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Spöttische Oper

Die „Savoy-Opern“ von Gilbert und Sullivan

Im 19. Jahrhundert begründeten der Komponist Arthur Sullivan und der Schriftsteller und Librettist William Schwenck Gilbert die englische „Nationaloper“.

Plakat für die Aufführung einer Gilbert & Sullivan Oper aus den 1890er-Jahren in Amerika. | © Library of Congress

 

Das besondere an dieser neuen Art von Oper: Sie war vor allem komisch. Ein Richter, der ungerührt über ein Vergehen urteilt, dessen er sich selbst schuldig gemacht hatte, ein Oberster Seelord, der niemals die Meere befuhr, ein Herrscher, dessen Lieblingsbeschäftigung es ist, sich möglich sadistische Strafen für gesellschaftliche Fehltritte auszudenken, und ein Loblied auf das House of Lords, das nie etwas Sinnvolles getan habe, das aber sehr gut: Solche Typen und Ideen erwartet man im politischen Kabarett oder in Satire-Magazinen. In Großbritannien – und allen anderen Ländern des angelsächsischen Kulturkreises – trifft man sie aber auf der Opernbühne, und das seit über 130 Jahren, mal in Original Kontext und Kostümen, mal in pfiffiger Aktualisierung, aber stets vor vollen Häusern. Die Namen „Gilbert & Sullivan“ sind zu einer Marke geworden. Die zwei Männer, die hinter dem Namen stecken, führten das englische Musiktheater zu einem Höhepunkt.

Im 19. Jahrhundert steht es schlecht um Englands Theater

Beides – das englische Theater und die englische Musik – befanden sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem kläglichen Zustand. Ein neuer Shakespeare war ebenso wenig in Sicht wie würdige Nachfolger eines Henry Purcell oder Georg Friedrich Händel. Was als Komödie auf die Bretter gestellt wurde, war Gossenwitz auf unterstem Niveau, und ein Theaterbesuch galt als eher anrüchiges Vergnügen. Das zu ändern, nahm sich der 1836 geborene William Schwenck Gilbert vor. Sein deutscher mittlerer Name stammt von seinen Pateneltern. Nachdem er weder als Militär noch als Anwalt Karriere machte, entdeckte er sein komisches Schreibtalent. Er verfasste beliebte Glossen und Beiträge für Satiremagazine, wurde für seine heiteren Verse gefeiert und hatte Erfolg als Komödienautor. In seine Stücke konnte man nicht nur unbesorgt „seine zwölfjährige Tochter mitnehmen“, wie es Gilbert selbst beschrieb; sie unterhielten mit Geist und Witz.

Sullivan hatte zuerst finanzielle Motive

Dass man witzige – und gleichzeitig zeit- und gesellschaftskritische – Texte mit der passenden Musik versehen noch besser ans Publikum bringen kann, dafür lieferte seit den 1850er-Jahren der Deutsch-Franzose Jacques Offenbach europaweit gefeierte Vorlagen. Als Vorspiel zur Offenbach-Operette „La Perichole“ kam 1875 dann auch die erste Gilbert-Komödie mit der Musik von Arthur Sullivan auf eine Londoner Bühne: der Einakter „Trial by Jury“. Er wurde ein überwältigender Erfolg und der Beginn einer über 20 Jahre dauernden fruchtbaren Partnerschaft.

Arthur Sullivan (1844 geboren und damals noch ohne Sir) hatte dabei lange gezögert, sich auf diese Zusammenarbeit einzulassen. Der Komponist und Musikpädagoge verstand sich als „seriöser Musiker“, der der englischen Musik endlich wieder den angemessenen Stellenwert verschaffen wollte. Sein Lebenswerk, das von Liedvertonungen über Symphonien und Oratorien bis zur großen Oper reichte, war eindrucksvoll, sowohl was die Menge als auch die Qualität anging. Nur, die erhoffte Begründung einer englischen Großen-Operntradition gelang auch ihm nicht. Es waren letztendlich schlicht finanzielle Überlegungen, die Sullivan dazu brachten, sein Talent an Gilberts Verse auszulassen – womit er dann doch eine englische „Nationaloper“ begründete.

Logik wird auf den Kopf gestellt

Dass die Zusammenarbeit zweier eigenwilliger Charaktere überhaupt funktionierte – und nach wiederholten Zerwürfnissen fortgesetzt wurde – war dem „Dritten im Bunde“ zu verdanken, dem Theater-Impresario Richard D’Oyle Carte (1844–1901). Der agierte nicht nur als Inspirator und Friedensstifter, er entwickelte „Gilbert & Sullivan“ auch zum Markenzeichen, für dessen komische Opern er sogar ein eigenes Haus, das Savoy-Theater errichtete. Die 14 Kooperations-Werke wurden daher auch als die „Savoy Operas“ bekannt. Deren verbindendes Element ist die auf den Kopf gestellt Logik – Gilbert nannte es „Topsyturvyness“: Dabei führte er eine absurde Ausgangssituation, wie sie für die Melodramen der Epoche typisch waren, zum irrwitzig-logischen Ende, und dies mit einer atemberaubenden Sprachakrobatik, in der mitunter Anklänge an spätere absurde Dichtung erkennbar sind.

Die Themen entnahm er dabei dem sozialen und kulturellen Umfeld des Viktorianischen Zeitalters: Da wird die Frage des Universitätszuganges für Frauen ebenso thematisiert („Princess Ida“) wie der Konflikt zwischen Monarchie und Republikanismus („The Gondoliers“), politische Karrieristen werden ebenso entlarvt („H. M. S. Pinafore“) wie Finanzspekulanten („Utopia Limited“) oder bürokratischer Irrsinn („The Mikado“). Und natürlich bekommen auch die Kollegen ihr Fett ab: etwa die Verfasser von Schauer-Melodramen („Ruddigore“) und pseudoromantischem Kitsch („The Pirates of Penzance“), und auch Oscar Wilde fand sich als verspotteter Edel-Ästhet auf der Bühne des Savoy wieder („Patience“).

Auch heute sind die Opern noch beliebt

Dass ihre Zeitgebundenheit den Savoy-Opern nichts an ihrer Beliebtheit genommen hat, ist nicht zuletzt Arthur Sullivan zu verdanken, der sich ebenso genial wie hemmungslos aus dem Fundus der klassischen Musik bediente. Er schuf damit eine amüsante zweite Parodie-Ebene, wobei er Charaktere und Ereignisse mit Sorgfalt und Einfallsreichtum durchkomponierte. Es blieb seine persönliche Tragödie, dass er seine eigene Genialität in diesen „leichten“ Werken nicht zu würdigen verstand. Hinzu kam, nachdem die letzte der gemeinsamen Opern, „The Grand Duke“ 1896 gefloppt war, ein erneuter und diesmal unheilbarer Bruch mit Gilbert. Sullivan starb, geadelt und gefeiert, aber doch mit dem Gefühl, sein Lebensziel nicht erreicht zu haben, 1900 mit 58 Jahren.  William Gilbert überlebte ihn, Königin Victoria und auch noch Eduard VII. Als er 1911 starb, war er 74 Jahre alt.

Franz Metzger

 

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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