anlässlich des Waffenstillstands im Herbst 1918 auf. Die Gefangenen drückten so ihre Hoffnung auf eine baldige Heimkehr aus. Allerdings dauerte es dann noch über ein Jahr, bis die ersten Schiffe aus Kobe Richtung Heimat ablegten.

Zum Schluss existierten sieben solcher Lager: Narashino, Nagoya, Osaka, Aonogahara, Ninoshima, Bando und Kurume. Auch wenn das Leben in den einzelnen Lagern in mancher Hinsicht recht unterschiedlich war, hatten sie doch alle eins gemeinsam: Man zwang die Insassen weder zur Arbeit noch ließ man sie wirklich hungern. Im Gegensatz zu Gefangenenlagern des Zweiten Weltkriegs konnten die Inhaftierten doch sehr frei und selbstständig ihr Leben innerhalb der Umzäunung gestalten. Eine geringe Zahl von Fluchtversuchen zeigt, dass die meisten keinen Grund zur Flucht sahen.

2006 wurde die Geschichte des Gefangenenlagers von Bando in dem deutsch-japanischen Historiendrama „Ode an die Freude“ unter der Regie von Masanobu Deme verfilmt. Die Hauptrollen spielten Bruno Ganz und Ken Matsudaira. 2007 lief eine deutschsprachige Version in den Kinos.

Julia Rademacher

 

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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