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Bilderstreit

Spaltung der Christenheit

Konstantinopel, das „neue Rom“, hatte sich dem christlichen Glauben von Anfang an viel stärker zugewandt als die alte Hauptstadt am Tiber. Entsprechend intensiv erlebte es die Spaltung der Kirche in Ost und West.

 

Hagia Sophia

Fresko in der Hagia Sophia | © istockphoto.com/HHakim

 

Aktuell vernichtet vor allem der IS zahlreiche antike Kunstwerkte und Bauten – siehe G/GESCHICHTE 11/2015. Die Begründung: Bildhafte Darstellungen seien im Islam verboten und müssten zerstört werden. Dieses Argument hörte man gelegentlich jedoch auch im Christentum. Zu den radikalen christlichen Bilderstürmern gehört Ostroms Kaiser Leon III., der von 717 bis 741 regierte. Mit seinem Versuch, der volkstümlichen religiösen Bilderverehrung ein Ende zu setzen, stürzte er sein Reich in eine verhängnisvolle Krise, die erst nach mehr als einhundert Jahren überwunden werden konnte. Während seine Motive für das Bilderverbot bis heute im Dunkeln liegen, steht fest, dass Leon III. damit die Trennung der Ostkirche von Rom vorantrieb, die dann durch das Schisma 1054 vollzogen wurde.

Aber selbst wenn das Alte Testament bildliche Darstellungen strengstens untersagte – was zunächst von griechischen Theologen gestützt wurde –, so hörten die Menschen nicht auf, sich von ihrem Gott „ein Bild zu machen“, wie sie es von jeher gewohnt waren. Christus-Ikonen, Marienbilder, Darstellungen christlicher Märtyrer, vor allem aber das Kreuz wurden zu Gegenständen intensiver Verehrung. Viele Kirchenväter sahen das durchaus positiv. Schließlich waren die Bilder dazu da, das gläubige, aber des Lesens unkundige Volk zu belehren und zur Nachfolge im Glauben aufzurufen. Daher waren die Ikonen allgegenwärtig, nicht nur in Kirchen und Klöstern, sondern auch in Geschäften und Privathäusern. Die Menschen zündeten vor ihnen Kerzen an, brannten Weihrauch ab und vertrauten fest auf eine Heil- und Wunderkraft. Zwar mahnten die Kirchenväter immer wieder, es handle sich lediglich um Erinnerungsbilder, doch für das einfache Volk waren es heilige Idole, die Kranke heilen und belagerte Städte schützen konnten.

Vertrauen in die Wunderkraft der Bilder

Trotzdem – oder gerade deshalb – versuchte Kaiser Leon III., den Bilderkult zu verbieten. 726 erließ er ein Dekret, das die vollständige Entfernung aller Heiligenbilder sowie sämtlicher Darstellungen von Jesus und der Jungfrau Maria anordnete. Damit löste er einen gewaltigen Proteststurm aus, der als Bilderstreit oder Ikonoklasmus in die Geschichte eingegangen ist. Was den Kaiser zu dem Entschluss bewog, die lieb gewordene Tradition zu beenden, ist noch heute unklar. Waren es die Nachwirkungen einer Spiritualität, die das Bild als Hindernis für Gebet und religiöse Versenkung ansah, weil es aus „grober Materie“ bestand? Oder spielten womöglich jüdische und muslimische Einflüsse eine Rolle? Schließlich galt in beiden Religionen ein Bilderverbot, auch wenn es im Islam nicht immer ganz so strikt wie im Judentum gehandhabt wurde. Ein öffentlicher Brief des Patriarchen von Konstantinopel aus dem Jahr 726 würde diese These stützen, denn Germanos mahnte darin, man solle den »Ungläubigen« keinen Vorwand zur Schmähung der Kirche geben. Was er genau meinte, war die Anbetung von Götzenbildern, die alle drei monotheistischen Religionen verdammten. War der christliche Bilderkult für Leon III. Götzendienst? Wir wissen es leider nicht.

In Rom ging man mit der Bilderverehrung unterdessen wesentlich entspannter um. In zwei päpstlichen Edikten von 726 und 731 wurde die bilderfeindliche Haltung des Ostens massiv verdammt. Schließlich, so die Argumentation, gelte die Verehrung der Ikonen dem Urbild der Darstellung und nicht deren Abbild. Aber auch Leon III. konnte sich nicht dazu durchringen, das Bilderverbot kompromisslos durchzusetzen – er hätte womöglich einen blutigen Bürgerkrieg provoziert. Dafür trieb sein Sohn Konstantin V. (741–775) die bilderfeindliche Politik auf einen dramatischen Höhepunkt. Rücksichtslos ließ er sämtliche Heiligenbilder entfernen, unbotmäßige Mönche foltern und den Patriarchen von Konstantinopel, der für die Bilderfreunde Partei ergriffen hatte, kurzerhand enthaupten. Dafür gaben ihm seine Untertanen den Beinamen „Kopronymos“, was man heutzutage frei mit „Dreckskerl“ übersetzen würde.

Eine Frau beendet den Bilderstreit

Konstantins Nachfolger nahmen wieder eine tolerantere Haltung ein. Aber erst Kaiserin Irene, eine kluge Regentin mit politischem Gespür, setzte dem unseligen Bilderstreit ein vorläufiges Ende, indem sie sich der von Rom vertretenen Position anschloss. Doch auch nachdem das 2. Konzil von Nicäa 787 die Bilderverehrung wieder erlaubt hatte, schwelte der Konflikt weiter und entbrannte immer wieder aufs Neue. Erst einer weiteren Frau, Kaiserin Theodora II. (842–856), gelang es, die innenpolitische Krise zu beenden. Am 3. März 843 konnten die Gläubigen ihre geliebten Ikonen endlich wieder zurück in die Hagia Sophia tragen.

Die Spaltung zwischen Ost und West geht weiter

In den kommenden Jahren erlebte die byzantinische Bilderkunst einen bemerkenswerten Aufschwung. Die Ikone wurde zum Anschauungsobjekt des christlichen Glaubens allein dazu geschaffen, dass jeder an der göttlichen Herrlichkeit teilhaben konnte. Aber auch nach der Beilegung des Bilderstreits entwickelten sich Ost-und Westkirche weiter auseinander. Eingesetzt hat dieser Prozess allerdings schon viel früher. Von jeher hatte man sich am Bosporus dem Vorrangsanspruch des Papstes widersetzt. Während sich die westlichen Bischöfe Rom mehr oder weniger bereitwillig unterwarfen, beanspruchten die Patriarchen von Konstantinopel für sich die gleichen Befugnisse, wie sie der Bischof von Rom besaß. Doch auch Unterschiede in Sprache und Liturgie trennten die beiden Kirchen: Die Griechen tauchten den Täufling vollständig ins Becken, während ihn die Römer lediglich mit Wasser besprengten. Römische Priester unterlagen seit dem Hochmittelalter dem Zölibat, den griechischen hingegen war die Ehe weiterhin erlaubt. Eine theologische Spitzfindigkeit führte schließlich zum endgültigen Bruch: der „Filioque-Streit“, den heutzutage wohl niemand mehr so recht nachvollziehen kann.

Im gemeinsamen Glaubensbekenntnis von Nicäa (381) war von einem Heiligen Geist die Rede gewesen, der „vom Vater ausgeht“. Dann aber setzte ein weströmisches Konzil im 6. Jahrhundert eigenmächtig eine andere Interpretation fest: „ex patre filioque procedit“, zu Deutsch: „geht vom Vater und dem Sohne aus“. Diese Version blieb jahrhundertelang unverbindlich, wurde aber von Ostroms Theologen strikt abgelehnt. Als Rom dann 1054 das „filioque“ offiziell in das Glaubensbekenntnis aufnahm, kam es endgültig zum Bruch mit der Ostkirche – ein Schisma, das heute noch nicht überwunden ist.

 

Karin Feuerstein-Praßer

 

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015