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Na dann, Prost!

Zu Silvester und anderen festlichen Anlässen: Wenn Menschen feiern, stoßen sie mit Weingläsern oder Bierkrügen an. Das Ritual ist nicht nur uralt, sondern folgt seit jeher auch strengen Regeln.

von Agnes Fazekas

Ein Hoch auf das neue Jahr – gern mit Schaumwein. Man sollte ihn nicht zu kalt servieren und am besten in wenigen Zügen genießen. | Foto: Istockphoto.com/8213erika

„Bald, so wird es zwölfe schlagen. / Prost Neujahr! wird mancher sagen; / Aber mancher ohne Rrren! / Denn es gibt vergnügte Herren. / Auch ich selbst, auf meinen Wunsch, / Mache mir ein wenig Punsch.“

In den weiteren Strophen seines Gedichts blickt Wilhelm Busch auf das letzte Jahr zurück, vor allem aber auf eine Verflossene. Weil er allein vor dem Ofen sitzt, prostet er sich nur selbst zu – und bricht sich dabei nicht nur das Herz, sondern ein kulturübergreifendes Tabu: Seit dem frühesten Genuss von Alkohol – schon Jäger und Sammler im Nahen Osten sollen eine Art Bier gebraut haben – ist das Trinken ein sozialer Akt. Und selbst in unserer westlichen Individualgesellschaft sollte man zumindest an einem Bar-Tresen sitzen. Ganz allein prostet man dann eben dem Barkeeper zu.

Allein trinken ist schon immer verpönt

Seit jeher hilft Alkoholgenuss nicht nur, Kontakte zu knüpfen, sondern ist auch streng reglementiert: Fast alle Trinkrituale beinhalten das Teilen. In Georgien wird der Brauch, aus demselben Becher zu trinken, „megobarebi“ genannt, was so viel wie „enge Freunde“ bedeutet. Bei den Lele in Zaire wird Trunkenheit missbilligt, weil sie darauf hindeutet, dass man allein und zu viel getrunken hat – ohne zu teilen. So mag auch der Spruch: „Nur ein Schwein trinkt allein“ seinen Ursprung in den Trinkgelagen früherer Kulturen haben. Unsere Vorfahren tranken nicht nur gemeinsam, sondern oft auch aus demselben Gefäß: So ist auf altägyptischen Abbildungen ein großer Topf mit vielen langen Strohhalmen zu sehen.

Bei den Germanen herrschte ein Trinkzwang, gegen den Missionare keine Chance hatten. So hieß es in der Oeconomischen Encyclopädie: „Trunkliebe der Deutschen, die [sowieso] schon dem Trunke ergeben, auch noch das Gesundheitstrinken der Griechen und Römer annahmen.“ Der Zwang ging so weit, dass der Schriftsteller Grimmelshausen noch im 17. Jahrhundert berichtete, wie ihm beim Zutrinken oft „der Angstschweiß ausbrach; doch es musste gesoffen sein“. Das Kampftrinken war eine Form des Duells ohne Waffen. Wer nicht mithalten konnte oder wollte, wurde ausgegrenzt oder tätlich angegriffen. Die Gelage endeten meist mit allgemeiner Bewusstlosigkeit.

Adlige Herren konnten ihre Diener vorschicken. Dahinter stand auch die Angst, vergiftet zu werden. Aus dieser Sorge heraus soll der Brauch des Anstoßens entstanden sein. Der Gastgeber goss einen Schluck aus dem Glas des Gastes in sein eigenes. Dann wurde angestoßen, um das gegenseitige Vertrauen zu besiegeln. Oder man stieß gar so heftig an, dass der Wein von einem Becher in den nächsten spritzte.

Eine Feier im Garten – da darf das Anstoßen nicht fehlen. | Bild: Wikimedia/UFA66

Mit klirrenden Gläsern angeben – und Geister vertreiben

Schließlich mag es auch das Scheppern und Klirren gewesen sein, das dem abergläubischen Menschen als gutes Mittel erschien, um böse Geister zu vertreiben. Nicht zuletzt war das Anstoßen eine Möglichkeit, mit dem feinen Kristall anzugeben. Schnödes Glas klingt lange nicht so klar und hell.

Apropos Status: Auch Bauern und Handwerker hatten ihre festen Rituale und Gesetze. Die Zünfte verfügten über ausgefeilte Trinkordnungen, auch Komment genannt. Aus diesen wiederum leiteten die Studentenverbindungen ihre komplexen Trinksitten ab. Zum Beispiel den „Salamander“: Dabei werden Gläser nach dem gemeinsamen Leeren auf dem Tisch gerieben oder geklappert und auf ein bestimmtes Kommando gleichzeitig deutlich hörbar auf dem Tisch abgesetzt. Nur bei perfekter Koordination entsteht dabei der gewünschte, verbindende Soundeffekt.

Studenten prägten den Zuruf „Prosit“

Auch unser „Prost“ hat seinen Ursprung in der Studentensprache. An Universitäten war es schon im 15. Jahrhundert üblich, den „Doktorschmaus“ abzuhalten. Dabei brachten die Studenten Wein und Konfekt für ihre Prüfer mit, die beides während des mündlichen Examens verzehrten. Ihrem Prüfling wünschten sie dabei auf Lateinisch: „Prosit!“ – „Es möge nützen.“

Laut Knigge gilt „Prost“ heute deswegen als unfein. Es klingt zu sehr nach Geschäft. Aber auch „Gesundheit“ wecke unschöne Assoziationen. Denn das wurde einst zu Pestzeiten ausgerufen, wenn jemand nieste. Jedoch nicht, um seinem Gegenüber wohl zu wünschen, sondern um sich selbst zu schützen.

Wenig appetitlich ist auch der Ursprung des „Toastens“. Es soll auf eine Sitte aus dem 17. Jahrhundert zurückgehen. Dabei wurde am Ende einer Rede ein gewürztes Brotstück ins Glas getunkt, um den nicht ganz so feinen Geschmack des Weins zu überdecken. Wer jetzt den Spaß am Zutrinken verloren hat, kann es zu Silvester ja mal mit dem ungarischen „Egészségedre“ versuchen. Schnell wird aus dem Zungenbrecher ein „egész seggedre“ – und das heißt: „Auf deinen ganzen Hintern.“ Klingt fast wie „Guter Rutsch!“