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Fußball, Rugby, Cricket

Sport in Großbritannien

Ob Rugby, Cricket, Fußball oder Käserennen: Die Briten sind einfach sportverrückt. Aber wo liegen die Wurzeln für diese Passion? Immerhin: Sport ist sogar ein Sprungbrett in die Politik.

Cricket ist nur eine von vielen Sportarten, die Großbritannien in die Welt „exportiert“ hat. | © Library of Congress

 

März des Jahres 1519: Die Jockeys peitschen ihre Pferde über eine Strecke von vier Meilen über unwegsames Gelände, der Sieger gewinnt 50 Pfund – eine stolze Summe für die Zeit. Das alljährliche Derby von Kiplingcotes in der nordenglischen Grafschaft von East Riding of Yorkshire ist heute eines der ältesten Traditionsrennen der britischen Inseln. Seit dem 16. Jahrhundert hat sich die Begeisterung der Briten für sportliche Veranstaltungen gehalten und sich auf viele weitere Sportarten und alle gesellschaftlichen Schichten ausgeweitet. Die Regelwerke vieler Breitensportarten, darunter Fußball, Cricket, Boxen, Rugby, Polo, Billard und Golf, wurden in Großbritannien niedergeschrieben.

England sieht Fußball als sein Vermächtnis an die Welt

Vor allem in England ist Fußball heutzutage die absolute Lieblingssportart der Massen und wird als kulturelles Vermächtnis an den Rest der Welt angesehen. Lange bevor dieser Sport seinen Siegeszug um die Welt antrat und Millionen begeisterter Anhänger fand, wurde an der Universität Cambridge im Jahre 1848 eine erste Regelsammlung formuliert. Kurz darauf entstanden die ersten Fußballclubs sowie ein nationaler Dachverband. Ein offizielles  Regelwerk wurde festgelegt, das fortan die Spielleitung durch einen unparteiischen Schiedsrichter und die Feldspielerzahl vorsah. Im Lauf der folgenden Jahre wurde vor allem auf die Abgrenzung zu Rugby geachtet: Als interessante Neuerung wurde beispielweise die Abseitsregel eingeführt.

Gesellschaftsschichten definierten sich über Sportarten

Bei den verschiedenen Mannschaftssportarten liegen deutliche regionale und soziale Unterschiede vor. Während sich Fußball seit dem 19. Jahrhundert als unangefochtene Lieblingssportart der Arbeiterklasse etabliert hat, gelten Rugby, Cricket und Polo in sozial höheren Schichten als besonders attraktiv. Diese gesellschaftliche Zuordnung ist historisch bedingt, da zum Fußballspielen keine umfassende Ausrüstung, keine Pferde und nicht einmal zwingend eine Rasenfläche nötig war. Rugby und Cricket  hingegen wurden von Eliteschulen angeboten und gefördert, worauf sich die gesellschaftlichen Klassen schnell über die von ihnen betriebenen Sportarten zu identifizieren begannen.

Sport als Sprungbrett in die Politik

Während seines „imperialen Jahrhunderts“ (1815 – 1914) beherrschte Großbritannien seine Kolonien. Das Empire griff aber auch in die Innenpolitik und die Verwaltung einer Vielzahl anderer, inzwischen nominell unabhängiger Staaten ein und  strebte nach dem Erhalt der Vormachtstellung, zum Beispiel in Südostasien. Zu diesen außenpolitischen und diplomatischen Unternehmungen war eine große Führungsriege nötig, die einen umfangreichen Verwaltungsapparat beschäftigte. Den Sprung in Führungspositionen schafften viele Angehörige der Oberschicht durch die Kontakte, die sie in ihren Sportvereinen geknüpft hatten.  Die Plattform des Sports hatte somit auch eine gesellschaftliche Dimension.  Viele, die sich in ihren Vereinen als verantwortungsbewusste, strebsame und durchsetzungsfähige Sportsmänner bewährt hatten, legten damit den Grundstein für eine Karriere im politischen Dienst.

Sportliche Wettbewerbe stehen auch im Mittelpunkt vieler traditioneller Veranstaltungen in Großbritannien. Bei den schottischen Highland Games treten die Wettkämpfer in verschiedenen Disziplinen, darunter Tauziehen, Ringen und Baumstammwerfen gegeneinander an. Althergebrachte Bräuche sind ein wichtiger Bestandteil dieser Feste, weswegen die sportlichen Wettstreite von Tanz und Musik begleitet werden. Ebenso traditionell und historisch ist das jährliche Käserennen am Cooper’s Hill in Brockworth in der englischen Grafschaft Gloucestershire. Dabei stürzen hunderte Wettkämpfer einem Käselaib hinterher, der einen enorm steilen Hügel hinuntergerollt wird. Das erklärte Ziel, den Käse zu fassen zu bekommen, ist dabei nicht nur absolut unerreichbar, sondern auch nebensächlich – im Vordergrund der Veranstaltung stehen Spaß, Vergnügung und die Wahrung eines 200-jährigen Brauches.

 

Jens Reitlinger

 

Zuletzt geändert: 02.06.2015

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