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Wilde Zeit der Wikinger

Die Island-Sagas

Kein König soll über sie herrschen: Ab dem 9. Jahrhundert siedeln Wikinger auf Island und gründen einen Staat freier Bauern. Doch blutige Fehden zermürben das Land. Die Isländersagas berichten.

Island

Trotz seiner rauen Landschaft war Island im frühen Mittelalter eine Art Amerika und zog zahlreiche neue Siedler an. Von dieser Zeit erzählen die Isländer-Sagas. | © istockphoto/Wild-Places

 

Flammen schießen aus dem Dachstuhl. Funkensprühend stürzen Balken herab. Irgendwo in dem Inferno liegt Njal mit Frau und Enkel und wartet auf den Tod. Njals Sohn Helge versucht, den Flammen zu entfliehen, doch Flose und seine Mannen haben das brennende Haus umstellt. Er rennt „herbei und haut Helge in den Hals, dass sein Haupt zur Erde fliegt“. So endet der tragische Höhepunkt der Njals Saga, der kunstvollsten der vierzig überlieferten Islandsagas. In klarer, zuweilen drastischer Prosa erzählen sie von Leben und Tod in der Blütezeit einer damals einzigartigen Nation. Sie beschreiben eine archaische Welt, in der Ehre alles ist und ein Menschenleben bezahlbar. Doch so grausam und rückständig diese Welt scheint, in manchem ist sie erstaunlich modern.

Vor allem aber ist sie eine untergegangene Welt. Als ein namenloser Autor Ende des 13. Jahrhunderts die Njals Saga niederschreibt, sind nur wenige Jahre vergangen, seit die Isländer sich dem norwegischen König unterworfen haben. Das Ende von mehr als 300 Jahren Unabhängigkeit. Die ersten Siedler landen wohl ab 870 auf dem kargen Eiland. Sie sind Wikinger aus Norwegen, Bauern zumeist, und haben 1.000 Kilometer auf offener See hinter sich. Die Reise ist gefährlich, viele kommen niemals an. Warum sich dennoch Tausende auf den Weg machen, hat unterschiedliche Gründe. Viele wollen der Landknappheit in ihrer Heimat entfliehen. Manche sind verurteilte Straftäter. Einige kommen um der Freiheit willen. Im 9. Jahrhundert vereint Harald Schönhaar Norwegen unter seiner Herrschaft und verlangt Abgaben von seinen Untertanen. Für sie wird Island zum Amerika des frühen Mittelalters.

Island wird zum Amerika des frühen Mittelalters

Schon bald nach 870 leben wohl 20.000 Menschen auf der kleinen Insel im Nordatlantik. Jeder nimmt, was er kriegen kann, steckt sich so viel Land ab, wie er braucht. Noch ist Platz. Erst um 930 endet diese Zeit der „Landnahme“, halten die Isländer ihre Insel für genug besiedelt. Doch immer mehr Siedler drängen nach, denn obwohl das Leben auf Island hart ist – lange Winter, Treibeis und regelmäßige Vulkanausbrüche erschweren den täglichen Überlebenskampf –, ist das Land fruchtbar. Immer häufiger entbrennt Streit um Weideland, um Vieh und Fischfang. Konflikte enden oft blutig.

In ihrer skandinavischen Heimat haben die Isländer solche Angelegenheiten auf einer lokalen Versammlung geregelt, dem Thing. Auf Island wird wohl um 900 erstmals ein solches Treffen abgehalten. Was lokal nicht geklärt werden kann, wird auf dem Althing vorgebracht, einem überregionalen Thing, das ab 930 jeden Sommer zwischen den Lavafelsen der Thingvellir stattfindet. Dominiert werden diese Inselparlamente von den Goden: Großbauern, die eine breite Gefolgschaft um sich versammeln konnten. Die Goden stellen sich bei Streitigkeiten schützend vor ihre Anhänger, verlangen im Gegenzug jedoch Gefolgschaft. Anders aber als in den feudalen Gesellschaften Kontinentaleuropas, ist auf Island jedem Mann freigestellt, welchem Goden er sich anschließt. So wählen die Isländer ihre Herren selbst, auf dem Althing sprechen die Vertreter freier Männer.

Blutrache gilt als legitimes Mittel

Aus ihrer Mitte ernennen die Goden einen Gesetzessprecher. Für eine Zeit von drei Jahren übernimmt dieser die Aufgabe eines Schiedsrichters. Auf dem ersten Althing werden die Gesetze vereinheitlicht, ein hier gesprochenes Urteil hat fortan auf der ganzen Insel Gültigkeit. Doch gibt es keine Exekutive, der Gewinner eines Streits muss das Urteil selbst vollstrecken. Fehlt ihm dazu die Macht, ist es wirkungslos und so zählt häufig auch weiter das Recht des Stärkeren.

Neben Land und Besitz ist der Erhalt der Familienehre ein häufiger Grund für Konflikte. In einer Gesellschaft, die keinem König Loyalität schuldet, ist die Familie alles und ihre Ehre zu verteidigen die Pflicht jedes Einzelnen. Die Blutrache gilt den Wikingern auf Island dafür als legitimes Mittel. Selbst scheinbar kleinste Kränkungen stürzen Familien in Jahrzehnte währende, blutige Fehden. Hat der Kreislauf aus Mord und Rache erst einmal begonnen, kann selbst die Vermittlung des Althings ihn kaum aufhalten. Oft endet eine Fehde erst, wenn auf beiden Seiten niemand mehr in der Lage ist, Rache zu üben.

Der Norwegerkönig sichert den Frieden gegen Treue

Im 12. Jahrhundert hat sich die Bevölkerung Islands mehr als verdoppelt. Die Kämpfe um Land, Macht und Ehre eskalieren und weiten sich zu einem regelrechten Bürgerkrieg aus. 1262 schließlich müssen die auf ihre Freiheit so stolzen Isländer König Haakon von Norwegen um Hilfe bitten. Dieser verspricht, den Frieden zu sichern, doch die Bewohner Islands müssen ihm die Treue schwören. So endet das Experiment des isländischen Freistaats. Die Blutrache wird per Gesetz verboten.

Das im Nachhinein als golden empfundene Sagazeitalter, die in den Sagas geschilderte Zeit der Macht des Althings und des relativen Friedens, währte nicht lange: nur etwa hundert Jahre, von 930 bis 1030. Der Autor der Njals Saga erinnert halb verächtlich, halb wehmütig an diese verlorene Welt. Ihre Konflikte führten die Menschen wieder in die Abhängigkeit, schenkten ihnen aber auch die Würde der Freiheit.

 

Svenja Muche

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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