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Pascalina Lehnert

La Papessa

Sie sorgte dafür, dass der Heilige Vater pünktlich aß: Pascalina Lehnert diente Eugenio Pacelli ergeben. Machte die bayerische Haushälterin ihn womöglich auf dem „deutschen Auge“ blind?

Von München nach Rom: Im Vatikan galt Pascalina Lehnert als „graue Eminenz“. | © istockphoto.com/TomasSereda

 

Die Vorwürfe an Papst Pius XII., auf dem „deutschen Auge“ eher blind gewesen zu sein, stützen sich zu einem Gutteil auf die Person und Rolle seiner Haushälterin: Vierzig Jahre lang begleitete Mutter Pascalina Eugenio Pacelli auf allen seinen Stationen – Nuntius in München und in Berlin, Kardinalstaatssekretär im Vatikan, schließlich Heiliger Vater. Sie wurde für den Pontifex unersetzlich und unverzichtbar. Ihr Einfluss, der sich vom Tagesablauf des Papstes bis hin zu wichtigen Personalentscheidungen erstreckte, brachte ihr in der Kurie den Spitznamen „Die Päpstin“ (la papessa) ein, ohne dass dadurch irgendwelche intimen Verbindungen impliziert werden sollten. Die gab es sicher nicht.

Zur Welt gekommen war Mutter Pascalina als Josephina Lehnert 1894 im oberbayerischen Ebersberg als Tochter eines Kleinbauern, der nebenbei als Briefträger arbeitete. Früh fühlte sie sich zu einem geistlichen Leben hingezogen und trat mit 15 Jahren in die Kongregation der Schwestern vom Heiligen Kreuz ein, einer franziskanischen Ordensgemeinschaft mit Sitz in der Schweiz. Ihr ungewöhnliches Organisationstalent wurde rasch erkannt und sie wurde zur Hauswirtschafterin ausgebildet.

Regelmäßige Essen für den Pontifex

Eine ihrer ersten Aufgaben war die Arbeit in einem Erholungsheim in Rorschach am Bodensee. Dort begegnete sie kurz nach Kriegsausbruch zum ersten Mal einem hochaufgeschossenen Priester aus Italien, der an einem chronischen Lungenproblem litt. Die Verbindung seiner aristokratischen Erscheinung mit körperlicher Zerbrechlichkeit weckte in Schwester Pascalina mütterliche Gefühle, und es war nicht zuletzt die Fürsorge der jungen Nonne, die dazu beitrug, dass sich die gesundheitliche Verfassung des Monsignore verbesserte.

1917 übernahm Pacelli die Aufgabe des Nuntius in München. Er suchte eine Haushälterin, und unter den drei Kandidatinnen, die ihm die Ordensleitung anbot, war Mutter Pascalina. Dem Nuntius fiel die Auswahl nicht schwer, und von diesem Augenblick an war sein Leben durchorganisiert, bis zu seinem Tod gut 40 Jahre später. Pacelli benötigte diese Organisation, um sich auf seine Arbeit konzentrieren zu können. Pascalina wachte auch über die Küche, sorgte für eine ausgewogene Ernährung und mit eiserner Disziplin auf regelmäßige Essenzeiten. So konnte es sogar Staatsgästen wie dem US-Außenminister John Foster Dulles passieren, dass sie freundlich, aber bestimmt hinauskomplimentiert wurden, wenn die päpstliche Suppe auf dem Tisch stand. Dass Pius trotz seiner delikaten Gesundheit ein so hohes Alter erreichte, war nicht zuletzt der Pflege Pascalinas zu verdanken.

Ihr Organisationstalent mit eiserner Hand kam aber auch anderen Menschen zugute. Als 1944 die Kriegsfront Rom erreichte und tausendfaches Leid über die Zivilbevölkerung brachte, gründete Papst Pius XII. sein eigenes Hilfswerk, dessen Aufsicht er in die Hände seiner vertrauten Haushälterin legte. Die Aktivitäten des Hilfswerkes weiteten sich mit Kriegsende auf viele Länder außerhalb Italiens aus, und viele Menschen in Nationen auf beiden Seiten der ehemaligen Kriegsfronten verdanken ihm ihr Überleben oder einen Neubeginn.

Zur pro-deutschen Haltung manipuliert?

Bei der Arbeit des Hilfswerkes zeigte sich allerdings auch schon der Zug, dass Entscheidungen von der guten oder schlechten Meinung Mutter Pascalinas über bestimmte Personen abhingen. Und diese Rolle machte sich zunehmend in der ganzen Kurie bemerkbar, besonders in den letzten Jahren, als Pius’ Kräfte nachließen. Personalentscheidungen, bis hin zur Ernennung von Kardinälen, wurden vom Urteil der Haushälterin abhängig. Wer die „Karte Pascalina“ zu spielen verstand, hatte gute Aussichten, seine Ansichten dem Papst vorzutragen und konnte mit dessen Wohlwollen rechnen.

Entsprechend groß waren die Ressentiments der Mitarbeiter der Kurie gegenüber der „Papessa“. Viele der Unterstellungen, sie habe Pius zu einer pro-deutschen Haltung manipuliert, entsprangen dem Versuch, ihre Position zu untergraben. Pius hatte am 9. Oktober 1958 kaum die Augen für immer geschlossen, da wurde Mutter Pascalina formlos aus dem Papstpalast in Castel Gandolfo verwiesen.

Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in Wien und konnte noch erleben, dass ihr das Bundesverdienstkreuz und der Bayerische Verdienstorden überreicht wurden. Eine später Wiedergutmachung der Kurie war, dass sie nach ihrem Tod 1983 auf dem Campo Santo Teutonico im Vatikan beigesetzt wurde, ganz in der Nähe ihres päpstlichen Schützlings.

Franz Metzger

 

 

 

Zuletzt geändert: 17.06.2015

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