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Der düstere König

Philipp II. von Spanien

Er gehört wohl zu den widersprüchlichsten Herrschergestalten überhaupt. König Philipp II. von Spanien regierte ein Weltreich, doch er tat es mit der Freudlosigkeit eines beflissenen Buchhalters.

Philipp II. herrschte über ein Weltreich. | © Rijksmuseum Amsterdam

 

Schon rein äußerlich war Philipp II. alles andere als ein „feuriger Spanier“. Mit seiner blassen Haut, den hellen Haaren und der typischen „Habsburger Unterlippe“ konnte man ihn nicht gerade als gut aussehenden Mann bezeichnen. So etwas wie Charme und Leutseligkeit gingen dem 1527 geborenen König völlig ab. Er trat mit jener steifen Würde und kühlen Beherrschtheit auf, wie sie dem spanischen Hochadel eigen war.

Hauptsache katholisch

Schon Philipps Kindheit war eher freudlos. Sein kaiserlicher Vater Karl V. hielt sich nur selten in Spanien auf. Meist erteilte er aus der Ferne schriftliche Instruktionen, die er für die Erziehung des künftigen Königs für angemessen hielt. Frömmigkeit und unbedingte Treue zur katholischen Kirche spielten dabei eine maßgebliche Rolle. Auch Griechisch und Latein standen auf dem Stundenplan, doch die modernen Fremdsprachen, die in seinem Weltreich gesprochen wurden, beherrschte Philipp später nur völlig unzureichend.
So etwas wie Nestwärme lernte der Junge niemals kennen. Isabella von Portugal, die strenge und kühle Mutter, starb, als Philipp erst zwölf Jahre alt war. Früh entwickelte sich der introvertierte Prinz zu einer vielseitig interessierten „Leseratte“. Als Erwachsener besaß er eine Bibliothek von mehreren Tausend Bänden, wobei er die religiösen Schriften eindeutig bevorzugte.

Ehe Nummer zwei geht er mit der „Bloody Mary“ ein

Philipps Kindheit endete, als der kaiserliche Vater den 16-Jährigen zu seinem Vertreter in Spanien ernannte. Im gleichen Jahr, 1543, heiratete er seine Cousine Maria von Portugal. Sie starb nur zwei Jahre später nach der Geburt ihres einzigen Kindes, jenes unglückseligen Sohnes, der als Don Carlos in die (Literatur-)Geschichte eingegangen ist.

Insgesamt war Philipp viermal verheiratet. Seine zweite Ehe schloss er 1554 mit der englischen Königin Maria Tudor, der berühmt-berüchtigten „Bloody Mary“. Eigentlich sollte diese Hochzeit garantieren, dass England dauerhaft im Schoß der römisch-katholischen Kirche verblieb. Doch Philipp mühte sich vergebens. Als auch Maria 1558 kinderlos starb und er selbst nach Spanien zurückkehrte, kam mit Elisabeth I. erneut eine Protestantin auf den englischen Thron.

Ehe Nummer vier mit seiner Nichte Anna von Österreich

Auch die dritte Ehe erfüllte einen politischen Zweck, nämlich den Ausgleich mit dem Erzrivalen Frankreich. Elisabeth von Valois, die Philipp 1559 zur Frau nahm, brachte fünf Kinder zur Welt, von denen aber nur die Töchter Isabella und Katharina überlebten. Nach neun Jahren musste Philipp nicht nur seine dritte Gemahlin zu Grabe tragen, sondern auch Carlos, den einzigen Sohn, der 1568 unter mysteriösen Umständen starb. Erst Philipps vierte und letzte Ehefrau, seine Nichte Anna von Österreich, schenkte ihm den ersehnten Thronfolger, den späteren König Philipp III.
Mit der Abdankung Karls V. 1556 wurde Philipp König von Spanien, beherrschte aber zugleich Teile Italiens, die Niederlande sowie die „Neue Welt“, ab 1580 in Personalunion auch Portugal, das Erbe seiner ersten Gemahlin. (Erst 1668 wird Portugal seine nationale Unabhängigkeit zurückgewinnen.) Da er sich von Gott selbst in sein Amt eingesetzt glaubte, nahm Philipp II. die Aufgabe sehr ernst: „Die erste und höchste Pflicht des Herrschers besteht darin, dass er für das ihm anvertraute Volk arbeitet“, lautete seine Maxime. Und doch vermied er nach Möglichkeit jede Begegnung mit seinen Untertanen.
Regierungsgeschäfte erledigte Philipp fast ausschließlich schriftlich. So stapelten sich Tag für Tag Berge von Berichten und Depeschen auf seinem Schreibtisch, die er gewissenhaft mit dem Fleiß eines Kanzleibeamten durcharbeitete, in späteren Jahren, wie man inzwischen weiß, benötigte er dazu eine Brille. „Kein Sekretär auf dieser Welt verbrauchte mehr Papier als Seine Majestät“, vermutete Kardinal Granvelle.

Dreimaliger Staatsbankrott

Doch nicht immer hatte Philipp bei der Arbeit im „stillen Kämmerlein“ eine glückliche Hand. Vor allem seine innenpolitischen Entscheidungen, der erbitterte Kampf gegen „Ketzer und Ungläubige“, hatten katastrophale Folgen. Indem er Protestanten, Mauren und getaufte Juden erbarmungslos durch die Inquisition verfolgen ließ, liquidierte er gerade die Teile der Bevölkerung, die aufgrund ihrer Arbeitskraft für Spaniens Wirtschaft von größter Bedeutung waren. Aber so wie Philipp jegliches Verständnis für Menschen anderer Religion und Wesensart fehlte, so hegte der schwermütige König auch ein tiefes Misstrauen gegenüber seinen eigenen Ratgebern. „Für sich allein zu sein ist sein größtes Vergnügen“, bemerkte der venezianische Beamte am spanischen Hof.
So häuften sich die Probleme. Die kostspieligen Kriege, die Spanien führte, verschlangen Millionen von Dukaten und die Schulden wuchsen dem Land allmählich über den Kopf. Obwohl Philipp II. über reiche Gold- und Silberschätze aus der „Neuen Welt“ verfügte, kam es während seiner Regierungszeit gleich dreimal zum Staatsbankrott: 1557, 1575 und 1596. In finanziellen Dingen war Philipp sichtlich überfordert, wie er auch selbst freimütig zugab: „Ich habe es nie geschafft, diese Probleme mit Anleihen und Zinsen in meinen Kopf zu bekommen, ich habe es nie geschafft, das zu verstehen.“

Mit der Armada zieht Philipp gegen Elisabeth I.

Auch außenpolitisch blieb der König ohne Fortüne. 1588 entschloss er sich, England mit seiner legendären Armada anzugreifen, nachdem Elisabeth I. die niederländischen Freiheitskämpfer unterstützt und die katholische Thronprätendentin Maria Stuart hatte hinrichten lassen. Doch Philipp war nicht darüber informiert, dass auch die Engländer inzwischen über eine schlagkräftige Kriegsflotte verfügten, deren Schiffe leichter und wendiger waren. Zudem kannten seine Feinde die Strömungen und Gezeiten im Kanal, was von unschätzbarem Vorteil war. Damit geriet das Unternehmen zum Fiasko. Während ein Teil der Armada im Ärmelkanal der englischen Flotte unterlag, wurden die übrigen spanischen Kriegsschiffe bei einem fürchterlichen Unwetter durch Sturm und Wellen zertrümmert. Die schrecklichen Verluste: 63 Schiffe und 14 000 Mann. Von diesem Trauma hat sich Philipp nicht mehr erholt, zumal sein Land in den 1590er Jahren auch noch in eine schwere Wirtschaftskrise geriet.

Philipp stirbt 1598 im Escorial

Am 13. September 1598 starb der düstere König in seinem Palast Escorial, steinernem Symbol seiner Herrschaft. Dieser Prachtbau aus grauem Granit repräsentierte nicht nur die weltliche Macht, er fungierte gleichzeitig als Hort der Frömmigkeit und Spiritualität, schließlich verstand sich der König als Gottes Sachwalter auf Erden. Bereits 1561 hatte Phi-lipp die spanische Hauptstadt von Toledo nach Madrid verlegt und den Auftrag erteilt, etwa 45 Kilometer nordwestlich einen neuen Herrschaftssitz errichten zu lassen. Er sollte als Verwaltungszentrum, Kloster und Grablege der spanischen Könige dienen. In den folgenden Jahren entstand ein monumentaler Renaissancebau mit äußerst ungewöhnlichem Grundriss. Nachdem spanische Kanonen wenige Jahre zuvor eine französische Kirche zerstört hatten, die dem heiligen Laurentius gewidmet war, wollte Philipp mit dem Bau seines Königspalasts Reue zeigen und Buße tun. Weil der heilige Laurentius der Legende nach den Märtyrertod auf einem Bratrost erlitten hatte, wurde der Grundriss entsprechend angelegt: Die Gebäude der Anlage gruppieren sich um 16 Innenhöfe.
Hier konnte Philipp so leben, wie er es wünschte, nicht umgeben von Höflingen, sondern von Priestern und Mönchen. Für sich selbst beanspruchte er in dem riesigen Bau lediglich drei klösterlich-bescheidene Räume, in denen er sich der Arbeit, dem Gebet und der Lektüre widmen konnte. Sie lagen direkt neben der Kirche, sodass Philipp von seinem Schlafgemach aus jederzeit auf den Hochaltar blicken konnte. Hier endete auch das Leben jenes seltsamen Königs, der sein Weltreich von einer kargen Klosterzelle aus regiert hatte …

Karin Feuerstein-Praßer

 

Zuletzt geändert: 14.10.2015