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Reinhold und Georg Forster

Zwei Preußen in der Südsee

An Bord von James Cooks „Resolution“ segeln Reinhold und Georg Forster, Vater und Sohn, durch den Pazifik – und zum Ruhm. Sie setzen neue Maßstäbe als Naturforscher.

Tahiti

Zusammen mit James Cook landeten Georg und Reinhold Forster auch in Tahiti, das Georg in seinem Reisebericht als eine Art Paradies auf Erden beschrieb. | © istockphoto.com/Richmatts

 

Ganz zweifellos eine hohe Ehre, die Reinhold im Jahre 1772 da ins Haus flatterte. Ein Brief des britischen Marineministers an den angesehenen Naturforscher aus Preußen, der damals in London lebte. „Am elften Junius“, schrieb der junge Georg, „erhielten mein Vater und ich Befehle, diese Reise gleichfalls zu unternehmen, um Gegenstände der Naturgeschichte zu sammeln, zu beschreiben und zu zeichnen.“ Die Admiralität bat Reinhold Forster, in See zu stechen, um James Cook auf dessen zweiter Südseereise zu begleiten. Der ursprünglich vorgesehene Partner, Joseph Banks, war in Ungnade gefallen; Forster sollte einspringen. Dieser, ebenso gelehrt wie dickköpfig, bejahte mit einer Bedingung: Sein 17-jähriger Sohn Georg, selbst schon Forscher, sollte als Assistent mit an Bord. „Leinen los“ für die Erfolgsstory zweier Entdecker aus dem Pommernland.

Knapp bei Kasse: Forster kam Cooks Auftrag gerade recht

Beide Forsters, Preußen mit schottischen Wurzeln, waren Kinder der Aufklärung. Ihr Bekenntnis prägte ihre Wissenschaft. Georg trug den Zeitgeist später in die Politik. Wie sein Vater war er von Anfang an Abenteurer. Reinhold Forster, geboren 1729 in Dirschau, hatte sich 1765 bei einer Forschungsreise zur unteren Wolga im Auftrag Zarin Katharinas einen Namen gemacht. Schon damals dabei: der zehnjährige Georg, geboren 1754 in Nassenhuben bei Danzig. Beide lebten seit 1766 in England, wo Forster senior, von Haus aus evangelischer Theologe, als Naturkundler wirkte. Notorisch knapp bei Kasse, kam ihm der Forschungsauftrag an der Seite Cooks gerade recht.

Am 13. Juli 1772 setzte Cooks Schiff, die „Resolution“, in Plymouth die Segel. Die Vermessung des Pazifiks (und die erfolglose Suche nach dem sagenhaften Südkontinent) führte über Kapstadt und Neuseeland, Tahiti und Polynesien, über Tonga und die Oster-Inseln. Frei von Konflikten verlief die Reise nicht. Forster junior stieß sich etwa an dem herrischen Auftreten Cooks. Doch die Crew war in den Unweiten des Pazifik eine Schicksalsgemeinschaft. In seiner „Reise um die Welt“ schrieb Forster über den März 1774: „Das Wetter war schwül, und Kapitän Cook bekam einen Rückfall seines Gallenfiebers.“ Einmal, als die Verpflegung aufgebraucht war, opferte Forster senior gar seinen Hund – als Essen für den Kapitän. Das Abenteuer war eine Geschichte von Skorbut und Sonnenbrand, Stürmen und Entbehrung. Aber da war auch die Faszination einer unbekannten Welt. Georg Forster ließ die Südsee gar lyrisch werden: „Die waldbedeckten Berge erhoben stolz das majestätische Haupt, auf dem schon der Schimmer der erwachenden Sonne ruhte.“

James Cook entdeckt Völker, die Forsters zeichnen die Natur

Auch Zeiten der Not nutzte der Chronist für seine Arbeit. Als Eisberge die Crew im Dezember 1772 am Rande der noch unentdeckten Antarktis aufhielten, griff Georg zum Stift. Er zeichnete Umwelt und Tiere, etwa Pinguine. Endlich in Neuseeland angekommen, atmete er dennoch auf: „Nach einer langen Entfernung vom Lande ist es wahrlich leicht, selbst die ödeste Küste für das herrlichste Land in der Schöpfung anzusehen.“ Während Cook auf der Reise neue Völker und Länder entdeckte, konzentrierten sich die Preußen auf die Natur, die Art und Kultur der Menschen in der Südsee. Forster junior notierte 1774: „Die Eingeborenen waren wohlgebildete, schöne Leute von gelblicher oder hellbrauner Farbe. … Sie gingen völlig nackend.“ Frei von (Ab-)Wertung war Forsters Sicht.

Am 30. Juli 1775 landete die Resolution wieder in England. Das Abenteuer war gelungen. Nicht nur Cook brachte am Ende der dreijährigen Reise wertvolle Erkenntnisse aus der Südsee mit nach Hause. Auch seine Begleiter sorgten mit ihren Mitbringseln und Ansichten für neue Maßstäbe in der Natur- und Völkerkunde. Mit rund 600 kolorierten Zeichnungen von Flora und Fauna des Pazifiks dokumentierte Georg das andere Ende der Welt. Er und sein Vater entdeckten über 400 Pflanzen- und Tierarten. Für Reinhold und Georg Forster folgten wissenschaftliche Ehren und Universitätskarrieren.

Georg Forster begründet die moderne Reiseliteratur

Als Georg Forster seine Eindrücke 1778 in der „Reise um die Welt“ veröffentlichte – noch vor Cooks eigenem Reisebericht, weshalb es weitere Konflikte gab –, begründete er zudem die moderne Reiseliteratur. Forsters Leser schätzten den neuen Stil, authentisch und eindrucksvoll: „Sobald wir Anker ausgeworfen hatten“, notierte der Autor etwa im April 1774 vor den Marquesas-Inseln, „luden wir die Einwohner unter allerlei Freundschaftszeichen … ein, zu uns an Bord zu kommen. Sie wagten es aber nicht eher, als bis sie … uns einige Pfefferwurzeln zum Zeichen des Friedens … dargeboten hatten.“ Seine moderne Ethnologie kam ohne Pathos und Vorurteil aus. Er beschrieb die Naturvölker in einer neuen Mischung aus Sachlichkeit und Sympathie, jenseits europäischen Herrendenkens – ganz im Geiste der Aufklärung. Seine Ansichten gefielen. Alexander von Humboldt wählte Forster zum Vorbild, in „inniger Freundschaft und Verehrung“ begleitete er ihn später selbst auf Reisen.

Georg starb früh – 1794 in Paris, vier Jahre vor seinem Vater. Er war ab 1788 Oberbibliothekar der Universität Mainz und zuletzt Politiker geworden. Als Freimaurer und Jakobiner beteiligte sich Forster junior 1793 an der Gründung der ersten deutschen Republik in Mainz durch französische Revolutionstruppen. Dann reiste der Revolutionär nach Paris – und kehrte nicht zurück. Die Reichsacht verhinderte die Rückkehr und Forster musste ohne seine Familie in Frankreich bleiben. 1794, den wütenden Terreur noch miterlebend, erlag er einer Lungenentzündung. „Die Revolution ist ein Orkan“, schrieb Georg Forster kurz zuvor. „Wer kann ihn hemmen?“ Die Südsee-Stürme waren ihm am Ende lieber gewesen.

Frauke Scholl

Der Artikel erschien erstmals in G/GESCHICHTE 7/2013: „Aufbruch ins Unbekannte: Die großen Expeditionen“

 

Zuletzt geändert: 14.01.2016