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George Mallory und Andrew Irvine

Erste auf dem Mount Everest?

Edmund Hillary und Tenzing Norgay waren die ersten, die den Mount Everest bezwangen und heil wieder herunterkamen. Aber waren vor ihnen schon George Mallory und Andrew Irvine auf dem Gipfel?

Mount Everest

Waren George Mallory und Andrew Irvine die Ersten auf dem Mount Everest? | ©  istockphoto/gniedzieska

 

Mallory, Lehrer einer angesehenen Privatschule und erfahrener Bergsteiger, war 1921 Mitglied einer britischen Expedition, die vom Dalai Lama die Erlaubnis erhalten hatte, das Everestgebiet von der tibetischen Nordseite her zu vermessen und zu erkunden. Nepal verweigerte damals noch den Zugang. Das britische Team überschritt dann zwar die Grenze und erkundete auch die Verhältnisse auf der Südflanke des Berggiganten, Mallory und seine Kollegen vermuteten aber weiterhin den besten Weg zum Gipfel über den Rongbuk-Gletscher im Norden. Von dort stießen die Briten zum 7.000 Meter hohen Nordpass vor, und Mallory war sich sicher, dass man den Gipfel über den Nordostgrat erreichen konnte. Das Hauptproblem waren die drei Felsabsätze (First, Second und Third Step) unterhalb der Gipfelpyramide. Im Jahr darauf kehrte eine weitere Expedition mit Mallory nach Tibet zurück, die auf der ausgesuchten Route 8.300 Meter Höhe erreichte. Dann begann die Monsunzeit, und als Mallory trotz des schlechten Wetters einen weiteren Anlauf unternahm, starben sieben Sherpas in einer Lawine.

Rätsel um zwei schwarze Punkte

1924 unternahm die Royal Geographic Society den nächsten Anlauf, den Everest zu bezwingen. Der inzwischen 37-jährige Mallory war der unbestrittene Chef des Bergsteigerteams, und so begann er mit dem jungen Studenten Andrew Irvine am 4. Juni den entscheidenden Angriff, bei dem der Geologe Noel Odell als Beobachter und eventueller Hilfstrupp bereitstand. Odell beschrieb später seine Beobachtungen am Mittag des 8. Juni: „Um 12:50 … klärte sich plötzlich die Atmosphäre; der gesamte Gipfelgrat und der oberste Gipfel des Everest waren frei zu sehen. Meine Augen fixierten sich auf einen winzigen schwarzen Punkt, der sich vor einer kleinen Schneewächte unterhalb eines Felsabsatzes auf dem Grat abhob. Der schwarze Punkt bewegte sich. Dann erschien ein zweiter schwarzer Punkt und bewegte sich den Schnee hinauf, um sich mit dem anderen auf der Wächte zu treffen. Der erste ging dann den Felsabsatz an und erschien nochmals kurz an dessen Spitze; der zweite tat dies ebenso. Dann verschwand die ganze faszinierende Vision, erneut von Wolken verhüllt.“

Dies war das letzte Lebenszeichen von Mallory und Irvine. Sie starben an diesem 8. Juni oder in der folgenden Nacht am Everest. Die Frage blieb: noch beim Aufstieg oder beim Abstieg nach einem eventuell erfolgreichen Gipfelsturm?  Sollte es sich bei dem von Odell geschilderten Felsabsatz um den „Second Step“ gehandelt haben, hätten die beiden Bergsteiger die schwierigste Stellen überwunden gehabt und hätten – gefährlich spät, aber noch vor Anbruch der Dunkelheit – den Gipfel erreichen können.

Was verraten die Leichen?

Die einzigen Zeugen dessen, was am Everest tatsächlich geschah, waren die beiden Bergsteiger. Ihre Leichen könnten Beweise liefern, mussten aber erst einmal gefunden werden. Eine erste Suchexpedition hatte lediglich Irvines Eispickel auf rund 8.100 Metern Höhe bergen können. 1975 berichteten chinesische Bergsteiger von der Leiche eines Europäers in der Nordostwand, und dank ihrer Angaben stieß eine Suchexpedition tatsächlich auf einen mumifizierten Toten, der über seine Kleidungsstücke als George Mallory identifiziert wurde – für die Forscher insofern eine kleine Enttäuschung, da sie gehofft hatten, mit Irvine auch dessen Kamera zu finden. Ein Gipfelfoto hätte jeden Zweifel beseitigt! Mallorys Leiche verriet immerhin einiges über seine letzten Augenblicke: Ein gerissenes Seil deutet darauf hin, dass er und Irvine miteinander verbunden waren und gemeinsam abstürzten. Aus nicht allzu großer Höhe, dafür waren die Verletzungen an Mallorys Körper nicht schwer genug. Tödlich dagegen dürfte ein Schlag des Eispickels gegen die Stirn gewesen sein, der während des Sturzes erfolgt sein musste. Doch wann kam es zu dem Unfall?

Ein fehlendes Foto als Beweis

Das Hauptargument der „Mallorianer“ für einen Erfolg am Everest ist ein fehlendes Foto: Mallory hatte das Bild seiner Frau bei sich, um es am Gipfel zurückzulassen. In seinen Taschen war es nirgends zu finden – hatte er seinen Vorsatz also erfüllt? Keiner der späteren Everest-Bezwinger fand aber ein Foto oder sonstige Spuren auf dem Gipfel. Dann hatte Mallory seine Sonnengläser in die Tasche gesteckt. Er musste demnach nach Sonnenuntergang unterwegs gewesen sein, und wo war er in der Zeit nach Odells Beobachtung gewesen, wenn nicht auf dem Gipfel? Dass sich dieser mehrmals über den genauen Ort korrigierte, an dem er die beiden „schwarzen Punkte“ gesehen hatte, half der Argumentation ebenso wenig wie Vermutungen, Mallory habe zwei Paar Sonnengläser bei sich gehabt. Experten haben zudem errechnet, dass die Sauerstoffvorräte für die beiden Bergsteiger im berechneten Zeitplan nicht ausreichend waren. Es sei denn, Mallory hätte Irvine zurückgelassen, um den Gipfel alleine zu erstürmen. Doch dagegen spricht wiederum das gerissene Verbindungsseil.

Die Spekulationen werden also weitergehen, zumindest so lange, bis eines Tages doch noch Irvines Leiche und sein Fotoapparat gefunden werden. Was sich daraus auch noch ergeben mag: Zu einer erfolgreichen Erstbegehung gehört auch das Heil-Zurückkehren. Mallory und Irvine bleiben die tragisch Gescheiterten.

Franz Metzger

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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