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Imagine all the people...

Wie John und Yoko die Welt vom Bett aus verändern wollten

Ausschlafen für den Frieden, das erscheint selbst Yoko Ono heute ein bisschen naiv. Doch 1969 trafen sie und John Lennon damit den Zeitgeist . Das alles war sehr symbolgeladen. Sehr abstrakt. Sehr Fluxus.

Lennon-Graffiti in Prag

Seit mehr als 30 Jahren hinterlassen junge Menschen ihre Wünsche für eine bessere Welt auf der John-Lennon-Mauer in Prag. Sie erinnern damit auch an den Künstler, der vom Frieden träumte. | © istockphoto.com/stevanovicigor

1970, auf dem Höhepunkt der Hippie-Bewegung, wurde einer Frau, die ihr Leben dem Frieden verschrieben hatte, der Krieg erklärt: Doch keine politische Gruppierung hetzte gegen die Aktionskünstlerin, sondern tausende Fans ihres Mannes. Hatte sie, Yoko Ono, doch ihren John gestohlen, war für das Ende der „Beatles“ verantwortlich. Und wirklich: Kurz nachdem sich das Paar Ende der 1960er Jahre kennengerlernt hatte, verließ John Lennon die britische Band für immer, um Projekte mit seiner Frau zu verwirklichen. Projekte für den Weltfrieden.

Bed-In: Ausschlafen für den Weltfrieden

42 Jahre später bricht Paul McCartney, ehemaliger Bandkollege von Lennon in einem Interview mit David Frost, eine Lanze für die japanisch-stämmige Künstlerin: Nicht sie sei für das Ende der Pilzköpfe verantwortlich, sondern die Gruppe selbst sei „zerbrochen“. „Als Yoko Ono auftauchte, war ein Teil ihrer Anziehungskraft ihre Avantgarde-Seite, ihre Art Dinge zu betrachten. Sie zeigte ihm eine andere Art zu sein, die sehr attraktiv für ihn war. Also war es Zeit für John zu gehen…“, verteidigt McCartney sie in dem TV-Auftritt weiter. Diese Avantgarde, die Ono, umgab, sollte ihren Mann später zu Hymnen wie „Imagine“ inspirieren. Und zu einer der abstraktesten Formen des Protestes: dem Ausschlafen als Aufruf gegen Krieg. Dem Bed-In.

Sit-In: Sitzstreik als Form des Protests. Diese Art der Demonstration wurde vor allem in den 1960er Jahren eingesetzt, um auf Missstände aufmerksam zu machen. In Anlehnung an „Sit-In“ schufen Ono und Lennon den Neologismus „Bed-In“.

Zwei etwas zerzauste Gestalten in hellen Pyjamas liegen im Bett. Die Glasfront hinter ihnen bietet Aussicht auf die Straßen Amsterdams, flutet das Hotelzimmer mit Licht. Harmonisch, ja fast friedlich wirken die Schwarz-Weiß-Fotografien vom 20. März 1969. Doch nicht in trauter Zweisamkeit, sondern umzingelt von internationaler Presse  kuscheln sich da Yoko und ihr John in die Kissen des Hilton-Hotels. Das frisch verheiratete Paar nutzt das allgemeine Medieninteresse um die eigene Hochzeit für eine neuartige Form des Anti-Vietnam-Protests. Erklärt es kurzerhand zur Demonstration, den ganzen Tag im Bett zu verbringen und macht so die eigenen Flitterwochen zum PR-Event.

„Make Love, not War“

Einige der anwesenden Journalisten kritisieren diese abgewandelte Form des Happenings als reine Selbstvermarktung. Inhaltlich fallen die Aussagen der Aktivisten ja auch eher mau aus: „Bed Peace“ und „Hair Peace“ prangt da auf Transparenten neben dem Bett. Yoko und John machen es vor: lange Haare und Händchen halten, gleich „make love, not war“.
Lennon äußert einem kanadischem Reporter gegenüber sogar seine ganz eigene Theorie zur Weltgeschichte: „Wenn Hitler und Churchill im Bett geblieben wären, wären heute noch viele Menschen am Leben.“ Neben solchen, etwas aus der Luft gegriffen wirkenden Aussagen, werden dann auf der Bettdecke noch abwechselnd Blumen, eine Gitarre oder ein Fahrrad drapiert. Alles sehr symbolgeladen. Sehr abstrakt. Sehr Fluxus.

Fluxus: Form der Aktionskunst, bei der mehr die künstlerische Idee als das Endprodukt im Vordergrund steht. Häufig bezieht der Künstler das Publikum mit ein und lässt es so zum Teil der Installation werden. Yoko Ono zählt zu den berühmtesten Fluxus-Vertretern.

Fünf Kilo Butter in der Ecke: Schon öfter stießen Künstler, die ihre Arbeit der Stilrichtung „Fluxus“ verschrieben hatten auf Unverständnis. Joseph Beuys’ berühmte „Fettecke“ – eine Raumecke voll Fett, die der Deutsche kurzerhand zu Kunst erklärt hatte – wurde der Legende nach Jahre später einfach vom Hausmeister aufgewischt. Die seit 1986 konservierten Überreste der Installation wurden erst kürzlich von anderen Künstlern zu Schnaps destilliert und teilweise verköstigt.

40 000 Mark Schadensersatz klagte sich damals Beuys’ Erbe für den Verlust ein. Onos und Lennons Kunst ist weniger greifbar: Nicht einmal den von der Presse erhofften Sex-Skandal – John und Yoko hatten sich erst kurz zuvor für ein Plattencover entblößt – lieferten sie mit ihrem sanften Gerede vom Frieden. Trotz enttäuschter Journalisten und medialer Häme verbuchte das Paar die Veranstaltung als vollen Erfolg: Weltweit wurde im großen Stil berichtet – die Lennons entscheiden sich zu einer weiteren Bett-Aktion.

Meilenstein der Popkultur

Zwei Monate später belagern die Aktivisten ein Hotelbett im kanadischen Montreal. Diesmal fällt die Aktion weniger gemütlich, nicht ganz so zart aus: Partys und Krischna-Kult durchfluten das mit Künstlern gefüllte Zimmer, durch die Luft weht die Melodie von „Give Peace a Chance“. Das Lied ist dort in diesen Tagen entstanden. Schon in Amsterdam filmen die Beteiligten das Spektakel – es entsteht ein Film.

45 Jahre später reflektiert Yoko die Aktionen etwas differenzierter: „1969 waren John und ich so naiv zu denken, dass das Bed-In helfen würde, die Welt zu verändern.“  Dennoch hofft die Künstlerin, die seit dem Mord an ihrem Ehemann dessen Vermögen verwaltet, dass ihre Botschaft bleibt, ihre gemeinsame Arbeit den Aktivisten von heute „Ermutigung und Inspiration“ liefert. Auch wenn ihr Protest auf die Konflikte in der Welt wohl wenig Einfluss nahm, sind die Bilder dieser verschlafenen Tage von 1969 ein Meilenstein in der Pop-Kultur. Lieder wie „Give peace a Chance“  oder „The ballad of John and Yoko“ werden noch heute auf Kundgebungen gespielt.
Katharina Behmer