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(Alb)Traum Unabhängigkeit

Quo vadis, Schottland?

2014 hielt Schottland die Welt in Atem: Es stimmte über eine mögliche Unabhängigkeit ab. Die Entscheidung fiel nur knapp für den Verbleib im Vereinigten Königreich aus. Was wollen die Schotten wirklich?

Scottish Referendum 2014

Der Ausgang war denkbar knapp: 2014 stimmten 44,7 Prozent für die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien. | © istockphoto.com/George Clerk

von Karin Feuerstein-Praßer

Soll Schottland unabhängig werden? Am 18. September 2014 waren alle Bewohner Schottlands ab 16 Jahren aufgerufen, ihre Stimme abzugeben – auch Briten und EU-Bürger, die hier gerade ihren festen Wohnsitz hatten. Nicht stimmberechtigt waren gebürtige Schotten, die außerhalb ihres Heimatlands lebten. Das war nur einer der strittigen Punkte. Zu den Unklarheiten gehörte auch die Frage nach dem Rechtsstatus eines künftig unabhängigen Schottlands. Würde es als Rechtsnachfolger des Vereinigten Königreichs auftreten oder musste ein neu gebildeter Staat alle internationalen Verträge neu aushandeln, also auch die Mitgliedschaft in der EU, der Nato und den Vereinten Nationen?

In London schrillen die Alarmglocken

Das Ergebnis war knapp. Die Wahlbeteiligung lag bei circa 85 Prozent. 55,3 Prozent stimmten gegen die Unabhängigkeit, 44,7 Prozent dafür. In London schrillten die Alarmglocken: Premierminister David Cameron versprach den Schotten, ihre Rechte umgehend auszuweiten. Doch damit scheint das Thema nicht vom Tisch.

Dabei hatte es jahrhundertelang so ausgesehen, als hätten sich die Schotten daran gewöhnt, zum Vereinigten Königreich zu gehören. Ende des 17. Jahrhunderts fühlten sie sich zunächst benachteiligt. England besaß das Monopol für Handel mit Kolonien in Übersee, Schottland ging leer aus. Da schlug der reiche Unternehmer William Paterson 1695 vor, eine eigene Handelsgesellschaft zu gründen, die Company of Scotland. Sie sollte ihren Stützpunkt in Darién haben, einer Landenge im heutigen Panama, die Nord- und Südamerika miteinander verbindet. So hätte Schottland eine eigene Kolonie, New Caledonia.

Das Projekt einer schottischen Kolonie scheitert

Geplant war, von hier aus den Warenverkehr zwischen Südostasien und Europa zu organisieren, mit dem sich angeblich traumhafte Gewinne erzielen ließen. Die Schotten waren begeistert und opferten ein Vermögen, um das Projekt zu finanzieren. 1698 stachen fünf Schiffe in See, an Bord 1200 abenteuerlustige Siedler. Kaum angekommen, stellten sie fest, dass Paterson sie angelogen hatte. Zum einen gehörte Darién seit 1501 zu Spanien. Zum anderen erwies sich der Boden als wenig ergiebig. Am schlimmsten war das feuchtwarme Klima, das aus dem vermeintlichen Paradies eine Brutstätte für Krankheiten machte. Nach nur einem halben Jahr hatten Seuchen ein Viertel der Neuankömmlinge dahingerafft, den Übrigen drohte der Hungertod. Nun wussten sie auch, warum hier weit und breit keine Spanier zu sehen waren.

Im Sommer 1699 beschlossen sie, das Projekt aufzugeben und in die Heimat zurückzukehren.Das Abenteuer blieb nicht ohne Folgen. Schottland hatte sich hoffnungslos verschuldet und stand am Rand des Bankrotts. Da machte London ein Angebot, das der Nachbar kaum ablehnen konnte: Schottland sollte Teil des Vereinigten Königreichs werden. So würde es nicht nur seine Schulden los, sondern Freiheit in Seefahrt und Handel erhalten. Rechtssystem und Währung sollten bestehen bleiben, ebenso die reformierte Church of Scotland. So verloren die Schotten ihre Unabhängigkeit, nicht aber ihre nationale Identität.

Eine Zeit sind die Schotten stolz, Teil des Empires zu sein

1707 trat das schottische Parlament ein letztes Mal zusammen – um sich aufzulösen. Anfangs stieß die Union of the Crowns auf wenig Gegenliebe. Doch als ein Wirtschaftsaufschwung einsetzte, waren die Schotten stolz, Teil des Empires zu sein. Erst als die Wirtschaft in Folge des Ersten Weltkriegs kriselte und die Arbeitslosigkeit stieg, regte sich wieder der Wunsch nach Eigenständigkeit.Die 1934 gegründete Scottish National Party (SNP) setzte sich zunächst nicht für eine Loslösung ein, sondern kämpfte für mehr Rechte und ein eigenes Regionalparlament. Beflügelt wurde ihr Bestreben durch Öl, das in den 1970er-Jahren vor der schottischen Küste entdeckt wurde.

London wollte den Schotten 1978 endlich ihr eigenes Parlament wiedergeben – vorausgesetzt, sie sprachen sich in einer Volksabstimmung dafür aus. Doch die scheiterte an mangelndem Interesse. Nur 32,8 Prozent stimmten dafür. Das Thema schien erledigt, doch wenig später wurde Margaret Thatcher Premierministerin. Sie strich sämtliche Subventionen für die schwächelnde Industrie, sodass zwischen 1979 und 1981 ein Fünftel der schottischen Arbeitsplätze verloren ging. Der Ruf nach Unabhängigkeit wurde immer lauter.Tony Blair versuchte 1998, die Schotten mit einem Regionalparlament zu beschwichtigen. Es sollte die gleichen Kompetenzen erhalten wie das britische, abgesehen von einigen wie Außenpolitik. Im Mai 1999 war es soweit. Das eigene Parlament ließ den schottischen Nationalismus jedoch erst recht aufblühen.

Der Brexit beflügelt das Streben nach Unabhängigkeit

2007 ging die SNP als s stärkste Kraft aus den Wahlen hervor. Parteichef Alex Salmond forderte aus diesem Anlass die Volksabstimmung, die 2014 durchgeführt wurde. Die knappe Niederlage entmutigte die Befürworter der Unabhängigkeit nicht. Nicola Sturgeon, nach dem Rücktritt Alex Salmonds Regierungschefin und SNP-Vorsitzende, kündigte ein zweites Referendum an.

Der Brexit gab dem Unabhängigkeitsstreben 2016 neuen Auftrieb: 62 Prozent der Schotten stimmten für einen Verbleib in der EU. Doch bei den Wahlen im Juni 2017 kassierte die SNP eine Niederlage. In unsicheren Zeiten ist den Schotten wohl wirtschaftliche Stabilität und der Erhalt ihrer Arbeitsplätze wichtiger als Unabhängigkeit. Nicola Sturgeon hat daher eine Kehrtwende vollzogen und will sich künftig für einen weichen Brexit einsetzen, also den Verbleib Schottlands im europäischen Binnenmarkt.

Braucht England auch ein Regionalparlament?

Derweil holen die britischen Konservativen zum Gegenschlag aus. Bis heute unbeantwortet ist die sogenannte West Lothian-Frage, die 1977 der Abgeordnete Tam Dalyell aus West Lothian, einem der 32 schottischen Bezirke, stellte: Warum dürfen Abgeordnete aus Schottland, Wales und Nordirland in London die englische Politik mitbestimmen, während England, wo mehr als 80 Prozent der Briten leben, kein eigenes Regionalparlament hat? Ginge es nach den Konservativen, wäre die Antwort klar: Die Schotten hätten künftig bei rein englischen Angelegenheiten nichts mehr zu sagen.

Der Artikel erschien erstmals in G/GESCHICHTE 7/2018 „Schottland – Legenden der Highlands“

G/GESCHICHTE-Autorin Karin Feuerstein-Praßer ist Autorin zahlreicher Geschichtsbücher und Biografien historischer Persönlichkeiten, darunter „Liselotte von der Pfalz“ (Friedrich Pustet), „Bettgeschichten. Schlafzimmergeheimnisse aus fünf Jahrhunderten“ (Theiss) und „Die Frauen der Dichter“ (Piper).

Zuletzt geändert: 21.6.2018