test
« zurück

Die Askaris

Von 1891 bis 1918 rekrutierte das Deutsche Reich tausende afrikanische Soldaten, sogenannte Askaris. Sie dienten sowohl in den Kolonialtruppen als auch im Ersten Weltkrieg

Askarikompanie

Askarikompanie in Deutsch-Ostafrika zwischen 1914 und 1918 | © Bundesarchiv, Bild 105 DOA3056, Walther Dobbertin, CC-BY-SA 3.0

 

Als sich 1888 an der Küste Ostafrikas Widerstand unter der dort ansässigen Bevölkerung gegen das Vorgehen der Deutsch-Ostafrikanischen-Gesellschaft (DOAG) regte, wollte Reichskanzler Otto von Bismarck keine regulären Truppen schicken. Schließlich war das Gebiet noch gar keine deutsche Kolonie. Bismarck hatte den Erwerbungen der DOAG 1885 zunächst nur ein „Schutzbrief“ ausgestellt, eine direkte Verwaltung durch das Reich versuchte er zu vermeiden. Um die Aufstände niederzuschlagen, beauftragte Bismarck seinen Reichskommissar vor Ort, Major Hermann von Wissmann, eine deutsch-afrikanische Söldnerarmee zusammenzustellen – unter dem Vorwand, den arabischen Sklavenhandel zu bekämpfen. Wissmann warb daraufhin im Sudan, damals unter ägyptisch-britischer Herrschaft, Söldner an sowie ehemalige Soldaten der osmanisch-ägyptischen Armee, die nicht gut auf die Briten zu sprechen waren, und schlug die Aufstände erfolgreich nieder. 1891, als Deutsch-Ostafrika dann offiziell Kolonie des Reiches wurde, wurde die sogenannte „Wissmanntruppe“ in die regulären Schutztruppen Deutsch-Ostafrikas integriert.

Wissmanns Anwerbung von Söldnern aus dem Sudan stellte den ersten Einsatz sogenannter Askaris im deutschen Kolonialreich dar, ein Begriff, der afrikanische Soldaten oder Polizisten im Dienst der Kolonialtruppen europäischer Mächte bezeichnet – Askari ist Swahili für „Soldat“. Später stellten jedoch indigene Stämme aus dem Gebiet Deutsch-Ostafrikas selbst den Großteil der Askarikompanien. Der Einsatz von Askaris bot den europäischen Mächten mehrere Vorteile: Vielfach brachten sie militärische Erfahrung und Professionalität mit. Außerdem boten sie wertvolle Landeskenntnisse und konnten Verbindungen zu anderen Afrikanern in den jeweiligen Regionen herstellen. Darüber hinaus wurden ihnen spezifische Eigenschaften zugeschrieben, aufgrund derer sie sich angeblich besonders für den Militärdienst eignen sollten. Wissmann behauptete etwa, der Islam sei „gewissermaßen die militärischste Religion, sie arbeitet einer Armee in Bezug auf Führung des Soldaten außerordentlich in die Hand“. Märcker, ein Soldat in der Kolonialarmee, beschrieb begeistert die „absolute Disziplin“ der Sudanesen, die er auf die „Ruhe des erfahrenen Kriegers“ zurückführte.

Askaris wurden nie im Deutschen Reich selbst eingesetzt

Im Deutschen Reich wurden Askaris hauptsächlich in den Kolonialtruppen Deutsch-Ostafrikas eingesetzt. Dabei wurden einerseits Maßnahmen getroffen, um sie an die Kolonialherrscher zu binden, andererseits blieb eine klare Trennung bestehen. Zum Beispiel durften nur die Soldaten des höchsten Ranges der Askaris, die „Effendis“, Deutsch lernen – in der Hoffnung, dass die Sprache dadurch bewundert und gefeiert würde. Befehle wurden auf Swahili erteilt. Die Mehrheit der Askaris konnte sich so nie mit den Deutschen unterhalten. Und trotz der Bewunderung für die „Disziplin“ der Askaris durften sie nie Feldartillerie bedienen und wurden während des gesamten Ersten Weltkrieges nur mit einläufigen Gewehren ausgerüstet. Die Furcht der Deutschen vor einer afrikanischen Allianz war zu groß und blieb immer bestehen. Deshalb wurden Askaris auch nie im Reich selbst eingesetzt. Ein Versuch, sie an ihre Herrscher zu binden, waren dagegen die Geburtstagsfeiern für Kaiser Wilhelm II. mit Festbanketten und Paraden. 1916 verkündete ein Kompaniechef seiner Askaritruppe, dass der Kaiser ein Vorbild für sie sei und sie ihn „wie ihre Großmutter“ lieben müssten für alles, was er ihnen „geschenkt“ habe.

Der Erste Weltkrieg veränderte das Image der Askaris

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs veränderte die Art, wie die Deutschen die Askaris wahrnahmen. Die Askaris galten nicht länger als „wilde Bestien“, sondern als Verteidiger des Reiches. Sie wurden „treue Askaris“ genannt, ihre Loyalität zum Kaiser gelobt. 1915 etwa berichtete die „Kölnische Volkszeitung“: „Die Askaris stehen mit unverbrüchlicher Treue zu uns“, sie seien „zielstrebig“ und kämpften „mit fantastischer Todesverachtung […] und Tapferkeit“. Die Zahl der Askaris Zahl stieg auf rund 15 000 Mann an. Unter der Führung von General Paul Emil von Lettow-Vorbeck waren sie am größten Ablenkungsmanöver des Krieges in Deutsch-Ostafrika beteiligt, wo sie in Gruppen von 20 oder 50 Mann alliierte Truppen und Züge angriffen.

Das Leben als Askari bot, laut Professor Stefanie Michels, Expertin für europäischen Kolonialismus an der Goethe Universität in Frankfurt am Main, die „Möglichkeit, Männlichkeit und Erwachsensein zu demonstrieren“. Die Uniformen waren für die Askaris ein Symbol von Prestige und Ehre. Beispielsweise schickte Chief Mitinginyy von den Ussongo seine Söhne freiwillig zu den Askaris. Verlockend war auch das Geld: Askaris bekamen zwischen 25 und 42 Mark pro Monat, kaum vergleichbar mit den 19 Mark, die den typischen Lohn für Plantagearbeiter in der gleichen Gegend darstellten. Zur Zeit des Krieges jedoch herrschten in Afrika, wie Stefanie Michels erklärt, Hunger und Mangel. Die Vorteile, die das Leben als Askari attraktiv gemacht hatten, fielen damit plötzlich weg.

Viele wechselten in den Dienst der Briten

Am Ende des Krieges kapitulierten 1200 Askaris mit Lettow-Vorbeck. Insgesamt wurden während des Krieges 290 Askaris getötet, rund 500 starben wegen Krankheit oder Hunger. Das Ende des deutschen Kolonialreiches bedeutete für die Mehrheit der Askaris die Rückreise nach Dar-es-Salaam, von wo aus sie dann nach Hause geschickt wurden. Es war schwierig für sie, wieder in die eigene Gesellschaft zurückzukehren, denn andere Afrikaner assoziierten vor allem Gewalt und Diebstahl mit ihnen und begegneten ihnen mit Misstrauen, Furcht und Hass. Denn manche der Askaris hatten die Privilegien ausgenutzt, die ihnen die Loyalität zum deutschen Kaiser eingebracht hatte. Viele zurückgekehrte Askaris wurden von Kolonialtruppen der Briten, den „King’s African Rifles“, rekrutiert, die ihre Begabungen noch einmal erkannten.

Nach dem Ersten Weltkrieg setzten vor allem die Kolonialbefürworter übertriebene Geschichten über die Loyalität der Askaris in die Welt und hielten die Erinnerung an sie lebendig. In der Weimarer Republik wurden sie gefeiert, allerdings mit dem klaren Hinweis, dass sie nur dank der Fähigkeit der Deutschen, die Askaris zu lenken und zu lehren, so erfolgreich gewesen wären.

Joshua Stein

 

Zuletzt geändert: 14.01.2015