G/GESCHICHTE Mai 2011

Die DDR – Leben und Schicksale jenseits der Mauer

Liebe Leserinnen und Leser!

Wann wird eine Zeit zur Geschichte? Eine radikale Definition wäre: sobald die Erfahrung durch Erinnerung ersetzt wird. Denn beim Erinnern greift bereits der Intellekt ein, er interpretiert, verdrängt, beschönigt, erstellt seine Version des Erlebten – eine Entwicklung, die sich beim nächsten Schritt in die Geschichte noch verstärkt: dem Erzählen an die nächste Generation, die kein eigenes Erleben mehr Vorweisen kann.
Wie rasch sich dieser Prozess abspielen kann, dafür bietet die jüngste deutsche Geschichte ein eindrückliches, aber auch bedenkliches Beispiel. Für viele – zu viele? – Deutsche erscheint der „erste deutsche Arbeiter- und Bauernstaat“ nur 20 Jahre nach seinem unrühmlichen Ableben als Fußnote der Geschichte, als ein verdrängter Traum. Und nicht unbedingt als böser Albtraum, auch und gerade bei jenen, die den SED-Staat tatsächlich erfahren haben. Kann man all die Einschränkungen fundamentaler Bürgerrechte, die Bespitzelungen, die mörderische Mauer tatsächlich so schnell vergessen haben? Man kann es offenbar – nicht zuletzt als Reaktion auf westliche Arroganz, die diese 40 Jahre deutscher Geschichte mit einem Schulterzucken als historischen Irrtum abtut. Ignoriert wird dabei, dass dieser „Irrtum“ Lebensspannen von Millionen bedeutet, die sie nicht wieder zurückholen und neu beginnen können. Wer kann und will schon seine eigene Existenz „entsorgen“?
Der anstehende 50. Jahrestag des Mauerbaus sollte daher auf beiden Seiten des ehemaligen „antifaschistischen Schutzwalls“ Anlass zum Nachdenken sein, zum Abgleich der Erinnerungen mit den Erfahrungen. Die Westdeutschen, aber auch die nachgewachsene Generation sollten versuchen, sich das Leben jenseits der Mauer zu vergegenwärtigen, die täglichen Kämpfe, aber auch die kleinen Freuden und Erfolge. Und manche Ostalgiker sollten aufhören, Unentschultbares zu bemänteln, systematisches Staats-Unrecht zu verteidigen, das das Leben von Zehntausenden ruinierte. Lassen Sie uns versuchen, eine gemeinsame Erinnerung an 40 dramatische Jahre unser deutschen Geschichte zu entwickeln und sie so an kommende Generationen weiterzugeben.
Ihr
Dr. Franz Metzger
Herausgeber G/GESCHICHTE

 

Schwerpunkt dieser Ausgabe

Countdown zum Mauerbau
Ulbricht errichtet die Berliner Mauer

Stacheldraht und Todesstreifen
Die tödliche Grenze

2 x Deutschland
Der Weg zur Teilung

Die SED
Eine allmächtige Einheitspartei hat immer Recht

Aufbruch ins rote Utopia
Die DDR als Traum der Intellektuellen

17. Juni 1953
Der Volkszorn explodiert

Trabis, Datschen, FKK
Einblicke ins ostdeutsche Alltagsleben

Firma Horch & Guck
Die Staatssicherheit

Rübermachen
Abenteuerliche Fluchtgeschichten

Gegen den Strom
Der Mut der Dissidenten

Siegen für den Sozialismus
Sport als Propagandawaffe

Biedermann und Brandstifter
Erich Honeckerund seine Ära

Wir sind das Volk!
Der Mauerfall

 

Weitere Themen

Blickpunkt
125 Jahre Automobilgeschichte

Serie, Rätsel der Geschichte
Das Turiner Grabtuch

Geschichte im Alltag
Das Tattoo

Porträt
Albrecht Dürer

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