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Brot und Spiele

Roms Gladiatoren

Die Gladiatorenkämpfe der Römer waren gut besucht. G/GESCHICHTE hat mit Prof. Dr. Boris Dreyer vom Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Erlangen-Nürnberg über das Leben der Gladiatoren gesprochen.

Der sterbende Gladiator

Skulptur „Der sterbende Gladiator“. | © Rijksmuseum Amsterdam

 

G/GESCHICHTE: Wie wichtig waren die Gladiatorenspiele für die politische Propaganda?
PROF. DR. BORIS DREYER: In der Zeit der römischen Republik haben adlige Geschlechter bei Totenfeierlichkeiten und Amtsbewerbungen Gladiatorenwettkämpfe ausgerichtet, die bis zur Zeit Cäsars immer üppiger wurden. Damit wollten sie die Bedeutung der eigenen Familie in der römischen Gesellschaft zu betonen. Der Sieger im römischen Bürgerkrieg, Augustus, unterband die Selbstdarstellung adliger Politiker, die zu Konkurrenten der gerade errungenen Macht werden konnten. Augustus und seine Nachfolger monopolisierten vielmehr die öffentliche Selbstdarstellung auch zum eigenen Machterhalt. Die Spiele wurden immer prächtiger, bis zum Höhepunkt unter Trajan (98 – 117 n. Chr.): Derartige Massenveranstaltungen, in denen mehrere Tausend Gladiatoren (8000 – 10 000) kämpften, und in denen auch Hunderte Gladiatoren, starben, sollten die „virtus“, die Potenz des Herrschers, seinen Reichtum, seine Macht zur Schau stellen. Die Bevölkerung wurde zufriedengestellt (Stichwort: Brot und Spiele). Darüber hinaus wurde sogar in den kurzen Momenten der Entscheidung über Tod und Leben des unterlegenen Gladiators die letzte Befugnis an das Volk herangetragen, der sich dann selbst der Kaiser (wie zuvor der adlige Ausrichter der Spiele in der Zeit der Republik) fügte.

Was konnte einen Mann bewegen, freiwillig zu den Gladiatoren zu gehen?
Wenn er nicht als Sklave keine andere Wahl hatte, weil ihn sein Herr verkaufte (was allerdings in der Kaiserzeit gesetzlich eingeschränkt wurde), dann bot sich den Freigelassenen, ehemaligen Sklaven – davon gab es etliche – mit dem Eintritt in eine Gladiatorenausbildung die Chance, zu Ruhm und Ehren und Geld (!) zu gelangen, weniger zu sozialem Aufstieg: Denn neben Prostituierten, Henkern, Schauspielern und anderen Randgruppen der Gesellschaft standen in der Regel auch die Gladiatoren auf einer niedrigen sozialen Stufe. Darüber hinaus gab es dann auch noch die Abenteurer: Mitglieder des Adels, die für den Thrill sogar den sozialen Abstieg, der mit dem Gladiatorenberuf verbunden war, nicht scheuten, die sich für den Jubel der Massen dem Tode stellten. Das war zwar in der Kaiserzeit verboten, aber es kam immer wieder vor. Auch weibliche Gladiatoren gab es, selbst adlige Hobby-„Amazonen“, die sich einen mit der neuen „Berufung“ verbundenen Programmnamen zulegten. Der berühmteste „Hobby“-Gladiator, dessen Kämpfe aber auch „präpariert“ wurden, war der Kaiser Commodus – diese Marotte zieht wohl auch heute noch in den Bann, denn zwei Kinofilme aus den 1960er-Jahren und um die Jahrtausendwende sind diesem Herrscher und seiner Lieblingsbeschäftigung gewidmet.

Welche Chancen hatte ein Gladiator zu überleben?
Die Kämpfe waren so ausgerichtet, dass spannende Duelle zu erwarten waren. Nicht jeder Unterlegene hatte zu sterben, wenn er sich tapfer geschlagen und todesmutig gezeigt hatte. Aber die Mehrheit der Unterlegenen einer solchen Veranstaltung – unter Trajan waren es mehrere Hundert – war dem Tode geweiht. Die Chancen zu überleben stiegen, je mehr Erfahrung man einbrachte. Wer freiwillig Gladiator war und die ersten Kämpfe überstand, hatte ganz gute Aussichten, die Zeit seiner vorab eidlich bekräftigten Verpflichtung als Gladiator zu überleben und dann wohlhabend und berühmt aus der Sache herauszukommen.

Wie kann man sich die Gemeinschaft der „familia gladiatorum“ vorstellen?
Eine Familia entstand aus den republikanischen „Schulen“, in die Kriegsgefangene und von ihren Herren verkaufte Sklaven, aber auch die freiwillig auf Zeit verdungenen Gladiatoren kaserniert waren. Dort war die Organisation streng hierarchisch. Ddas zeigen die Funktionsbezeichnungen, die teilweise dem römischen Militär entlehnt waren: der Neuling (tiro), der Lehrer (magister), der primus palus (wörtlich der „erste (Trainings-)Pfahl“, nach dem ranghöchsten Zenturio in der Legion, primus pilus). Sie alle standen unter der Verwaltung des „lanista“, der als Unternehmer oder Angestellter eines adligen Besitzers diese Anstalt leitete. Für die Wettkämpfe stellten diese privaten Organisationen dem Festorganisator Gladiatoren in der gewünschten Zahl zur Verfügung, das heißt sie wurden „vermietet“. Oder die Schule gehörte dem Organisator. In der Kaiserzeit war der Kaiser bemüht, wenigstens in und um Rom die Schulen einschließlich der in ihnen lebenden familia auf sich zu monopolisieren, das heißt es waren seine Schulen, seine Gladiatoren und seine Angestellten, die diese Kaserne verwalteten. In den Provinzen, in Kleinasien etwa, waren es die kaiserlichen Priester, die Archiereis, die die Spiele zu Ehren des Kaisers organisierten und in der Regel auch weitgehend bezahlten, also auch eine „familia gladiatorum“ anmieteten: Sie hatten dann Zugriff auf die angemieteten Gladiatoren oder bezahlten diese. Die familia gladiatorum fühlte sich daher dem Finanzier auch besonders verpflichtet, vielleicht einschließlich ihrer Angehörigen und ihres Anhangs. Ehrungen für die Kaiserpriester und Asiarchen belegen das.

Stimmt der Mythos von der erotischen Ausstrahlung der Kämpfer?
Angeblich sollen insbesondere die weiblichen Zuschauer die erfolgreichen Gladiatoren, aber auch berühmte Sportler und Wagenlenker, glühend verehrt haben. Das belegen Kritzeleien auf Hauswänden in Pompeji. Aber auch die männlichen Zuschauer fühlten sich nicht minder von den erfolgreichen Kämpfern angezogen: Erfolg macht eben sexy, das ist zeitlos und nicht geschlechtsgebunden. Und man setzte auch gezielt auf diesen Effekt: Die Kämpfer konnten zwar schwerbewaffnet sein und sich an den Körperregionen schützen, die direkt einem Stoß des Gegners ausgesetzt waren. Der trainierte Oberkörper der Männer hatte aber bitteschön nackt zu sein.

Waren die Spiele im östlichen Mittelmeerraum nicht populär oder warum gab es dort keine Amphitheater?
Es gab auch dort nicht nur Amphitheater, sondern auch Gladiatorenspiele und Tierhatz. Ich beziehe mich hier auf L. Robert: „Les gladiateurs dans L’Orient grec“, Seite 309 und folgende. Doch gab es hier auch noch andere Veranstaltungen, die teilweise wichtiger waren: Hier lebte in vielen Städten die alte Tradition der Wettkämpfe für die jeweilige Stadtgottheit weiter, bei denen sich die Stadt und ihre Bürgerbevölkerung immer wieder stolz selbst zelebrierte. Die sogenannten „ludi Graeci“, auch die überregionalen panhellenischen Wettkämpfe, wurden in der heidnischen Antike bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. sogar immer beliebter. Daneben gab es jedoch Gladiatorenwettkämpfe, in den Theatergebäuden und in den Stadien: Manche Stadien wurden eigens umgebaut, wie in Aphrodisias in Karien, also in der Südwesttürkei, indem einfach das Halbrund des Stadions, in dem die Läufer, Pferde oder die Wagen umzukehren hatten, um wieder auf die Gerade zu kommen, baulich zu einem Kreis ergänzt wurde.

Warum faszinieren die Kämpfe noch heute viele Menschen?
Duelle, Kämpfe, in denen Menschen ihre Kräfte nach bestimmten Regeln messen, reißen Zuschauer immer mit. Todesfälle gibt es auch in modernen Wettkämpfen, aber ein Kampf, bei dem die Duellanten ihr Leben für den Sieg einsetzen, scheint noch mehr Reiz zu bieten. Diese Blutorgien gibt es auch heute, in Actionfilmen oder Computerspielen, in denen man – ohne eigene Gefahr – hunderte Gegner in Strömen von Blut untergehen lässt. Auch die Stierkämpfe, die in Spanien in christlicher Zeit als Ersatz für die Gladiatorenkämpfe eingeführt wurden, erfreuen sich trotz Kritik im Einzelnen – und die hat es auch in der Antike an Gladiatorenwettkämpfen gegeben – auch heute noch großer Beliebtheit. Jedes Jahr berichten die deutschen Hauptnachrichten von jeder Stierverfolgung, die mit dem Tod der Stiere in der Arena endet, nachdem Einheimische wie Touristen die Stiere durch die engen Gassen gejagt haben.

Wie realistisch ist das Gladiatorenbild, das Kino- und Fernsehfilme vermitteln?
In der Antike gab es sehr viele mögliche Paarungen in den Gladiatorenkämpfen: Die Gladiatoren waren unterschiedlich bewaffnet, oder ein zum Tode Verurteilter kämpfte gegen ein Raubtier, das vor Hunger, vom Geschrei der Massen und durch die plötzliche Helligkeit fast wahnsinnig war. Es gab auch ganze Seeschlachten in einer mit Wasser gefluteten Arena. Den Fantasien der antiken Spielorganisatoren waren keine Grenzen gesetzt. Wenn also heutige Filmemacher antike Situationen mehr oder weniger auf der Basis unseres fundierten Wissens nachspielen – wer weiß, vielleicht treffen sie die damalige Wirklichkeit in Bestandteilen, die bislang noch nicht erforscht sind. Ansonsten sind natürlich viele Accessoires modern, der eigenen Zeit und dem Kommerz geschuldet: Die Frisuren, die Kleidung, die Rüstungen stimmen oft nicht, sind entweder Fantasiegebilde oder Auftragskreationen der Modeindustrie. Auch haben wohl nie Raubtiere in einen Zweikampf von Gladiatoren eingegriffen, wie in „Gladiator“. Warum hat ausgerechnet ein Antike-Film über einen Gladiator für das „revival“ des Genres in Hollywood gesorgt, nachdem man um die Mitte der 1960er-Jahre dort antike Stoffe als Thema für Monumentalfilme nicht mehr für gewinnbringend hielt? Es muss ein Reiz von Gladiatoren ausgehen, der heute noch sein Publikum findet.

Sehen Sie Parallelen zwischen Gladiatur und der modernen Unterhaltungsindustrie?
Soziologen und Medienwissenschaftler untersuchen die Funktion der Massenmedien in der modernen Gesellschaft und entdecken neben Nachrichten und Werbung die zentrale kommunikative Funktion der Unterhaltung innerhalb der funktional aufgegliederten Gesellschaft: Alle sind aufgerufen, sich zu beteiligen an Quizshows, Talkshows, peinlich sich ekeligen Aufgaben aussetzenden B- und C-Stars, Talentshows, aber auch Fernseh- und Kinofilme zu genießen. Der Zuschauer kann in eine andere Welt eintauchen, sich mit den Akteuren identifizieren, oder auch nur teilweise identifizieren – muss es aber nicht. Er sitzt weiterhin im Sessel vor der Glotze oder dem Bildschirm. Genannte Forscher sehen darin einen Unterschied zu vormodernen Gesellschaften. Der Zuschauer in der antiken Arena war aber in einer ähnlichen Situation. Er konnte den Spielen unabhängig von seiner Herkunft in der Regel umsonst beiwohnen, wenn auch vielleicht nicht auf einem privilegierten Sitz. Er leidete mit den Verurteilten mit oder wünschte ihnen das Schlimmste. Er unterstützte den Kämpferstar fanatisch und konnte von einer Zuschauerschlägerei mit Bewohnern einer Nachbarstadt nur durch die Polizei abgehalten werden, wenn überhaupt. Wenn Zuschauer aus benachbarten Städten übereinander herfielen, konnten Spielverbote ausgesprochen werden. Der antike Zuschauer war hautnah am Geschehen, identifizierte sich mit seinen Idolen, entschlüpfte der Realität, um sich einer anderen, oft allzu blutigen Realität wenige Meter vor sich anzunähern: Das Dargebotene blieb aber ohne konkrete Folgen für das eigene harte Arbeitsleben. Nach dem Spiel hörte diese Realität eben wieder auf. Man unterhielt sich am folgenden Tag auf der Arbeit über die Spiele und die Kämpfe, den Star, die Fans der anderen Seite, denen man es wieder einmal gezeigt hat – und nun frisch auf an die eigene Arbeit! Ist das nicht wie heute?

 

Interview: Dr. Klaus Hillingmeier

 

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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