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Interview mit Fluchthelfer Joachim Rudolph

„Wir sahen es als unsere moralische Pflicht“

G/GESCHICHTE-Autorin Janina Lingenberg sprach mit Joachim Rudolph, der 1961 aus der DDR flüchtete und anschließend unter Einsatz seines eigenen Lebens auch anderen zur Flucht verhalf.

Bundesarchiv Bild Ost-Berlin

DDR-Propagandabild von 1961: Besucher des Ostteils der Stadt kehren zurück in den Westen und werden dabei am Brandenburger Tor kontrolliert. | © Bundesarchiv/Bild 183-85417-0003/Rudolf Hesse/CC BY-SA 3.0

Herr Rudolph, wie haben Sie den Bau der Mauer miterlebt? War für Sie klar, dass das eine Art Gefängnismauer werden würde?

Joachim Rudolph: Die Monate Juni, Juli und August waren unsere Semesterferien. Am 13. August 1961 war ich mit fünf Freunden auf einem Campingplatz auf der Insel Rügen. Früh wurden wir durch die Lautsprecheranlage informiert, dass „in Berlin nun endlich die Staatsgrenze geschlossen sei, und dass nun der Aufbau des Sozialismus ungestört durch Westberliner, Westdeutsche und amerikanische Spione, Diversanten und Kriegstreiber“ zügig fortgesetzt werden kann. Zwei meiner Freunde studierten bereits seit ihrem Abitur 1957 in Westberlin. Selbst diese beiden nahmen diese Mitteilung gar nicht ernst. Wie will man eine Stadt wie Berlin so teilen, dass niemand mehr die Grenze passieren kann? Das war für uns unvorstellbar. Schließlich war die gesamte Infrastruktur Berlins zusammenhängend: Elektro- und Wasserversorgung, öffentlicher Verkehr, Wasserver- und -entsorgung. Nach drei weiteren Tagen mit permanenter „Berieselung“ durch die Lautsprecheranlage wollten die beiden Weststudenten plötzlich nach Berlin zurück, um die Grenzschließung mit eigenen Augen zu sehen. Vor dem 13. August standen an jedem Grenzübergang zwei Polizisten in Uniform an dem Grenzschild. Jede Person konnte ungehindert und unkontrolliert in beiden Richtungen die Grenze passieren. Jetzt war quer über die Bernauer Straße ein Stacheldrahtzaun gespannt. Davor standen vier Grenzsoldaten in Uniform mit Stahlhelm und Maschinenpistolen. Als wir bei Dunkelheit dort ankamen, wurden wir bereits aus 50 Metern Entfernung angeschrien: „Stehenbleiben, Grenzgebiet, betreten verboten; sofort verschwinden, sonst wird von der Schusswaffe Gebrauch gemacht“. Es wurde uns erst in den folgenden Tagen und Wochen klar, dass die Grenzschließung wohl doch etwas länger Bestand haben wird.

Sie sind ja dann relativ zeitnah geflüchtet.

Joachim Rudolph: Am 1. September bin ich noch mit der vollen Absicht nach Dresden gefahren, dort mein Studium fortzusetzen und abzuschließen. Was ich aber dort noch gesehen und erlebt habe, hat mich dann nach zwei, dreischlaflosen Nächten in unserem Wohnheim veranlasst, mich auf eigenen Wunsch exmatrikulieren zu lassen. Ich wollte unbedingt zu meinen Freunden nach Berlin zurück, um mit ihnen zu diskutieren, wie es nun weiter geht und was wir nun tun werden und können. Einer meiner Freunde hatte bereits nach der Grenzschließung den Entschluss gefasst, einen Fluchtversuch nach Westberlin zu machen. Alles das geisterte in meinem Kopf herum. Ich habe keine Perspektive mehr für mich in der DDR gesehen. Ich war damals 22 Jahre alt und konnte und wollte  mir nicht vorstellen, den Rest meines Lebens in diesem unfreien, diktatorisch regierten Staat DDR zu verbringen. 

Nach zwei weiteren schlaflosen Nächten in Ostberlin habe ich dann zu diesem Freund gesagt: „Lass‘ uns gemeinsam einen Fluchtweg suchen und gemeinsam einen Fluchtversuch organisieren.“ In der Nacht vom 28. zum 29. September 1961 ist uns dann gemeinsam von der DDR, in Schildow, über ein großes Grasfeld und durch das Tegeler Fließ die Flucht nach Lübars gelungen.

„Die Geschichten wurden immer absurder und unrealistischer“

Warum haben Sie so vielen Menschen zur Flucht verholfen? Auch unter dem Einsatz Ihres Lebens. War es für Sie selbstverständlich? Oder war es auch Kampf gegen den sozialistischen Staat?

Joachim Rudolph: Diese Fragen sind für mich leicht zu beantworten. Erstens habe ich mich ja selbst trotz der Risiken zur Flucht aus der DDR entschlossen. Das war keine leichte und keine spontane Entscheidung, wegen meiner Familie, meinen Freunden und der Lebensgefahr. Deshalb konnte ich mir sehr gut vorstellen, in welcher Situation sich Menschen befinden, die mit ihrem Fluchtversuch noch länger gezögert hatten. Deshalb waren mein Freund und ich gern bereit, noch einmal die Risiken auf uns zu nehmen. Wir sahen es als unsere moralische Pflicht zu helfen. Zweitens durften ab dem September 1961 auch die Westberliner nicht mehr nach Ostberlin. Entsprechend war die Stimmung bei den Westberlinern geprägt von großen Aggressionen gegen alles, was mit der DDR zu tun hatte. Und wir waren ja in der Zwischenzeit auch West-Berliner geworden.
 Ein weiteres Motiv war, den Staat der DDR auf diese Art und Weise zu schädigen und „zu bekämpfen“.

Nun ist mehr Zeit ohne Mauer vergangen als mit ihr. Und gerade ist viel im vereinten Deutschland im Umbruch. Was möchten Sie den Menschen heute mitgeben?

Joachim Rudolph: Meine spätere Ehefrau war die Erste, die am 14.September 1962 durch unseren ersten Tunnel, den Tunnel 29 in der Bernauer Straße, gekommen war. Nach unseren Tunnelgeschichten haben wir uns bis circa 1996 nie mehr mit diesem Thema beschäftigt. Trotz vieler Anfragen haben wir uns nie für Interviews zur Verfügung gestellt. Aber einige andere Tunnelbauer und Flüchtlinge haben sich anders verhalten. Und dadurch wurden die Geschichten, die von denen vor der Kamera erzählt wurden, immer absurder und unrealistischer. Diese drei bis vier Tunnelbauer waren die vermeintlichen großen Helden. Wegen der damaligen Familie meiner späteren Frau ist der Tunnel eigentlich gebaut worden, aber deren Name kam in den späteren Interviews gar nicht mehr vor. Im Jahr 1999 kam erneut eine Anfrage wegen Mitarbeit an einem Dokumentarfilm zu unserem Tunnel. Dieser Film sollte eine Länge von 90 Minuten haben. Ich fragte meine Frau, ob wir uns nicht doch einmal vor die Kamera setzen sollten, um zu versuchen, die bisherigen Aussagen der Interviewten wieder etwas mehr in die Realität zurückzuholen. Und seitdem habe ich mich auch für Zeitzeugengespräche und für weitere Interviews zur Verfügung gestellt, zuerst in der Gedenkstätte Bernauer Straße und später auch in diversen anderen Institutionen. 
Und diesen Zeitzeugengesprächen, Interviews und Podiumsdiskussionen messe ich eine besondere Bedeutung bei. Ich versuche, den Schülern und Erwachsenengruppen zu vermitteln, was Menschen auf sich genommen haben, um einem unfreien, diktatorisch regierten System zu entfliehen, und wie wichtig diesen Menschen ein Leben in Freiheit war. Gelegentlich gebe ich den Schülergruppen auch den Hinweis, sie mögen wachsam sein und ihre Stimme bei den Wahlen einer der demokratischen Parteien geben, um ein langsames Hineindriften in ein solches unfreies System zu verhindern.

Das Interview führte Janina Lingenberg.

Zuletzt geändert: 25.05.2018