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Alexanders Gegenspieler

Perserkönig Dareios III.

Alexander der Große wird als charismatischer Anführer und genialer Stratege bewundert. Sein Gegenspieler Dareios III. soll mutlos, verweichlicht und unvernünftig gewesen sein. Stimmt das?

Perserkönig Dareios auf dem Weg zur Schlacht bei Issos. Gemälde aus dem 15. Jahrhundert. | © Rijksmuseum Amsterdam

 

Unweit von Ekbatana, Juli 330 v. Chr. Dareios saß zusammengesunken in seinem Zelt. Die Leibgarde hatte sich davongeschlichen. Seine Hauseunuchen hatte er soeben weggeschickt. Der Großkönig des gewaltigen Perserreichs, der von den Göttern beauftragte Hüter der Weltordnung, war allein – und todgeweiht. Wenige Stunden zuvor noch versuchte ihn sein griechischer Söldnergeneral zur Flucht zu überreden: Seine engsten Gefolgsleute Bessos und Nabarzanes hätten sich gegen ihn verschworen – würden planen, ihn gefangen zu setzen und an Alexander auszuliefern. Dareios lehnte jede Hilfe ab. Dann stürmten Männer ins Zelt. Perser wie er, die auf Bessos‘ Befehl ihren König fesselten und nach draußen auf einen Ochsenkarren schleiften. Rasch scharrten die Rebellen ihre Soldaten um sich und jagten davon.

Die Zeit drängte. Alexander hatte sich nach Winterende wieder an Dareios‘ Fersen geheftet. Ein halbes Jahr lang war dem Perserkönig nach seiner desaströsen Niederlage bei Gaugamela eine Verschnaufpause vergönnt gewesen, die aber kaum reichte, um erneut ein Heer gegen den Makedonenkönig in Stellung zu bringen. Trotzdem hielt Dareios unbeirrt an seinem Ziel fest: Bald schon werde er mit neuen Truppen aus dem Osten abermals Widerstand leisten. Allerdings nicht mehr unter seinem Kommando. So entschieden es Bessos und Nabarzanes, die jetzt auf der Flucht vor dem Makedonenkönig durch Medien rasten. Doch Alexander geriet in Sichtweite, die Verschwörer in Panik. Sie drängten Dareios, vom trägen Karren auf ein Pferd umzusteigen. Der weigerte sich – und schon sausten die Lanzen der Verschwörer auf ihn nieder. Besser ein toter König als ein König in Händen des Feindes.

Wie die Perser Dareios sahen, wissen wir nicht

So schildert es zumindest der Römer Quintus Curtius Rufus – jedoch mehr als 300 Jahre nach Dareios‘ Tod, weshalb es mit Vorsicht zu genießen ist. Auch weil es den meisten Geschichtsschreibern darum ging, Alexander neben einem derangierten Großkönig besonders hell glänzen zu lassen. Wie die Perser Dareios beurteilten, wissen wir nicht. Es ist nahezu nichts überliefert. Historiker müssen zwischen den Zeilen der antiken Berichte lesen, um dem wahren Dareios auf die Spur zu kommen.

Für seine Generäle wog ein Grund wohl besonders schwer, ihren König loszuwerden: Dreimal stellten sich die Perser dem jungen Alexander mit einem riesigen Aufgebot entgegen – dreimal mussten sie sich geschlagen geben. Es war nicht genug, dass zahllose Perser ihr Leben ließen, sondern große Reichsteile und gewaltige Reichtümer fielen in Feindeshand. Für viele Geschichtsschreiber trug allein Dareios die Schuld daran. Sowohl bei Gaugamela 331 v. Chr. als auch zwei Jahre zuvor bei Issos hatte sich Alexander bis nah an den Großkönig vorgekämpft, und beide Male entschied sich der Perser zur Flucht. Feigheit und strategischen Kleinmut bescheinigten ihm die Griechen dafür. Besonders beißend war die Kritik des römischen Geschichtsschreibers Arrian: Er sei verweichlicht und für den Krieg mit zu wenig Verstand ausgestattet gewesen.

Durch ein Komplott an die Macht

Sicher ist: Dareios verlor durch ein Komplott seinen Thron – und sein Leben. Genauso war er aber auch an die Macht gekommen. Alles begann 336 v. Chr. Der zweite Mann im Reich war damals der einflussreiche Eunuch Bagoas. Er ließ erst den Großkönig Artaxerxes III. vergiften, dann seinen Nachfolger. Mit einem gewissen Artašata aus dem Kreis der Höflinge glaubte Bagoas, eine gefügige Marionette an die Macht zu hieven. Dass dem nicht so war, zeigte schon bald sein Versuch, auch den neuen Herrscher zu beseitigen. Doch der Plan sickerte durch, und Artašata, der sich nun Dareios nannte, ließ den Königsmörder sein eigenes Gift schlucken.

Wie antike Historiker erzählen, war Dareios ein entfernter Abkömmling der persischen Herrscherdynastie gewesen, aber kein Mann am Königshof. Er verstand es allerdings, zum richtigen Zeitpunkt auf sich aufmerksam zu machen: Artaxerxes III. hatte Truppen ans Kaspische Meer entsandt, um einen Aufstand niederzuschlagen. Als die Aufrührer die Entscheidung mit einem Zweikampf herbeiführen wollten, bot sich Artašata an und siegte. Es war seine kriegerische Tapferkeit, für die ihn der Großkönig zum Provinzstatthalter machte und in seinen engsten Kreis aufnahm. Diese Beförderung passt nicht so recht zum Bild des feigen Feldherrn.

Hat Dareios Alexander unterschätzt?

Hatte er also erst als König versagt – die Gefahr, die von Alexander ausging, vielleicht unterschätzt? Als der Makedone im Sommer 336 v. Chr. an die Macht kam, gab es für Dareios keinen Grund zur Sorge. Die Pläne von Philipp II., im Westen des Perserreichs in Kleinasien einzufallen, lagen durch dessen Tod auf Eis. Und sein Sohn Alexander war damit beschäftigt, Aufstände rings um Makedonien zu zerschlagen. Als dieser sich den Persern zuwandte und 334 v. Chr. über die Dardanellen schritt, erwartete ihn am Fluss Granikos bereits ein Heer der Perser. Man mag Dareios anlasten, dass er es versäumte, einen Oberbefehlshaber zu ernennen – die Uneinigkeit unter den Generälen spielte den Makedonen nämlich den Sieg in die Hand und ließ Alexander nahezu ungehindert in Kleinasien einmarschieren.

Danach überließ Dareios nur wenig dem Zufall. Seine Flotte konnte Teile Kleinasiens und der Inseln zurückgewinnen. Er versuchte sogar, in Griechenland einen Krieg zu entfachen und unterstützte die Spartaner im Kampf gegen die Makedonen. Der Tod des Flottengenerals 333 v. Chr. beendete jedoch die persische Offensive.

Bei Issos trifft Alexander persönlich auf Dareios

Wenige Monate später traf Dareios dann das erste Mal bei Issos persönlich auf Alexander. Und der Großkönig war vorbereitet. Es war ihm gelungen, relativ schnell aus zahlreichen Reichsprovinzen Truppen anzufordern, mit denen er gegen den Feind zog – und zunächst an Alexander vorbei! Waren die Makedonen über die Küstenstraße vorgestoßen, hatten die Perser einen Weg im Landesinneren eingeschlagen. Es wird sich wohl nie klären lassen, ob beide Lager schlicht keine Ahnung hatten, wo sich der Feind befand, oder ob Dareios geplant hatte, den Makedonen in den Rücken zu fallen. Alexander erfuhr jedoch von der Position der Perser und stellte sie in der beengten Ebene von Issos. Ein schlechter Ort für die persische Reiterei, die ihre volle Wucht nicht entfalten konnte. Doch es kam noch schlimmer: Alexander trug das Gefecht bis zu Dareios‘ Streitwagen, der sich dicht bedrängt zur Flucht entschied: ein ehrloses und feiges Verhalten, wie der Historiker Curtius Rufus fand. Dass Dareios seinen Tod nicht riskierte, könnte aber gute Gründe gehabt haben. Als Großkönig des Perserreichs war er nicht nur der weltliche Herrscher, sondern auch der von den Göttern eingesetzte Garant der kosmischen Ordnung. Es war schlicht nicht vorgesehen, dass er in einer Schlacht ums Leben kommen könnte. Auch flüchtete er nicht kopflos. Sofort kommandierte er ein Heereskontingent nach Damaskus ab, wo sein Tross samt seiner Familie wartete. Trotzdem kam ihm Alexander zuvor und nahm seine Frauen und Kinder gefangen.

Es vergingen zwei Jahre. Und Dareios hatte aus den Fehlern bei Issos gelernt. Bei Gaugamela in Assyrien wollte er bestens vorbereitet auf Alexander treffen. Er ließ den Kampfgrund für die Streitwagen einebnen, das Heer nach Art der Griechen ausrüsten und die Soldaten hart drillen. Doch erneut konnte Alexander die Schlacht für sich entscheiden. Erneut flüchtete der Perserkönig aus dem Kampfgetümmel – um dem Heer weitere Verluste zu ersparen. Diese Anerkennung zollt ihm Curtius Rufus. Danach floh der Großkönig nach Ekbatana, wo er ein halbes Jahr später auf einem Ochsenkarren seinen Tod fand. Dareios dürfte da rund 50 Jahre alt gewesen sein. Rufus berichtet, dass ihn ein makedonischer Soldat fand, kurz bevor der Perser starb. Dareios sei dankbar gewesen, nicht allein dem Tod entgegenzusehen. Ob dies tatsächlich so geschah – auch ob Dareios Alexander mit viel Lob bedachte und hoffte, dass der Makedonenkönig ihn rächen würde, wie Rufus schreibt – wird sich nicht klären lassen. Ebenso wenig ob Alexander ihn noch lebend sah – das schildert ein anderer Historiker. Glauben darf man aber, dass Dareios alles unternahm, um Alexander zu bezwingen. Und dem Makedonen vielleicht schlicht nicht gewachsen war.

 

Karin Schlott

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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