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Die Schädelpyramiden von Isfahan

Timur der Schreckliche

Die islamische Welt des Jahres 1256 zittert. Überflutungen, Erdbeben und Feuersbrünste halten die Arabische Halbinsel in Atem. Sind die Naturereignisse vielleicht sogar Vorzeichen für politische Umwälzungen?

Timur-Statue in Taschkent

Statue von Timur Lenk, auch bekannt als Tamerlan, in Taschkent. Im 14. Jahrhundert verbreitete der Feldherr in Persien Angst und Schrecken. | ©  istockphoto/Gim42

Sterndeuter sagen eine düstere Zukunft voraus. Der Damaszener Chronist Abu Sama glaubt nicht daran. Doch nur zwei Jahre später muss er seine Meinung revidieren: „Brände im Hedschas, in Flammen die Moschee, und von den Fluten ganz verheert die Stadt des Friedens! Ein Jahr noch ging dahin und dann ein halbes, und Bagdad wurde Opfer der Tatarenhorden“, dichtet er sein bitteres Resümee. Die „Tatarenhorden“ sind die Truppen des mongolischen Feldherrn Hülegü. Der Enkel des 1227 verstorbenen „Welteroberers“ Dschingis Khan hatte Bagdad 1258 nach knapp einwöchiger Belagerung im Sturm genommen. Die Sterndeuter haben Recht behalten. Der letzte Kalif der Abbasiden stirbt vermutlich durch Fußtritte, eingehüllt in einen Sack. Die abergläubischen Mongolen wollen so verhindern, dass Blut auf den Boden gelangt und Rachegeister die Mörder des Kalifen verfolgen.

Dschingis Khan als Vorbild

Bagdad ist gefallen. Die Stadt ist aber nur ein Teil eines großen Plans der Mongolen. Nachdem bereits Dschingis Khan weite Teile des heutigen Irans erobert hatte, vereinigt Hülegü 1256 die von verschiedenen Fürsten regierten Teilgebiete unter seiner Herrschaft. Der Bruder des amtierenden Großkhans Möngke begründet dort die Dynastie der Il-Khane. De facto besteht das Mongolische Reich zu diesem Zeitpunkt aus vier eigenständigen, „Ulus“ genannten Gebieten. Neben Hülegüs Il-Khanat herrschen Mongolen von Osteuropa bis China. Der heutige Nahe Osten rückt jetzt in den Fokus der erfolgsverwöhnten Eroberer. Die letzte islamische Großmacht Ägypten kann den Angriff Hülegüs 1260 allerdings abwehren. Am Goliathquell in Palästina müssen sich die gefürchteten mongolischen Reiter geschlagen geben. Die Herrschaft über Persien wird allerdings nahezu ein Jahrhundert lang von Täbris aus in den Händen von Hülegü und seinen Nachfolgern bleiben.

Der Islam setzt sich in Persien durch

Einer dieser Nachfolger, Ghazan, weiß sich Mitte des 13. Jahrhunderts nur durch einen Kniff vor seinen innenpolitischen Feinden zu retten: Der Il-Khan tritt zu dem in der Region verbreiteten Islam über. Damit will er die Position seiner Dynastie festigen, und die Muslime in den umliegenden Herrschaftsgebieten sollen Gazan und seine Parteigänger gegen etwaige Gegner unterstützen. Der Konvertit sucht sogar Sufi-Gelehrte auf, um sich überirdischen Beistand zu erbitten. Das hält ihn und die übrigen Mongolen des Il-Khanats  allerdings nicht davon ab, ihrem Reich bald auch das muslimische Samarkand einzuverleiben. Der Islam braucht etwas Zeit, um von den Mongolen in Persien anerkannt zu werden. Die „Jasa“ genannte, traditionelle mongolische Rechtsordnung war zuvor einfacher anzuwenden als die immer wieder verschiedenen gedeuteten Worte des Propheten Mohammed. Schließlich setzt sich die  neue Glaubensrichtung aber durch.

Neben der Religion verändert sich allmählich auch der Alltag der neuen Herrscher Persiens. Die Steppennomaden integrieren sich als Fürsten und „Sultane des Islams“ in das bestehende bürokratisierte Staatswesen: Der Sattel weicht dem Thron. Statt bewaffneten Wanderhirtenverbänden tragen nun besoldete Berufssoldaten Konflikte für die Il-Khane aus. Nach dem Tod des Il-Khans Abu Said 1335 zerbricht die von Hülegü begründete Dynastie in den Wirren der Nachfolge. Wenig später tritt ein Feldherr auf den Plan, der unter verschiedenen Namen bekannt ist, aber unter jedem von ihnen Schrecken verbreitet: Timur Lenk. Der Eroberer, der seine eigene Dynastie der Timuriden begründt, ist auch unter dem Namen Tamerlan bekannt. Der Name „Lenk“, lahm, spielt auf körperliche Gebrechen des Herrschers an: Offenbar hinkte Timur.

Die Soldaten sollen Schädel sammeln

Die ersten Lebensjahre des „Schrecklichen“ liegen im Nebel der Geschichte verborgen. In Transoxanien, nordöstlich Persiens gelegen, schwingt sich Timur zum Sultan auf. Wichtige Leitbilder des turk-mongolischen Kriegsherrn sind die Verehrung von Dschingis Khan und dessen Nachfolgern und die Befolgung des Islam. Dem gläubigen Muslim gelingt es sogar, seine Familie mit Nachkommen des verehrten Glaubensgründers zu verbinden. Bekannt ist Timur aber nicht für seine Heiratspolitik; vor allem ebenso erfolgreiche wie grausame Feldzüge haben den Transoxanier berüchtigt gemacht. Besonders das Massaker von Isfahan im November 1387 brennt sich ins kollektive Gedächtnis von Freund und Feind ein: Nach der siegreichen Eroberung der Stadt ergeht der Befehl an die Soldaten, Schädel zu sammeln. Außerhalb der Stadtmauern werden die abgetrennten Köpfe der Bevölkerung in Pyramiden gestapelt. „Auf der einen Seite zählten wir achtundzwanzig aus Köpfen errichtete Pyramiden, deren jede mehr als eintausend Schädel enthielt – bis zu zweitausend. Und auf der anderen Seite der Stadt war es genauso“, berichtet ein Zeuge. Nicht alle Soldaten Timurs teilten anscheinend die Kaltblütigkeit ihres Anführers: Die abgeschlagenen Köpfe werden untereinander gehandelt. Zu Anfang der Mordaktionen kostet ein Kopf noch 20 Dinare. Als alle Soldaten versorgt sind, werden die besonders eifrigen Schlächter ihre überzählige Beute nicht einmal für einen halben Dinar los.

Blutige Legenden überdauern den Tod Timurs

Solche Aktionen heben Timur selbst unter den nicht weniger zimperlichen Feldherren seiner Epoche hervor. Anders als andere Heerführer setzte er derartige Mittel kühl berechnend und absolut gnadenlos immer wieder ein. So wird sein Ruf einer der mächtigsten Pfeile im Köcher des Fürsten. Bis nach Indien und Moskau dringt er mit seinen Kriegern vor. Und auch mit Kriegerinnen. Diese verrichten genau wie die Männer den Dienst an Lanze, Schwert und Bogen – und noch mehr, wie Timurs Biograf Ibn Arabsah beschreibt: „Wenn eine von ihnen schwanger ist, verlässt sie den Weg und gebiert, sitzt wieder auf und holt ihre Leute ein.“

An der Spitze seiner schlagkräftigen Truppen reißt Timur  das Erbe der Il-Khane an sich. Mit List und harter Hand zerschlägt er die im Iran wieder einmal konkurrierenden Kleindynastien und etabliert eine neue Ordnung. „Der Lahme“ hat keine große Mühe, die Herrschaft über die teils hoffnungslos unterlegenen Gebiete zu übernehmen. Diese werden allerdings keine Stiefkinder des Reiches. Zwar residiert Tamerlan in Samarkand, doch auch Täbris bleibt von Bedeutung. 1405 stirbt Timur Lenk. Während die blutrünstigen Legenden den Tod des Feldherrn überdauern, zerfällt sein Reich in Persien mit dem Ende seiner Herrschaft. Nur im Osten des heutigen Iran kann sich die Dynastie der Timuriden noch etwa ein Jahrhundert lang halten. Im Westen herrschen turkmenische Reiterverbände. Aus den großen Reichen auf persischem Boden ist kurzzeitig wieder eine Steppe geworden, die von Nomaden durchzogen wird – Nomaden wie die Vorfahren Hülegüs und Timurs.

Christoph Koitka

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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