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Aufstand der Weber

„Heute machen wir Rebellion“

Nach 1750 führen technische Neuerungen in Großbritannien zu einer Umwälzung des Wirtschafts- und Arbeitslebens. Deutschland verschläft die Entwicklung – zum Brennspiegel der Probleme wird ein Weberaufstand.

Weben in Heimarbeit wurde durch die Erfindung automatischer Spinnmaschinen obsolet. | © istockphoto.com/ZU_09

Es ist Dienstag, der 4. Juni 1844, als Frau Fischer aus dem Fenster ihres kleinen Hauses schaut. Sie hat Stimmen gehört und will wissen, was los ist. Draußen laufen Männer vorbei – auch ihr 25 Jahre alter Sohn Johannes. Als er sie sieht, ruft er: „Heute machen wir Rebellion!“ Was er damit wohl meint? Er ist doch ein so ruhiger, ordentlicher Kerl. Frau Fischer kann nicht ahnen, dass die „Rebellion“ in ihrem kleinen Heimatort Peterswaldau in Schlesien in die Geschichte eingehen wird.

Hungerrevolte, Maschinensturm oder Klassenkampf?

Als „Aufstand der Weber“ inspiriert sie nicht nur Literaten wie Heinrich Heine und Gerhart Hauptmann und die Künstlerin Käthe Kollwitz. Sie beschäftigt auch Generationen von Historikern. Die einen interpretieren das Geschehen als Hungerrevolte, die anderen als proletarischen Klassenkampf, wieder andere als Maschinensturm. Heute herrscht Einigkeit darüber, dass es nichts von alldem gewesen ist, sondern ganz anders erklärt werden muss. Die Männer, die an jenem Junitag an Frau Fischers Haus vorbeiziehen, sind Baumwollweber. Seit Ende des 18. Jahrhunderts ist die Baumwollindustrie geradezu explodiert, vor allem in Großbritannien, das die Faser aus warmen Anbauländern einführt. Ursprünglich war das Säubern der Ernte so aufwendig, dass sich der Anbau selbst unter Einsatz von Sklaven nicht richtig lohnte. Doch seit 1793 gibt es die sogenannte Egreniermaschine oder Cotton Gin, die die Baumwollfasern von den Samen trennt. Sie macht es möglich, große Mengen Baumwolle profitabel zu ernten. Die Folge: Es wird viel mehr Baumwolle angebaut – und für die Ernte werden noch viel mehr Sklaven aus Afrika nach Amerika verschleppt.

Auch die Verarbeitung der Baumwolle hat sich durch eine neuartige Maschine von Grund auf verändert: Es ist die Spinning Jenny, eine Spinnmaschine mit mehreren gleichzeitig arbeitenden Spindeln. 1764 hat sie der englische Weber James Hargreaves erfunden. Was vorher vier bis acht Spinner hergestellt haben, schafft jetzt einer. Spinning Jenny revolutioniert  die britische Wirtschaft. Bis dahin hat die East India Company fertige Baumwollstoffe aus Indien eingeführt, nun importiert sie lediglich den Rohstoff, und die Verarbeitung findet auf der Insel statt. Statt teurer Einzelstücke entsteht billige Massenware. Plötzlich können sich auch einfache Leute Baumwollkleider leisten, und die haben viele Vorteile: Sie sind leichter, sie sind besser zu waschen und lassen sich einfach mit farbigen Mustern bedrucken. Kleider aus Leinen und Wolle will jetzt niemand mehr haben. King Cotton – König Baumwolle – regiert.

Auf Zerstörung von Webstühlen steht die Todesstrafe

Und die Entwicklung geht weiter: 1830 erfindet Richard Roberts die Selfacting Mule, eine automatische Spinnmaschine, die ganz ohne Menschen auskommt. Stattdessen wird sie mit Dampfkraft betrieben. Das ermöglicht die Dampfmaschine, die Wärmeenergie in mechanische umwandelt. 1712 von Thomas Newcomen erfunden, ist sie 1769 von James Watt entscheidend verbessert worden, sodass sie seitdem in allen möglichen Bereichen, etwa für Pumpen, Mühlen oder eben Textilmaschinen, genutzt werden kann.

Mit dem Spinnen wird auch das Weben automatisiert: 1784 erfindet der englische Pfarrer Edmund Cartwright die dampfbetriebene Webmaschine, die Power Loom. Sie löst einen Maschinensturm der arbeitslos gewordenen Weber aus – 1812 stellt das britische Parlament die Zerstörung von Maschinenwebstühlen sogar unter Todesstrafe. Zahllose Arbeitsplätze verschwinden durch diese Umwälzung, doch noch viel mehr entstehen neu. Andere Arbeitsplätze. Einstige Heimspinnerinnen bedienen und überwachen jetzt die Spinnmaschinen, Kinder führen Hilfsdienste aus. Sie alle arbeiten nicht mehr zu Hause, sondern in großen Hallen, wie sie als Erster ein gewisser Sir Richard Arkwright baut. Den Adelstitel hat er erst spät vom König bekommen, seine Herkunft ist denkbar bescheiden: Der einstige Barbier und Perückenmacher ist der Sohn eines Schneiders. Sein Aufstieg beginnt, als er 1769 ein Patent auf eine Waterframe anmeldet – eine Spinnmaschine, die von einem Wasserrad angetrieben wird.

Schornsteine wie auf einem Bild von der Hölle

Um Eisen für den Bau von Maschinen zu gewinnen, lassen findige Unternehmer Hochöfen errichten. Durch das Verbrennen von Kohle erzeugen diese Anlagen aus Eisenerz Roheisen. Sie sind Tag und Nacht in Betrieb. Vor allem bei Dunkelheit bieten sie einen Anblick wie auf einem apokalyptischen Höllenbild: Schornsteine qualmen, Feuer lodert empor, Funken sprühen. Als einer der Ersten hält der aus Frankreich stammende Maler Philipp Jakob Loutherbourg der Jüngere 1801 einen solchen Stahlofen in dem Ort Coalbrookdale fest. Er ist sich vermutlich nicht bewusst, dass er die Zukunft malt.

Dass all dies im Vereinigten Königreich geschieht, hat vielerlei Gründe. Einen trägt das Land schon im Namen: Es ist vereinigt, es kennt keine Grenzen und Zollschranken so wie die deutschen Staaten. Zudem lässt es sich einfach bereisen: entlang der Küste, über die vielen Kanäle oder über das gut ausgebaute Straßennetz. Die Bevölkerung wächst schnell, und eine fortschrittliche Landwirtschaft sorgt dafür, dass niemand Hunger leiden muss. Im Gegenteil, die Ernährung wird immer besser, und auch auf Hygiene wird mehr geachtet. Dazu kommt, dass in Großbritannien das Parlament bestimmt und kein absolutistischer König. Es gibt nicht viele Auflagen für die Wirtschaft, denn deren Vertreter sitzen ja selbst im Parlament. Die in Kontinentaleuropa so beherrschenden Zünfte haben nicht mehr viel zu sagen.

Massenarmut und Hunger breiten sich aus

Ein großer Vorteil sind auch die zusätzlichen Absatzgebiete für britische Waren in den Überseekolonien. Und wenn Deutschland das Land der Dichter und Denker ist, dann ist England das Land der Erfinder und Tüftler: Ein seit dem 17. Jahrhundert etabliertes Patentwesen gewährleistet, dass jeder sicher sein kann, selbst den verdienten Nutzen aus einer zündenden Idee zu ziehen.

Im Deutschen Reich ist das alles nicht oder nur in Ansätzen der Fall. Zwar wächst auch dort die Bevölkerung, aber weil die Wirtschaft noch in den alten Strukturen verhaftet ist, fehlt Arbeit. Die Folgen sind Massenarmut und Hunger – man spricht von Pauperismus. Nach dem Wegfall der napoleonischen Kontinentalsperre werden die deutschen Staaten mit englischen Waren überschwemmt. Spinner und Leinenweber verlieren dadurch ihre Existenzgrundlage. Bei den Baumwollwebern ist die Lage nicht so dramatisch. Aber auch ihre Gewinne werden kleiner und ihre Arbeitszeiten länger. Die Weber leiden darunter, dass Preußen mit einem Bein noch im Feudalzeitalter steht. Sie werden von zwei Herren zugleich ausgebeutet: Da ist der Gutsherr, der von seinen Untertanen wie zur Ritterzeit Abgaben eintreibt. Und da ist der Fabrikant, der den Webern ihr Garn zur Verfügung stellt und ihnen anschließend die fertigen Stoffe abkauft, wobei er die Preise diktiert. Das Weben selbst geschieht in Heimarbeit – die in England längst überholt ist.

Den Webern geht es um Lohngerechtigkeit

Immerhin haben die Baumwollweber noch etwas zu verlieren. Und deshalb sind sie es, die an jenem 4. Juni 1844 in Peterswaldau zum Haus des Fabrikanten Ernst Zwanziger marschieren. Der hat die Löhne besonders krass gekürzt und höhnt, die Weber könnten ja „Gras fressen“. Am Vortag, dem 3. Juni 1844, hat er einen Weberburschen festsetzen lassen, weil er ein Schmählied gesungen hat. Ihn wollen die Weber befreien, allerdings nicht mit Gewalt: „Nicht stürmen, sondern bloß reden“, lautet die Parole. Geordnet ziehen sie vor Zwanzigers nagelneue Villa und klopfen. Niemand öffnet. Dann wird aus dem Fenster eines Nebengebäudes auch noch mit Steinen nach den Webern geworfen. Jetzt ist es um ihre Beherrschung geschehen: Mit abgebrochenen Zaunlatten schlagen sie die Fensterscheiben ein und dringen ins Haus vor – auf der Rückseite macht sich die Fabrikantenfamilie derweil aus dem Staub. Die Weber lassen ihrer aufgestauten Wut freien Lauf: Sie verwüsten Geschäftsräume und Warenlager, werfen Zwanzigers Droschke in den Bach, zerschlagen seine Möbel, zerkratzen die Gemälde und schneiden die Betten auf. Am Abend trifft der Landrat ein, um dem Wüten ein Ende zu machen. Seine Forderung wird höflich, aber bestimmt zurückgewiesen. Später wird er sich an die „bemerkenswerte Ruhe“ erinnern, mit der alles vor sich ging. „Außer dem Zerbrechen und Zerschlagen der Zwanzigerschen Meubles war nichts hörbar und es erschien, als ob das Werk der Zerstörung ganz methodisch betrieben würde.“ Andere Fabrikanten, die besser zahlen, werden verschont, ja sogar mit einem Lebehoch bedacht. Von einem Klassenkampf kann keine Rede sein, es geht den Webern um Lohngerechtigkeit.

Elf Menschen sterben beim Weberaufstand

Auch auf Maschinen haben sie es nicht abgesehen. Dass gerade diese ihnen Probleme bereiten, erkennen sie nicht. Am nächsten Tag eskaliert die Lage: Die Weber verwüsten und plündern nun auch Fabrikantenhäuser im Nachbarort Langenbielau. Arbeiter wie Bürger solidarisieren sich mit ihnen. Als einige der Aufständischen auf eine Dampfmaschine stoßen, erschrecken sie so heftig über deren Zischen, dass sie das Weite suchen. Dann erscheinen mit einem Mal Soldaten. Die Weber lassen sich davon nicht beeindrucken, werfen Steine und lachen das Militär aus. Da lässt der kommandierende Major das Feuer eröffnen. Die Folge: elf Tote und 26 Verletzte. In den darauffolgenden Wochen kommen 112 Weber in Haft, und im August werden 80 von ihnen angeklagt und verurteilt. Johannes Fischer, der seiner Mutter zugerufen hat „Heute machen wir Rebellion!“, muss für drei Jahre ins Zuchthaus. Die schwerste Strafe sind neun Jahre für den Rädelsführer.

Der Richter kritisiert auch den Arbeitgeber

Der Vorsitzende Richter kann jedoch nicht umhin, die „drückende Not“ der Weber strafmildernd anzurechnen. Offen kritisiert er „die Härte des Handelshauses Zwanziger und Söhne“, die „die bedauerlichen Excesse provocirt hat“. Auch die Presse erhebt diesen Vorwurf, der Aufstand ist über Wochen ein Thema, ein „Schrei des Entsetzens“ (Kölnische Zeitung) hallt „durch ganz Deutschland“ – obwohl es vorher durchaus vergleichbare Aufstände gegeben hat, die viel weniger Beachtung gefunden haben. Doch diesmal ist die Zeit reif für eine öffentliche Auseinandersetzung über die sozialen Folgen der wirtschaftlichen Veränderungen. Zeitungsberichte etwa aus den Elendsvierteln der Städte haben den Weg dafür bereitet. Doch die Regierung bleibt stur: König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen ist davon überzeugt, dass Sozialisten oder Kommunisten den Aufstand angezettelt haben, auch wenn sich dafür nicht der geringste Beweis findet. Und so gibt es auch diesmal keine Reformen. Deutschland hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

Christoph Driessen

Der Artikel erschien erstmals in G/GESCHICHTE 11/2016 „Die Industrielle Revolution“

Zuletzt geändert: 17.8.2017