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Zweiter Weltkrieg

Vaterland statt Sozialismus

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Damit die Sowjetunion gegen Nazideutschland auf die Siegerstraße kam, musste sich Stalin von ideologischen Grundsätzen verabschieden.

von Lennart Laberenz

Sieg über Hitler: Am 2. Mai 1945 hissen sowjetische Soldaten auf dem Reichstag ihre Flagge. | © Wikimedia/Yevgeny Khaldei

„Vnimanije! Slushej! Govorit Moskva!“ Trockene Ankündigung nach dramatischem Orchestersatz, ein fast heiter tremolierender Ton: „Aufgepasst! Es spricht Moskau! Alle Radiostationen der Sowjetunion übertragen.“ Dann meldet sich der Regierungschef, Generalsekretär des Zentralkomitees, ruhige, getragene Worte, seit Kurzem ist er oberster Befehlshaber der Roten Armee: Josef Wissarionowitsch Stalin.

Stalin entzieht sich oft dem Zugriff der Geschichtsschreibung: Es gibt kein vollständiges Privatarchiv, nicht einmal eines, das alle seine öffentlichen Aktivitäten erfasst; oft sind wir auf Mutmaßungen zurückgeworfen, auf geschönte, bis in den Tod loyale Zeugnisse von Mitarbeitern und Militärführern. Stalin galt nicht als großer Redner, sondern bevorzugte den kleinen Kreis.

Das größte Invasionsheer aller Zeiten überfällt die Sowjetunion

Sturm auf ein Dorf der Sowjets: Soldaten mit Flammenwerfern. | © Wikimedia/Kempe

Vielleicht fehlt also der Vergleich, vielleicht ist es der Anlass: Die Anrede greift viel weiter als auf Parteitagen, die Sowjetbürger hören lange Pausen, der Ton zeigt Dringlichkeit an, etwas Allumfassendes kommt da: „Genossen! Bürger! Brüder und Schwestern! Kämpfer unserer Armee und Flotte! An euch wende ich mich, meine Freunde!“ Es ist der 3. Juli 1941, seit zwölf Tagen stößt das größte Invasionsheer, das je aufgestellt wurde, von Westen ins Landesinnere vor. Bald ist die Wehrmacht 500 Kilometer weit ins Land hineingestoßen.

Sucht man Ereignisse, die im ersten Kriegshalbjahr entscheidende Punkte markieren, zählt Stalins Rundfunkrede dazu. Es ist seine erste öffentliche Wortmeldung. Am Mittag des 22. Juni, dem Tag des Überfalls, hatte sein engster Vertrauter, Außenminister Wjatscheslaw Molotow, eine kurze Ansprache gehalten und dabei vom „beispiellosen Akt der Heimtücke“ gesprochen. Stalin sei zu bedrückt gewesen, um den Kriegsbeginn zu verkünden, sagen Weggefährten.

In einer Radioansprache apelliert Stalin an den Patriotismus seiner Landsleute

Die Radioansprache folgt einem Tiefpunkt: Am 28. Juni hatte die Wehrmacht Minsk eingeschlossen, marschierte auf Smolensk, weitere 400 000 Soldaten waren eingekesselt. Stalin erfuhr die Nachrichten bei einem höchst seltenen Besuch im Verteidigungsministerium. Nachdem ihm Verteidigungsminister Semjon Timoschenko und Generalstabschef Georgi Schukow die Situation erklärt haben, hören Umstehende Stalins einziges überliefertes Schuldgeständnis, eher gemurmelt als ausgerufen: „Lenin hat unseren Staat geschaffen, und wir haben ihn verschissen.“

Der Artikel stammt aus unserer aktuellen Ausgabe von G/GESCHICHTE PORTRÄT, die den Weg Stalins vom Priesterschüler und Gangster zum roten Massenmörder beschreibt (für mehr Informationen aufs Bild klicken).

Zwei Tage verbringt er auf seiner Datscha in Kunzewo, ist unerreichbar, womöglich liest er ein Stück über Iwan den Schrecklichen. Am 30. Juni überreden ihn Mitglieder des Politbüros, die Leitung eines Krisenkabinetts zu übernehmen. Sie berichten später, Stalin habe hager und verstört gewirkt, aber schließlich eingewilligt. Tags darauf kehrt er als oberster Kriegsherr in den Kreml zurück.

Am 3. Juli erklärt er im Radio, dass sich das Land im „tödlichen Ringen mit ihrem bösartigsten und heimtückischsten Feind“ befinde, mit „Teufeln und Kannibalen“. Ein Appell an patriotische Gefühle, weniger an revolutionäre Euphorie. Es handle sich um einen „Krieg des gesamten sowjetischen Volkes“, eine Entscheidung über Freiheit oder Sklaverei. Das Mittel dagegen sei eine Soldaten-Massenaushebung und ein Krieg verbrannter Erde: „Dem Feind darf keine einzige Lokomotive, kein einziger Waggon, kein Kilogramm Getreide, kein Liter Treibstoff überlassen werden.“

Die Wehrmacht steht vor Moskau, aber Stalin bleibt im Kreml

Und Stalin formuliert eine zweite Kriegserklärung, die er nach innen richtet: Jedem, der die Verteidigung behindere, droht das Kriegsgericht, also auch „Jammerlappen oder Feiglingen“ sowie „Panikmachern und Deserteuren“. Trotzdem: Die langsame Stimme, der weite Appell habe Hoffnung geweckt, mit Gerüchten aufgeräumt, Führungsstärke gezeigt, berichten Zeitgenossen. Der britische Historiker Ian Kershaw urteilt, dass Stalin „den Tiefpunkt seiner persönlichen Verarbeitung der Katastrophe“ überwunden habe.

Kampf um Berlin: Die sowjetischen Truppen beschießen die Stadt im April 1945. | © Wikimedia/Bundesarchiv

Worte halten den Vormarsch der Wehrmacht nicht auf, aber der Ton von Stalins Ansprache vermittelt Mut und Überzeugung. 1941, zum Jahrestag der Oktoberrevolution, wiederholt er zentrale Motive, spricht nun vom „großen vaterländischen“ und vom „Vernichtungskrieg“, in dem Patriotismus und Vaterlandsliebe entscheidende Ressourcen seien. „Sowjetunion“ und „Kommunismus“ tauchen in öffentlichen Verlautbarungen fortan immer seltener auf. Als die Wehrmacht kurz darauf vor Moskau steht und Panik ausbricht, entscheidet sich Stalin, im Kreml zu bleiben: Er markiert seine Stellung als Anführer.

Zwei beinahe revolutionäre Entscheidungen mit Folgen

Die Vaterlandsliebe wird im Verlauf des Kriegs oft unmenschlichen Proben unterzogen: Stalins strategische Fehleinschätzungen und selbst grobe Fehler wie die gescheiterte Rückeroberung Charkows im Frühjahr 1942 lassen seine Autorität nicht schwinden. Zwei Vorgänge setzt er in Gang, die in der Sowjetunion beinahe revolutionär sind: Zum einen überträgt Stalin militärische Planungen und Entscheidungen – insbesondere zur Rettung Stalingrads – an Fachleute wie vor allem Marschall Georgi Schukow. Zum anderen rehabilitiert er unvermittelt die Russisch-Orthodoxe Kirche und erfährt daraufhin von ihr eine überraschende Unterstützung.

Stalin später bei der Potsdamer Konferenz am 1. August 1945. | © Wikimedia/US Army Signal Corps

In den ersten Kriegsjahren verliert die Sowjetunion zahlreiche Schlachten. Dass sie sich militärisch überhaupt erholen, die Wehrmacht aufhalten und wieder auf Angriff schalten kann, ist ohne das Wiedererstarken ihrer Schwerindustrie nicht zu verstehen – und auch hier sind die Menschen zu großen Opfern bereit. Allein in der zweiten Hälfte des Jahres 1941 werden russischen Schätzungen zufolge rund 2600 Betriebe nach Osten verlegt, oft in Hast und mit viel Improvisation: Etliche Betriebe errichtet man auf offenem Gelände wieder, unzählige Arbeiter und Familien leben in ausgehobenen Erdlöchern, etwa 25 Millionen Menschen ziehen nach Osten, was erst die Wiederbelebung von Industrie und Landwirtschaft ermöglicht.

Erst im Weltkrieg erkennt Stalin die Grenzen seiner Tyrannei

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin-Karlshorst. | © Wikimedia/Adam Cuerden

Bereits in der zweiten Jahreshälfte 1942 übertrifft die sowjetische Kriegsproduktion die deutsche des ganzen Jahres. „Völlig unerwartet“, so wird später der britische Historiker Richard Overy feststellen, habe die sowjetische Planung Flexibilität und Organisationskraft entwickelt und damit genau die Fähigkeiten, „die erforderlich waren, um eine riesige Bevölkerung für ein einziges gemeinsames Ziel zu mobilisieren“. Diese Fähigkeiten ermöglichen erst den Sieg an der Ostfront. Im Krieg hat der despotische, halsstarrige Josef Stalin einen vernünftigen Sinn für Grenzen des Despotismus entwickelt. Und ist unverzichtbarer Teil der Kriegsmaschinerie geworden.