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Den Germanen auf der Spur – Interview zur Ausstellung in Berlin

Wer waren die Germanen jenseits römischer Bezeichnungen und Klischees? Wo genau und wie lebten sie? Und warum übernahmen sie trotz des Jahrhunderte währenden Austauschs an der Grenze eher wenig vom römischen „way of life“? Das sind nur einige der Fragen, die eine neue Ausstellung in Berlin beantworten will. Während im Neuen Museum auf der Museumsinsel die Geschichte der Germanenforschung und -rezeption präsentiert wird, zeigt die wiedereröffnete James-Simon-Galerie über 700 Neufunde und Leihgaben. G/GESCHICHTE-Autor Dr. Heiko Schmitz sprach mit Professor Michael Schmauder, dem Bonner Kurator der Schau, über Germanen, Deutsche und Römer.

Professor Michael Schmauder, Bonner Kurator der neuen Schau über die Germanen. | © privat

G/GESCHICHTE: Herr Prof. Schmauder, der Titel Ihrer Ausstellung klingt, als würden Sie der Faszination, die von den Germanen ausgeht, mit größtmöglicher Rationalität begegnen wollen. Stimmt der Eindruck?     
Prof. Michael Schmauder: Der Titel der Ausstellung ist schon bewusst gewählt. Wir wollen aufklären und zeigen, was Forschung und Wissenschaft uns über die Germanen im Jahr 2020 zu sagen haben. Wir machen eine Bestandsaufnahme über die „Germania“ als geografisch-räumlichen Begriff und wollen uns dabei möglichst weit von der römischen Perspektive und damit vom Rhein als Grenze entfernen. Dazu brauchen wir vor allem die Archäologie und ihre neueren Ergebnisse.

Welche Rolle spielt die wechselvolle Rezeptionsgeschichte in der Ausstellung?
Von Bonn aus greifen wir die Rezeptionsgeschichte des Germanen-Begriffs nicht auf. Um die Rezeptionsgeschichte insbesondere im 19. Jahrhundert geht es im Neuen Museum in Berlin, wo der zweite Teil der Ausstellung unter dem Titel „Germanen. 200 Jahre Mythos, Ideologie und Wissenschaft“ zu sehen ist. Der „Vaterländische Saal“ wurde 1855 mit einem Wandgemälde ausgestattet, das nordische Mythen aufgriff – die Verbindung zur Vorzeit sollte ein deutsches Nationalgefühl wecken. Preußens König Friedrich Wilhelm IV. ging es nicht um die Germanen als Vorfahren, sondern um eine deutsche Heilsgeschichte. Deshalb werden dort nicht germanische Recken, sondern nordische Götter gezeigt.

„Wir wollen Tendenzen entgegenwirken, die das Germanen-Thema für rechtes Gedankengut nutzen“

Germanischer Vorfahre auf koloriertem Gips, nach 1913. | © Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz/V. Iserhardt

Sie wollen mit Vorstellungen aufräumen, die eine direkte Traditionslinie von einem germanischen „Volk“ zu uns heutigen Deutschen ziehen. Warum ist diese Aufklärung im Jahre 2020 immer noch nötig?
In jedem Schulbuch finden Sie nach wie vor die historisierenden Bilder aus dem 19. Jahrhundert, die sich tief einprägen – auch wenn im Bildtext steht, dass es sich um eine zeitgenössische Abbildung handelt. Wir haben neue Lebensbilder und Darstellungen geschaffen, die sich verbreiten und die alten Bilder verdrängen sollen. Zudem wollen wir Tendenzen entgegenwirken, die das Germanen-Thema für rechtes Gedankengut nutzen und vermeintliche germanische Werte beschwören. Die Germanen sind Teil der deutschen Geschichte, aber genauso sind sie Teil der Geschichte Frankreichs, Italiens, Polens oder Tunesiens. Es gibt keine bruchlose Kontinuität – weder historisch noch ethnisch oder biologisch. Der Anspruch hätte wissenschaftlich eine ähnliche Qualität wie die Behauptung der Franken, eine direkte Verbindung zu den Trojanern zu haben.

Ein weiterer Anspruch der Ausstellung ist, die Germanen nicht durch die „Römerbrille“ zu betrachten, sondern eine Binnenperspektive einzunehmen. Aus welchen Quellen kann man dabei schöpfen? 
Nur aus den archäologischen Quellen, denn wir haben keine germanische schriftliche Überlieferung, von Runen-Inschriften abgesehen. Die Archäologen haben in den vergangenen Jahrzenten einen großen Zuwachs an Funden verzeichnet, die ein genaueres und kleinteiligeres Bild erlauben. Das Siedeln, Produzieren und Handeln der Menschen wird plastischer, zum Beispiel in der Hausforschung mit einer regionalen Entwicklung und individuellen Ausprägungen des typischen Wohnstallhauses. Wir können inzwischen auch gut belegen, dass die Germania kein undurchdringlicher dichter Urwald war, sondern eine relativ offene Kulturlandschaft mit Gehöften und Siedlungen – und Wegesystemen.

Schildbuckel aus dem Fürstengrab von Gommern. | © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt/A. Horentrup

Wo bleiben bei der Bestandsaufnahme die größten Wissenslücken?
Wir würden gerne besser verstehen, wie sie als Gemeinschaften funktionierten, wie ihre Gesellschaftsstrukturen ausgesehen haben. Auch hier ist unsere Vorstellung durch römische Begriffe geprägt: princeps, dux, rex – alles deutet auf eine stark hierarchische Struktur hin.
Es spricht aber viel dafür, dass es die nicht gab. Es gab eher eine regionale Machtfülle – bei den Fürstengräbern gibt es Entfernungen von 25 bis 50 Kilometern. Selbst beim „Fürst von Gommern“ darf man von einem überschaubaren Herrschaftsgebiet ausgehen.

„Es gab keinen Dauerkonflikt, sonst hätte die Grenze anders ausgesehen“

Also gab es so eine Art „balance of power“ unter den Germanenstämmen?
Zumindest sind alle germanischen Anführer, die Macht konzentrieren wollten, gescheitert: Arminius, Vannius und Marbod. Grundsätzlich gab es innergermanisch häufig Auseinandersetzungen. Offenbar handelte es sich in der Germania um eher stammesgebundene Kriegergesellschaften, wie es sie auch in anderen Teilen der Welt gibt. Sicher gab es Allianzen für größere kriegerische Konflikte oder später auch Beutezüge, aber die waren immer befristet.

Zwei verzierte Lanzenspitzen aus Polen | © Państwowe Muzeum Archeologiczne w Warszawie / R. Sofuł

Die Bezeichnung „Germanen“ diente Julius Cäsar zur Unterscheidung der Gegner auf der linken und rechten Rheinseite. Die Römer haben vier Jahrhunderte lang im direkten Kontakt von „Germani“ gesprochen. Was verband die Menschen rechts des Rheins und nördlich der Donau?
Neben der gerade geschilderten Kriegergesellschaft sicher die Lebensweise, vor allem die Art der Siedlung in Dörfern mit zehn bis 25 Gehöften. Dazu eine Palette an Produkten aus Ackerbau und Viehzucht, Erzgewinnung und Metallverarbeitung. Die Keramik ist ähnlich, mit regionalen Unterschieden. Die Ausstattung der Elitengräber ist ebenso vergleichbar wie die Statussymbole – etwa römische Schwerter. Die Menschen in der Germania konnten sicher auch miteinander kommunizieren.

Trotz der langen römischen Präsenz am Rhein, dem Austausch von Waren sowie dem Einsatz von Germanen im römischen Militär gab es in der Germania anders als in Gallien keine nennenswerten materiellen Änderungen der Lebensweise. Woran liegt das?   
Zunächst: Der Rhein als klare Grenze war ein politisches Konstrukt der Römer. Am Niederrhein etwa gab es Schnittstellen zwischen Germanen und Kelten. Der entscheidende Unterschied bestand in den Gesellschaftsstrukturen: In der Germania gab es keine Machtkonzentration und keine Zentralorte wie die Oppida. In Skandinavien kennen wir Treffpunkte zu besonderen Anlässen, aber auch keine Herrschaftssitze. Es gab in der Germania offenbar Institutionen oder einflussreiche Leute, die kein Interesse an einer Veränderung hatten. Der Zugriff auf römische Waren und Güter war ja gegeben – die Germanen nutzten, was ihnen sinnvoll erschien oder Renommee versprach: römische Waffen, vor allem Schwerter, Glas und Metallgefäße. Die Münzwirtschaft übernahmen sie ebenso wenig wie Begräbnisriten – ein frappierendes Beispiel ist das Gräberfeld in Rheindorf (Leverkusen), nur 15 Kilometer von der römischen Provinzhauptstadt Köln entfernt, wo kaum römischer Einfluss erkennbar ist.

Die Römer waren also vor allem ein nützlicher Nachbar?
Das Verhältnis war schon konfrontativ. Aber in den Friedensphasen – wir sprechen von vier Jahrhunderten Koexistenz – waren die Römer auch ein nützlicher Gegner. Es gab keinen Dauerkonflikt, sonst hätte die Grenze anders ausgesehen. Fest steht: Die Germanen adaptierten das Römische nicht. Offenbar gab es lange Zeit kein Streben nach Anteil an Wohlstand oder römischer Staatlichkeit. Wer die innergermanische Akzeptanz ihrer Lebensform, also das Nebeneinander von Gesellschaften, verstehen will, muss sich von der römischen Erzählung lösen – und damit geografisch auch vom Rhein. Genau diesen Perspektivwechsel versuchen wir in der Ausstellung, deren Zeithorizont bis in die zweite Hälfte des vierten Jahrhunderts reicht. Danach löst sich die Germania komplett auf.

 

Ausstellung „Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme“

 

Bis 21. März 2021 läuft die Schau im Museum für Vor- und Frühgeschichte und in der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel in Berlin (in Zusammenarbeit mit dem LVR-Landesmuseum Bonn). Öffnungszeiten und weitere Infos gibt es hier.

Der Katalog zur Ausstellung (links) von wbg Theiss kostet im Buchhandel 50, im Museum 39 Euro.