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Augsburg zur Fuggerzeit

Wenn arm auf reich trifft

Die Fuggerstadt Augsburg war am Übergang zur Neuzeit eine der reichsten Städte. Doch die Schere zwischen Arm und Reich klaffte immer weiter auseinander.

 

Augsgurg Stadtansicht

Augsburg erlebte in der Fuggerzeit eine Blüte. Viele Gebäude und Traditionen erinnern in der schwäbischen Stadt noch heute an diese Epoche. | © istockphoto.com/Sean Pavone

 

Stolz recken sie das Kinn empor aus breiten Kragen edlen Pelzes. Schwere dunkle Mäntel wallen, als die vornehmen Männer Augsburgs auf die Straße treten. Sie sind der Mittelpunkt der Szene, alle anderen rücken an den Rand, bis zur Bedeutungslosigkeit verdrängt.

Sie, die Macher, sind auch die Lenker. Die arme Mehrheit in der Stadt – für den Auftritt der Ratsherren ist sie allenfalls Staffage. Übermannshoch hängen heute vier „Augsburger Monatsbilder“ genannte Gemälde im Berliner Deutschen Historischen Museum einander gegenüber. Die Bilder stellen jeweils drei Monate des Jahres dar und gehören zu den aufschlussreichsten Stücken der erneuerten Dauerausstellung „Unter den Linden“. Anfang der 1990er-Jahre hat das Museum sie in London aus Privatbesitz ersteigert.

Generaldirektor Christoph Stölzl rühmte seinerzeit die Lust an der Lust, die die Bilder zelebrierten. Das Markttreiben vor dem Perlachturm, die üppigen Badeszenen, Turnier- und Erntedarstellungen finden sich heute in Schulbüchern wieder, als detailreiche Illustration deutschen Bürgeralltags im 16. Jahrhundert. Die Gemälde waren allerdings die Auftragsarbeit eines reichen Bürgers: Mit ihnen feiert die Augsburger Oberschicht vor allem sich selbst. Mit schweren Ketten behängt sitzen die Vornehmen beim Festmahl, kostbar beringte Finger greifen nach gebratenem Wild, Lauten erklingen, prachtvolle Silberteller blitzen.

Das Römische Reich ist ländlich geprägt

Die Augsburger Oberschicht zur Fuggerzeit war eine exklusive Gesellschaft, eine bürgerliche Elite mit Geschmack und Selbstbewusstsein, die sich alles leisten konnte, woran es den übrigen Einwohnern der Stadt immer wieder mangelte: Fleisch, Spezereien, Zucker. Manche ihrer Häuser glichen fürstlichen Palästen. Im Winter stellten die Familien ihren Reichtum bei  Schlittenfahrten zur Schau; Pferdegeschirr und Schlitten waren prächtig bemalt, die Rückenlehnen zeigten lustige Szenen, zahllose Schellen klangen. Geschlechtertänze, abgeschlossene Trinkstuben, Prozessionen und Turniere waren die Bühne für die großen und kleinen Lustbarkeiten der rund einhundert reichen Familien.

Die Augsburger Monatsbilder sind Gemälde. Wären sie Fotos eines Bildreporters, sähen sie wahrscheinlich anders aus. Dann wären auch die 4.000 Familien zu sehen, die sich kaum etwas leisten konnten, das große Heer der Tagelöhner und Saisonarbeiter, die kleinen Weber, jene breite Unterschicht der  Steuerbefreiten und Besitzlosen, der Handelsgehilfen, Handwerksgesellen und Lehrjungen, der Armen, Kranken und Bettler, der Abdecker und Henker. In den schmalen Gassen vor ihren engen Häusern stank es nach Abfall und Urin. In den dunklen Wohnstuben lebte man von der Hand in den Mund.

Auch im zeitgenössischen Nürnberg kannten die Bürger diese Not und nahmen sie zum Anlass, die Bauarbeiter schon mittags zu entlohnen – damit sie ihren Frauen das Geld geben konnten, wenn sie zum Essen nach Hause gingen, anstatt es nach Feierabend zu verjubeln. Augsburg wuchs enorm in diesen Jahren. Das Heilige Römische Reich war seinerzeit noch sehr ländlich geprägt; von 16 Millionen Menschen um 1500 lebten gerade 2,5 Millionen in Städten. Die meisten Orte zählten nicht mehr als einige Hundert Seelen. Doch immer mehr Knechte und Mägde flohen vom Land in die Stadt. Augsburg schloss bald auf zur Weltstadt Köln, die damals 4000 Einwohner hatte. 1428 lebten 14 400 Menschen in der Stadt am Lech, 1512 waren es knapp 20 000 und 1618 sogar 48 000. Die Arbeitskraft der Neuankömmlinge war der Grundstein zu Augsburgs Aufstieg zur europäischen Großstadt und zum internationalen Handelszentrum.

Die meisten Landflüchtlinge kamen mit nichts in der Hand. Laut Steuerordnung zählten zwei Drittel der Augsburger zur Unterschicht. Die Neubürger siedelten sich in den armen Vorstädten im Norden und Osten an. Wer aufstieg, zog in die Innenstadt – wie die Fugger, als sie eine Reihe von Häusern an der Maximilianstraße kauften. Auf einem realistischen Augsburger Monatsbild säße auch der Bettler im Zentrum, der am Rand der April-Szene einer Frau seinen Napf hinhält. Je stärker die Stadt im 16. Jahrhundert wuchs, desto öfter herrschte Mangel. Tausende wollten bauen, kochen, heizen – ein Kahlschlag in den Wäldern um Augsburg begann. Im Winter wurde das Brennholz knapp. Häufig mangelte es an Fleisch, das sich ohnehin nicht jeder leisten konnte.

Wucher ist an der Tagesordnung

Auch die medizinische Versorgung wurde schlechter. In den 1530er-Jahren empörten sich eingesessene Ärzte über „Zahnbrecher“, unausgebildete Scharlatane, die Zähne zogen, aber auch dubiose Arzneien wie Salbe gegen Flöhe herstellten. Wucher und Betrug verschärften die Not. Mancher Betrogene, der sein Erspartes verloren hatte, nahm den Strick, wie zeitgenössische Zeichnungen zeigen. Um die misstrauisch beäugten Müller und den Kornwucher zu bekämpfen, ließ die Stadt in eigenen Öfen Brot backen und verbilligt an die Armen verkaufen. 1531 beschränkte der Rat wegen der großen Teuerung zeitweise die Aufnahme weiterer Neubürger.

Die private Prachtentfaltung der reichen Familien entging den meisten einfachen Leuten. Einer, der Zugang hatte, schwärmte: „Raymund Fuggers Haus in der  Kleesattlergasse ist gleichfalls königlich und hat auf allen Seiten die angenehmste Aussicht in Gärten. Was erzeugt Italien für Pflanzen, die nicht darin anzutreffen wären! Was findet man darin für Lusthäuser, Blumenbeete, Bäume, Springbrunnen, die mit Erzbildern der Götter verziert sind!“ Hinter den »besseren« Häusern an den länglichen Parzellen Augsburgs lagen solch paradiesische Gärten, umsäumt von hohen Mauern, dieden Straßen dahinter das Licht nahmen.

Hinter den Häusern der ärmeren Bürger stand dagegen oft gleich das nächste. Öffentliche Parks wie in heutiger Zeit gab es nicht. Zum seltenen Genuss der Natur ging es vor die Mauern der Stadt. Augsburg war keine Ausnahme. Auch anderswo wohnte Arm neben Arm und Reich neben Reich. Der Status richtete sich nach der Zunft, der man angehörte. Und sollte man sich doch außerhalb seines Viertels über den Weg laufen, wahrte die Kleiderordnung die Hierarchie: Grafen, Ritter und andere Adlige durften Samt und Seide tragen, Gold- und Silberborten, goldene Ketten und Gürtel, so viel sie wollten. Bei den Doktoren, Bürgermeistern, Schöffen und Ratsfreunden wurde  schon genauer hingesehen: Höchstens eine Elle Samt oder Seide war erlaubt, zwei Ringe mussten genügen. Alle anderen waren zu einfachem Tuch verdonnert – Wert: höchstens einen Reichstaler die Elle! Silberne Gürtel und goldene Ringe waren der großen Mehrheit verboten, selbst wenn sie es sich leisten konnte, was selten vorkam: Jeder dritte städtische Haushalt war ohne Vermögen, ein weiteres Drittel besaß höchstens 250 Gulden, wie etwa die Trierer Quellen belegen.

Auch auf den Augsburger Monatsbildern sind es die Ratsherren, die die edelsten Roben tragen. Die dünne bürgerliche Oberschicht machte seinerzeit die Stadtherrschaft unter sich aus. Nach einem Aufstand der Handwerker 1368 hatten in Augsburg die Zünfte das Ruder in die Hand genommen. Das Bürgerrecht genossen nur die Oberschicht, die  Patrizier und alteingesessenen Geschlechter, sowie die Handelsleute und die zünftischen Handwerker, die die Mittelschicht bildeten. Kaufleute, Krämer und Verleger waren im Kleinen Rat überrepräsentiert. Fertigung und Handel mit Barchent hatte ihnen großen Wohlstand eingetragen – und damit die Macht in der Stadt.

Ein weiterer wichtiger Wirtschaftszweig Augsburgs wurde die Produktion von Luxusgütern. Großzügige Aufträge der reichen Handelsfamilien, der bayerischen Herzöge und anderer Fürstenhäuser füllten im 16. Jahrhundert die Bücher der Augsburger Silberschmiede: Reich geschmückte Hausaltäre, kostbarste  Tafelausstattungen, Kunstschränke aus Ebenholz verließen die Werkstätten der Lechstadt. Die Prachtstücke mit dem Beschauzeichen der Stadt – einem aufrecht stehenden Pinienzapfen – wurden bald in aller Herren Länder verkauft. Es ist ein Zeichen nicht nur des handwerklichen Einflusses, sondern auch der kulturellen Ausstrahlung der weltweit vernetzten Handelsstadt, dass die Stockholmer Silberschmiede besondere Meisterwerke „Augsburger Stück“ nannten. Ebenso genossen die Uhrmacher und Buchdrucker vom Lech internationales Ansehen. Nicht zuletzt sind die Augsburger Monatsbilder Ausdruck des enormen, wenn auch ungleich verteilten Reichtums der Stadt.

Burkhard Fraune

 

Zuletzt geändert: 14.10.2015